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Reform: Deutschlandradio will die Jungen erreichen

Reformen drängen ins Funkhaus Berlin des Deutschlandradio Kultur.

Reformen drängen ins Funkhaus Berlin des Deutschlandradio Kultur.

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imago stock&people

Der Hörfunksender DRadio Wissen ist für junge Hörer gedacht, wird aber im Schnitt von 46-Jährigen gehört, Deutschlandradio Kultur spielt morgens bisweilen Musik zum Abschalten, beim Deutschlandfunk wird moderiert wie vor 20 Jahren. Das Urteil von Programmchef Andreas Peter Weber klingt hart – und das in einem Jahr, in dem Deutschlandradio seinen 20. Geburtstag begeht.

Weber hat sich daher vorgenommen, die drei nationalen Programme zu profilieren. Sie sollen sich stärker voneinander unterscheiden. Den Anfang gemacht hat am Mittwochmorgen um 6.30 Uhr der vor vier Jahren gestartete und nur digital oder per Livestream zu empfangende Bildungssender DRadio Wissen. „Schaum oder Haase“ heißt die neue Frühsendung mit den Moderatoren Marlis Schaum und Till Haase. Was davon vorab in Probeaufnahmen zu hören war, erinnert an eine x-beliebige Jugendwelle, was Weber ungern hört. Der Wortanteil sei mit 60 Prozent ungleich höher, die thematische Herangehensweise tiefer, sagt er. Die emotionale Ansprache sei gewollt. Mit 80 Prozent sei der Anteil männlicher Hörer zu hoch gewesen. Ziel der radikalen Programmreform sei, Schulabgänger, Berufsanfänger und Studenten zwischen 18 und 30 Jahren zu erreichen.

Vorwurf: Gefällig

Um sie anzusprechen, hat sich Weber auch für eine andere Musikfarbe entschieden. Statt Elektro spielt DRadio Wissen nun zeitgenössischen Rock und Pop und am Freitagabend Black Music. Den Vorwurf, das Programm wirke gefällig, weist er von sich. Vielmehr ermögliche der Wegfall des starren Prinzips, jede Viertelstunde den Themenblock zu wechseln, mehr Flexibilität und thematische Tiefe: „Ist ein Thema besonders spannend, muss es nicht beendet werden, nur weil das Schema als nächstes die Nachrichten vorsieht. Künftig kann sich eine Sendung auch einmal eine halbe oder dreiviertel Stunde nur um ein Thema drehen.“

Seit September 2011 ist Weber Programmchef bei Deutschlandradio, dessen Aushängeschild der für seine Seriosität geschätzte Informationssender Deutschlandfunk in Köln ist. Auch er soll künftig zeitgemäßer wirken. Großen Handlungsbedarf sieht er beim Deutschlandradio Kultur in Berlin. Zu vage sei, was der Sender darstellen soll, ergab eine interne Studie.

Trennung von Politik und Kultur

Mit der auf den 12. Mai datierten Programmreform will Weber den Markenkern als nationaler Kultursender stärken. Größte Nebenwirkung wird sein, dass weder die „Ortszeit“ noch das „Radiofeuilleton“ in der bisherigen Form weiterexistieren. Das senderintern hohe Ansehen des „Radiofeuilletons“ steht Webers Einschätzung zufolge wegen seiner schweren Kost im Widerspruch zur Resonanz bei Hörern. Vor allem aber will er die Trennung von Politik und Kultur sowohl im Programm als auch in der Redaktion aufheben.

Das hat zur Folge, dass sich in der Primetime von 5 bis 9 Uhr, 12 bis 13.30 Uhr und 17 bis 18.30 Uhr politische und kulturelle Themen mischen sollen, „im Idealfall im Verhältnis 50 zu 50“, sagt Weber. Erreichen will er das durch gemischte Redaktionsteams. Mittelfristig wird sich das in der Unternehmensstruktur manifestieren. Noch weiß der Hörfunkrat als Aufsichtsgremium des Senders nichts davon. Geht es nach Webers Willen, werden die Hauptabteilungen Politik und Kultur jedoch abgeschafft. Stattdessen wird es eine Programmleitung mit den untergeordneten Ressorts Politik und Kultur geben. Bis es soweit ist, soll es drei Hauptabteilungen geben: Politik, Kultur – und Prime Time als dritte.

Was die Mitarbeiter des Deutschlandradio Kultur fürchten, ist etwa der Wegfall der über das Programm verteilten Rezensionen. Intern hat Weber das Programm mit einem „Gemischtwarenladen“ verglichen. Was er aber wolle, sei ein „Delikatessengeschäft“. Zur „besseren Wiederauffindbarkeit“ sollen Schwerpunkte wie eine einstündige Literatursendung eingeführt werden, in der Rezensionen etwa auch in Form von Gesprächen zwischen Moderator und Rezensent stattfinden.

„Dialogischer“ müsse das Programm werden, sagt Weber, bestreitet jedoch, dass dadurch weniger freie Mitarbeiter gebraucht würden. Anders bei DRadio Wissen: Dort wird die Zahl der Freien, auch der Moderatoren reduziert, um die Verbleibenden enger ans Programm zu binden. Die Mitarbeit bei anderen Sendern ist künftig wohl nicht mehr gern gesehen. So wird das Jubiläumsjahr für die Mitarbeiter wie für die Hörer ein Jahr des Umbruchs.



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