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Qualitätsdebatte: TV-System auf Prüfstand stellen

Markus Lanz ist der Moderator von „Wetten, dass..?“. Das ZDF wird die Show in diesem Jahr einstellen.

Markus Lanz ist der Moderator von „Wetten, dass..?“. Das ZDF wird die Show in diesem Jahr einstellen.

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dpa

Berlin -

Mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist es wie mit Ostern: Ob man es als Hochamt oder als langes Wochenende begreift, ist eine Glaubensfrage. In beiden Fällen bekennt sich der Staat mit gesetzlichen Feiertagen und dem Beitragsservice zum Hochamt. Freilich sind diejenigen, denen die eigentliche Bedeutung (Grundversorgung! Neuer Bund!) nichts sagt, der Fun-Faktor dafür aber umso mehr heilig ist, in beiden Fällen inzwischen in der Überzahl.

Im Osterprogramm bildet sich diese Säkularisierung augenfällig ab: Von Einkehr ist wenig zu spüren, gesendet wird durchweg wenig Erhabenes – vom Weltkriegsdrama „Die Männer der Emden“ (siehe untenstehende Rezension) bis zur Familienshow „Klein gegen groß“, vom Krimiklassiker „Der Alte“ bis zum Sonntags-Melodram ist alles weitgehend wie immer. Selbst die beiden Kultur- und Bildungssender Arte und 3Sat (er)füllen ihren Programmauftrag mit einer Hommage an Claude Sautet oder der Würdigung von Charlie Chaplin, also gefälligem Gernseh-Fernsehen. Besonders pfiffig hat freilich der NDR programmiert: Im „Großen Wunschkonzert“ geht es ausgerechnet Ostersonntag um das zeitlos schöne Thema „Hochzeit“. Vielleicht, weil da auch neuerdings wieder öfter eine Kirche im Spiel ist?

In Berlin hatte die Akademie der Künste am Dienstag, also mitten in der Karwoche, in den eigenen Kulturtempel am Pariser Platz zu einem Gespräch über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geladen. Der Titel „Qualität über Gebühr – unter Niveau?“ versprach einen durchaus kritischen Diskurs über das Fernsehen. Die Gäste, die Akademiepräsident Klaus Staeck eingeladen hatte, ließen auf ein Gespräch hoffen, das von Sachkenntnis getragen sein würde: Für das öffentlich-rechtliche Qualitätsfernsehen standen die BR-Programmdirektorin Bettina Reitz, der Arte-Fictionchef Andreas Schreitmüller und die „360 Grad“-Redakteurin des ZDF, Milena Bonse, ein. Neben dem bekennenden Vielseher Staeck und dem scheidenden Grimme-Chef Uwe Kammann diskutierte unter der Leitung des Publizisten Volker Bergmeister mit Jacqueline Kraege, Chefin der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, dankenswerterweise auch die Politik mit. „Wenn jeder zahlen muss“, betonte Kraege eingangs, „stellt sich natürlich die Frage: Wofür?“ Schon diese Frage sei ja produktiv.

Wenig Gestaltungsspielraum

Auch wenn Andreas Schreitmüller gleich eingangs daran erinnerte, dass ja gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen frei von Quotendruck sei, sprach doch auf der kleinen Bühne keiner wie der Blinde von der Farbe, predigte niemand einen Qualitätsbegriff, der mit großer Geste die Nutzungsinteressen des Mehrheitspublikums ignoriert. Aber diese erfreuliche pragmatische Ausrichtung, die man vielleicht gerade in der Akademie der Künste am wenigsten erwartet hätte, vermittelte am Ende den irritierenden Eindruck, einen nennenswerten Gestaltungsspielraum habe das staatlich geschützte und üppig alimentierte öffentlich-rechtliche Fernsehen eigentlich nicht mehr.

„Wir versuchen, alle zu erreichen und dabei nicht beliebig zu werden“, sagte Bettina Reitz. „Wir müssten die Inhalte unserer Mediatheken nicht linear ordnen, sondern nach Inhalten organisieren wie Netflix oder iTunes“, forderte Milena Bonse. „Fernsehen war früher Orientierung, das ist weggefallen“, konstatierte Klaus Staeck. Kaum hatte Uwe Kamann ein Plädoyer für kleinere Publika gehalten, weil das doch der zunehmenden Fragmentierung der Gesellschaft entspräche, konterte Bettina Reitz: „Du brauchst aber auch Wiedererkennung!“ „Ich brauche das Ganze“, bekannte sich nun Klaus Staeck zu Florian Silbereisen, weil ihn das Hintergrundrauschen des Unterhaltungsfernsehens beim eigenen kreativen Arbeiten so inspiriere. Womit man dann wieder an Anfang angekommen war. Das Fernsehen ist für die meisten zu einer lieb gewonnenen Alltagsgewohnheit geworden. Das Hochamt wird nun im Internet zelebriert.

Bei Lichte betrachtet ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen tatsächlich in einer schwierigen Lage, die das TV-System mit den christlichen Kirchen teilt: Die Menschen finden es zwar extrem schick, kirchlich zu heiraten und Arte zu schauen. Sie schicken ihre Kinder in katholische Kindergärten und setzen sie vor den Kinderkanal. Aber im Alltag interessieren sich nur noch die Alten für Gemeindearbeit, Gottesdienst und das laufende Fernsehprogramm. Der Generationenabriss ist unübersehbar und muss auf Dauer dazu führen, dass die Gesellschaft ihr Alimentierungsversprechen (Kirchensteuer! Beitragsservice!) infrage stellt.

Eingeständnis des Bedeutungsverlustes

Andererseits ist gerade die Perspektive der Generation Globalisierung weniger denn je auf das nationale Fernsehen und den christlichen Glauben ausgerichtet: Im Theismus reicht das spirituelle Angebot inzwischen von Yoga bis Buddhismus, in der Televison heißt die Konkurrenz zum linearen Fernsehen Youtube oder Watchever.

Nur: Was tun? Das eigene, erhabene Sendungsbewusstsein erst recht schärfen oder sich den neuen Marktbedingungen mit gelockerten Geboten andienen? Hier wie dort ist jeder Schritt in die eine wie in die andere Richtung brandgefährlich. Schockstarre aber – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche – ist auch keine Lösung.

Wenn das ZDF sich von „Wetten, dass..?“ verabschiedet, wird dieses Zeichen von der Öffentlichkeit ähnlich gedeutet, wie der Verkauf von Kirchenräumen: Es ist das Eingeständnis des eigenen Bedeutungsverlustes. Den aufzuhalten, ist womöglich gar nicht möglich. Und sicher nicht mit wohligem Gernseh-Fernsehen. Warum, so fragt man sich denn doch, wurde die grandiose Dokumentation „24h Jerusalem“ eigentlich vergangene Woche und nicht Ostern gezeigt? Wieso werden nicht mal alle Folgen von „Im Angesicht des Verbrechens“ wiederholt? Weil wir nämlich gerade an langen Wochenende keine Zeit mehr für gutes Fernsehen haben.


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