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Schlechte Verkaufszahlen: Der Stern verglüht

„Sorry, Henri Nannen, es musste sein“, sagt der Chefredakteur Dominik Wichmann über den Umbau des Sterns.

„Sorry, Henri Nannen, es musste sein“, sagt der Chefredakteur Dominik Wichmann über den Umbau des Sterns.

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dpa/Christian Charisius

Der Umbau bei Gruner + Jahr wirke, sagte Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Rabe vergangene Woche über die Konzerntochter aus Hamburg: „Das zeigt sich an den Auflagen.“

Die Auflage des Wochenmagazins Stern kann er nicht gemeint haben. Zum Rückgang der Vertriebserlöse bei Gruner + Jahr dürfte der Stern im abgelaufenen Geschäftsjahr wesentlich beigetragen haben. Abgesehen von den rasant gestiegenen sonstigen Verkäufen lag die Abo-Auflage im vierten Quartal 2014 bei 219.000 Exemplaren (Vorjahr 243.000) und der Einzelverkauf bei 215.000 (Vorjahr 243.000) Exemplaren. Das neue Jahr schreibt die Entwicklung fort. Heft Nr. 9 („Der Fall Edathy“) erzielte einen Minusrekord. Nur 187.794 Hefte gingen über den Tresen, so wenig wie nie zuvor. Ist die große Blattreform, die der Verlag mit 25 Millionen Euro beworben hat, bereits verpufft?

„Sorry, Henri Nannen, es musste sein“, sagte Chefredakteur Dominik Wichmann, als er vor einem Jahr den neuen Stern präsentierte. Für einen Euro wurde das erste Heft verscherbelt, um neue Leser zu gewinnen. Es folgten weitere Gratisaktionen, denn „Deutschland testet den neuen Stern“. Doch anders, als der Verlag glauben machen will, scheint bei der Auflage keine Trendwende ersichtlich, auch beim Anzeigengeschäft nicht wirklich. Dort schreitet in der Langzeitbetrachtung die Linie im steten Zick-Zack von Jahr zu Jahr ein wenig weiter bergab. Sollte der anfänglichen Neugier der Anzeigenkunden und ihrer Lust, Teil des Projekts Stern zu sein, bei sinkender Auflage und ausbleibendem Werbewirbel Ernüchterung folgen, hätte sich die Blattreform sicherlich nicht ausbezahlt.

Julia Jäkel, die Vorstandsvorsitzende von Gruner + Jahr, will sich zu all dem nicht äußern. Weder über die Marktsituation noch die journalistische Relevanz des Stern will sie sprechen. Fragen zu dem Blatt, das stets als die „Lokomotive“ galt, „die den ganzen Verlag zieht“, kommentiert sie nicht.

Bemerkenswerte Betriebsratswahl

„Besuchen Sie uns in der Redaktion“, umwirbt der Stern in seiner aktuellen Ausgabe Neu-Abonnenten. Als Mitglied „im exklusiven Kreis der Stern-Insider“, heißt es dort, hätten sie die Chance, in den Genuss ganz besonderer Vergünstigungen zu kommen, zum Beispiel dem eines Redaktionsbesuchs: „Kommen Sie ins Gespräch mit unseren Redakteuren und erleben Sie, was Qualitätsjournalismus bedeutet. Zum Beispiel, wie der Alltag in der Stern-Redaktion aussieht und wie unser Magazin entsteht.“

Vielleicht können Besucher bei dieser Gelegenheit fragen, wie es kommt, dass die Titelgeschichte des aktuellen Stern nicht auf der Seite steht, die auf dem Cover genannt ist; oder wie es kommt, dass die Frage „Können Bisons zur Plage werden?“ in der Rubrik „Die Welt verstehen – Kurze Antworten auf aktuelle Fragen“ als drängendste behandelt wird. Womöglich würden Besucher aber auch abgeschreckt von der Stimmung, die sie am Hamburger Baumwall erleben.

Gleich fünf aus der Redaktion haben sich für die Betriebsratswahlen aufstellen lassen, was bemerkenswert ist. Der Stern-Redaktion war der Betriebsrat schon immer herzlich egal: Man war der Stern und regelte seine Angelegenheiten allein. Das ist nun anders. Die einst selbstbewusste Redaktion verspürt Angst. Noch bezeichnender ist, dass in den vergangenen Wochen gleich zwei Vollversammlungen stattfanden, beide ohne den Chefredakteur. Einhelliges Ergebnis: Die von ihm eingeführten Redaktionsstrukturen werden als einschnürend empfunden. Nach wie vor gelingt es Wichmann nicht, der anfangs begeistert empfangen worden ist, seine Leute mitzunehmen.

Lähmende Redaktionsstruktur

Am Dienstag teilte Wichmann mit, dass der von ihm eingesetzte Art Direktor Johannes Erler durch die in der Redaktion besser gelittenere Frances Uckermann ersetzt wird. Sie war schon in den 90er-Jahren beim Stern. Weitere Änderungen teilte er der Redaktion mit, will sich dazu aber auf Anfrage nicht äußern. So soll die Politik aus dem Deutschlandressort ins Berliner Büro wandern, das damit aufgewertet wird.

Entspannung in die als lähmend empfundene Redaktionsstruktur könnte die Reduktion von bisher drei Textteams auf nur noch eines bringen. Dadurch werden die Ressorts durch zusätzliche Autoren verstärkt. Aus der inhaltlichen Planung heraushalten sollen sich außerdem die „Managing Editors“ genannten Blattmacher. Damit bleibt die von Wichmann eingeführte Struktur bestehen. Die Redaktion hofft dennoch auf eine etwas weniger aufgeblähte Bürokratie, die selbstverantwortliches und damit kreatives Arbeiten erschwert.

Ob dieses Nachjustieren ausreicht, um im Sinne eines spannenden, informativen und unterhaltsamen Magazins wieder eine akzeptable Diskussionskultur aufkommen zu lassen? Das Projekt Nordwind, wie Wichmann die Reform des Stern nannte, sei kein endliches, sagte er seinerzeit. Weitere Änderungen wären möglich.