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Regisseur Lothar Lambert: Der Altmeister feiert Geburtstag

Wer partout nicht zum Film will, sollte Kreuz- und Schöneberg meiden – Lamberts natürliches Einzugsgebiet (Foto v. 2004).

Wer partout nicht zum Film will, sollte Kreuz- und Schöneberg meiden – Lamberts natürliches Einzugsgebiet (Foto v. 2004).

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Berliner Zeitung/Max Lautenschläger

Das Alter tendiert zur Biografie. Die jugendlichen Verrenkungen sind ja nicht vergessen, aber mit etwas Abstand hatte das Leben doch mehr zu bieten als Liebe, Sex und all die sonstigen Brutalitäten, die Lothar Lambert seinen Darstellern und sich selbst so lustvoll abverlangt hat in seinen Filmen. Was nicht heißt, dass es nostalgisch wird, wenn der König des Berliner Underground („Die Alptraumfrau“) ab heute seinen 70. Geburtstag feiert, mit allen Schikanen. Aber er hat sich eben entschlossen, aus diesem Anlass seine Dokumentarfilme zu zeigen. Die Porträts von Kollegen und Nachbarn, Mitstreitern und freiwilligen Opfern, bilden nun schon länger den Mittelpunkt seines Schaffens.

Der neueste heißt „Ritter der Risikorunde“. Es geht also, das ist bemerkenswert bei Lambert, um Männer. Aber was soll man machen? Die Frauen waren schon dran, in praktisch allen seiner über 30 Filme, und zuletzt geballt in seiner Doku-Liebeserklärung „Alle meine Stehaufmädchen – Von Frauen, die sich was trauen“.

Zu einem Risikoritter wird man, indem man einen einmal eingeschlagenen Lebensweg verlässt oder bei Lambert mitspielt, am besten beides. Arnfried Binhold etwa war mal sein Makler, zuvor jedoch ein stattlicher Kunsthändler am Kudamm. Heiko Behrens, Lamberts Spezialist fürs düstere Fach, ist heute Psychotherapeut. Die Szenegröße Bernhard Sachse, Besitzer des Lokals „Melitta Sundström“ am Mehringdamm, könnte man kennen. Allgemein aber gilt: Wer partout nie zum Film wollte, sollte um Kreuzberg und Schöneberg, Lamberts natürliches Einzugsgebiet, auch weiterhin einen großen Bogen machen.

Aber interessant, da ist der Filmemacher kategorisch und gelegentlich auch gnadenlos, müssen seine Gesprächspartner schon sein. Wie kommen wir jetzt zu Lothar Lambert? Ach ja, er macht selbst mit und stellt sich persönlichen Fragen, für den Meister der scheinauthentischen Selbstentblößung („Fucking City“) durchaus ein Novum. Dabei beschreibt er sich selbst als risikoscheu. Ist das Koketterie oder hat der Mann einfach einen anderen Risikobegriff?

Ein schwieriger Karrierestart

Als Endzwanziger begann er mit dem Filmemachen, stets auf Low-Budget-Basis, finanzierte quasi mit den Verlusten des einen Films den nächsten. Mit meist freiberuflicher Arbeit als Filmkritiker und Journalist – „nur in Anführungszeichen ein Risiko“ – verdiente er sein Geld. Eine Redakteursstelle verlor er, weil dem Herausgeber ein Verriss (der Film hieß ausgerechnet „Waterloo“) nicht gefiel. Damit war der Weg frei, für all die Lambert-Klassiker, wie „Fräulein Berlin“, „Verbieten verboten“ oder „Gut drauf, schlecht dran“.

Gelegenheit, diese wunderbaren Meisterwerke des sexuellen Realismus zu verpassen, hatte das Volk genug. „Fräulein Berlin“, mit seiner Stammdarstellerin Ulrike S., wird dennoch zu sehen sein, bereits gezeigt wurde „1 Berlin Harlem“ aus der dunklen Frühphase im Jahr 1974, mit einem Gastauftritt von Rainer Fassbinder. Zahlreiche Ausschnitte aus den Spielfilmen bieten aber auch die Dokumentarfilme, etwa Lamberts erster „So wahr ich liebe“, über seine Underground-Heroinnen Renate Soleymany und Nilgün Taifun.

Besonders rührend und kennzeichnend für den einfühlsamen, nur noch gelegentlich boshaften Lambert ist „As Showtime Goes by“, sein 2007 entstandenes Porträt der Berliner Schauspieler- und Kleinkunstszene. In der Rückschau wird deutlich: Was Underground ist, hat er über die Jahre immer breiter definiert. Vor seiner Kamera, hat man das Gefühl, wären selbst Leute wie du und ich verdammt schräge Vögel, mit unseren psychischen Macken und Lebensläufen, die doch in den seltensten Fällen den geraden Weg gehen. Aber ohne Lothar Lambert, das ist die Krux, wäre das nie zu sehen.

Der Jubilar hat sich übrigens auch neu erfunden: Eine Ausstellung im Schwulen Museum zeigt ihn, parallel zur Retrospektive in drei Berliner Kinos, als Malerfürst. Ein Leben in Eigenregie – so kann das noch eine Weile weitergehen.

Lothar Lambert – Das dokumentarische Werk: 24. Juli – 6. August im BrotfabrikKino; am 24. Juli, 20 Uhr, Premiere von „Ritter der Risikorunde“

Lothar Lambert – Hommage zum 70. Geburtstag: noch bis zum 2. August im Bundesplatzkino

Nackte Scham und schöne Schande. Ausstellung im Schwulen Museum bis 6. Oktober, Lützowstraße 73, mittwochs bis sonntags 14 - 18 Uhr; 6 Euro


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