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Berliner Zeitung | NSU-Dokudrama im ZDF: Lisa Wagner überzeugt als Beate Zschäpe
25. January 2016
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NSU-Dokudrama im ZDF: Lisa Wagner überzeugt als Beate Zschäpe

Lisa Wagner spielt im Dokudrama "Letzte Ausfahrt Gera" Beate Zschäpe. Der Film läuft am Dienstagabend im ZDF.

Lisa Wagner spielt im Dokudrama "Letzte Ausfahrt Gera" Beate Zschäpe. Der Film läuft am Dienstagabend im ZDF.

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ZDF/J. Kartelmeyer

Ein Film ist wie ein Tanker. Einmal in Fahrt, lässt er sich nicht so schnell stoppen. Als Raymond und Hannah Ley mit ihren Dreharbeiten zu „Letzte Ausfahrt Gera“ begannen, war in München der Prozess gegen Beate Zschäpe in vermeintlich überschaubarem Fahrwasser: Die Angeklagte hatte sich auf Anraten ihrer Anwälte entschlossen, vom Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch zu machen. Und sie hielt sich nun schon seit geraumer Zeit an diesen Rat.

Der Versuch des Dokudramas, die schweigende Zschäpe in einer Filminszenierung durch eine Schauspielerin zum Sprechen zu bringen, schien also der richtige Kurs zu sein. Aber ausgerechnet am Ende der Dreharbeiten kündigte die Angeklagte an, ihr Schweigen zu brechen. Alles, was bisher eine Charakter-Spekulation war, würde sich nun einer neuen – womöglich eloquent belegten – Realität messen lassen. Was, wenn Beate Zschäpe sich in ihrer Aussage ganz anders darstellen würde als Lisa Wagner sie im Fernsehen zeigt?

Man kann sagen: Das Manöver ist geglückt. Oder auch: Die Filmleute haben Glück gehabt, das Beate Zschäpe sich doch treu geblieben ist und anders als angekündigt, nicht umfänglich ausgesagt hat. Dass der Film – um im Bild zu bleiben – ohne Havarie im Hafen einlaufen konnte, ist aber vor allem seiner Hauptdarstellerin zu verdanken.

Lisa Wagner gelingt es, eine schlüssige Interpretation ihrer Figur abzuliefern: Sie spielt die narzisstische Bedürftigkeit, kindliche Naivität, taktische Verschlagenheit, emotionale Ratlosigkeit ihrer Figur zugleich – und zugleich differenziert. So viele Ansatzpunkte zum emotionalen Verständnis Lisa Wagner auch abliefert, so wird dem Zuschauer der Einblick ins Innere der Beate Zschäpe letztlich doch verwehrt.

Der erste Versuch, den Komplex nachzuinszenieren

Der Kurs führt durch dicken Nebel, während der Film eine kleine wahre Begebenheit erzählt. Im Sommer 2012 fuhr das Bundeskriminalamt Beate Zschäpe von Köln nach Gera, um eine Begegnung der Untersuchungsgefangenen mit ihrer kranken Oma zu ermöglichen. Zwei Mal vier Stunden lang saßen zwei erfahrene Ermittler mit im Wagen. Sie plauderten im Smalltalk-Modus mit Zschäpe – immer in der Hoffnung, auf diese Weise etwas über sie, die Taten des NSU und Zschäpes Mitwirkung zu erfahren. Von dieser Fahrt quer durch Deutschland gibt es ein zwölfseitiges Protokoll, das aber – wie Raymond Ley in dieser Zeitung selbst zugab – „mit spitzen Fingern“ angefasst werden muss.

Auch diese Niederschrift ist nicht neutral, die Ermittler steuerten ein geheimes Ziel an und verstellten sich dafür. Ihre Mitreisende mag das durchschaut haben oder auch nicht. „Letzte Ausfahrt Gera“ will dieses Spiel im Spiel auch noch mitinszenieren. Aber Joachim Król gelingt es nicht so glaubwürdig wie Lisa Wagner, den ehrgeizigen Ermittler hinter dem freundlichen alten Herrn hervorblitzen zu lassen.

So ist „Letzte Ausfahrt Gera“ bei aller Virtuosität der Dialoge doch ein Lastkahn, der schwer an seiner umfänglichen Fracht trägt. Denn neben der Nachinszenierung eines Gespräches, das es so gegeben haben mag oder auch nicht, das aber in jedem Fall Beate Zschäpes Gefühle, Gedanken, Geraune in den Vordergrund stellt, sollen auch die Opfer nicht in Vergessenheit geraten. Die Angehörigen der Ermordeten kommen deshalb in Interviews zu Wort. Sie sind in jeder Weise ein Gegengewicht, äußern sich klar und unumwunden, zeigen ihre Gefühle, ihren Schmerz, ihre Wut und ihre Empörung über eine Polizei, die sie lange unter Verdacht hatte, weil niemand an einen rechtsradikalen Hintergrund der Mordtaten glauben wollte.

„Letzte Ausfahrt Gera“ ist nicht der erste Film über den NSU, aber der erste Versuch, den ganzen Komplex nachzuinszenieren. Parallel arbeitet die ARD an einem Dreiteiler, der den Tätern, den Opfern, dem Prozess jeweils abendfüllend beikommen will. Auch diese Produktion muss damit klarkommen, dass in München der Prozess noch nicht vorüber ist, dass die Angeklagte – ob stumm oder nicht – sich nicht hinter die hohe Stirn schauen lässt. Vielleicht ist die Entscheidung für mehr Zeit und für die Bildung einer Flotte dem monströsen Thema angemessen. Angemessener.

Letzte Ausfahrt Gera, Dienstag, 26. Januar 2016, 20.15 Uhr, ZDF

Unsere Autorin ist Leiterin der Abteilung Audiovisuelles Erbe in der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz.