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Serie „Die Stadt und die Macht“: Wenn Berlin eine Bürgermeisterin hätte

Susanne Kröhmer (Anna Loos) bei einer flammenden Rede.

Susanne Kröhmer (Anna Loos) bei einer flammenden Rede.

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ARD/Frédéric Batier

Regisseur Friedemann Fromm gilt als Spezialist für politische und historische Stoffe. Dabei setzte er nicht nur preisgekrönte Berlin-Serien wie „Die Wölfe“ oder „Weissensee“ in Szene, sondern überzeugte auch als Regisseur in „Tatort“, „Polizeiruf“ oder Krimireihen wie „Unter Verdacht“. Von Dienstag bis Donnerstag zeigt die ARD die Mini-Serie „Die Stadt und die Macht“ an drei Abenden hintereinander, Friedemann Fromm kombinierte hier Familiendrama mit Polit-Thriller.

Herr Fromm, gehen Sie politische Stoffe anders an als an ein Melodram?

Nein. Themenfilme finde ich ganz furchtbar. So konnte ich bei „Weissensee“ nicht erwarten, dass sich die Zuschauer für die Stasi und die DDR interessieren und habe deshalb versucht, eine Konstellation zu entwickeln, die so universell und so spannend ist, dass man auch zuschauen würde, wenn es eine Brauereifamilie wäre.

Polit-Serien im Fernsehen hatten bislang kaum Erfolg im deutschen Fernsehen.

Nur von Politik zu erzählen, finde ich schwierig. Es gibt genügend Beispiele, die nicht funktioniert haben, deshalb existieren Vorbehalte bei den Sendern. Der Misserfolg der ZDF-Serie „Kanzleramt“ vor zehn Jahren hat ein Trauma bis heute hinterlassen.

Wie sind Sie „Die Stadt und die Macht“ angegangen?

Wir versuchen, eine universelle Tochter-Vater-Konstellation zu erzählen. Ich habe mit meinem Bruder Christoph den Entwurf von Martin Rauhaus noch mal aufgedröselt und geguckt: Was ist das Interessante an der Frau? Sie ist ja nicht das frische Mädchen, das alle Probleme aus dem Weg räumt, sondern ein sehr komplexer Charakter mit Schwachstellen.

Gab es Probleme bei der Durchsetzung in der ARD?

Da das Thema und die Figurenzeichnung nicht selbstverständlich für das deutsche Fernsehen sind, war das kein Selbstgänger. Es gab schwierige Entscheidungsprozesse, die man moderieren muss. Aber auch bei „Weissensee“ mussten wir anfangs kämpfen.

Die erste Folge zeigt die gängigen Vorbehalte gegenüber der Politik: Die Altparteien hängen zusammen, es gibt kein Unterschied zwischen SDU und CDP, wie sie im Film heißen.

Ich habe in der Tat Probleme, die Parteien noch auseinander zu halten. Alles ballt sich um die vermeintliche Mitte, andere Positionen werden extremeren Parteien überlassen. Die CDU ist massiv nach links gerückt und hat sich über die SPD gelegt, Angela Merkel ist ja linker als Helmut Schmidt. Die Verwaschung von Positionen ist für mich ein gesamtgesellschaftliches Problem. Das erlebe ich auch bei meinen Studenten. Alle wollen in den Konsensmodus.

Welche Anregung will die Serie geben?

Es kommt plötzlich eine Frau daher, die eine klare Meinung hat, und etwas, was ich vermisse: Leidenschaft. Wenn die Serie ein Anliegen hat, dann ein Plädoyer für Leidenschaft. Vielleicht können wir durch coole Figuren wie Wahlkampf-Manager Georg Lassnitz ja sogar Interesse für Politik wecken.

Der Anspruch Ihrer Heldin Susanne Kröhmer ist sehr hoch gesteckt: Sie will nicht nur Transparenz, sondern dem Bürger die Macht zurückgeben. Vielleicht will der die Macht aber gar nicht komplett zurück?

Das ist die schwierige Frage: Wie stark will ich mich politisch engagieren? Das höhnische Abarbeiten an Politikern ist ja einfach.

Berlin wird in Schnittbildern als pulsierende Metropole gezeigt, wirkt politisch aber wie eine Kleinstadt. Drei alte Kumpane ziehen seit Ewigkeiten an den Strippen. Passt das noch zusammen?

Es war ja lange so. Ich glaube, wenn man etwa beim Berliner Flughafen tiefer gräbt, wird man solche Leichen im Keller finden wie bei Degenhardt und Vater Kröhmer.

Muss die Stasi immer noch in jedem TV-Drama eine Rolle spielen?

Viele Wendegewinner waren Stasi-Mitarbeiter, westdeutsche Versicherungskonzerne haben gezielt nach hochrangigen Offizieren gesucht. 25 Jahre sind im Menschenleben noch nicht so viel.

Von wem haben Sie sich anregen lassen?

Frank Stauss, der Wahlkämpfe für Schröder und Wowereit gemacht hat, hat in allen Phasen beraten. Es war für uns das größte Kompliment, als er in unserer Kampa stand und gesagt hat: Genauso sah es bei uns aus! Viele Anregungen sind in die Figur des Georg Lassnitz eingeflossen, der von Martin Brambach gespielt wird. Der will aus Susanne Kröhmer ein erfolgreiches Produkt machen.

Sie haben Ihre Hauptrolle einer Schauspielerin anvertraut, die zuletzt in recht eindimensionalen Rollen zu sehen war: Anna Loos. War das ein Risiko?

Mir war immer klar, dass Anna Loos eine ganz tolle Schauspielerin mit einer Riesen-Bandbreite ist. Ich habe schon beim ersten Entwurf an sie gedacht. Sie trägt unsere Serie bravourös.

Die Besetzung von Thomas Thieme als Strippenzieher und Susannes Vater ist nicht sehr überraschend: Machtbesessene Politiker sind eine Paraderolle von ihm.

Es gibt nicht viele Schauspieler, die das Barocke dieser Figur verkörpern können. Thomas Thieme spielt aber sehr fein und differenziert, mitunter fast anrührend.

„Die Stadt und die Macht“ wird von der ARD drei Tage lang hintereinander gezeigt, also im selben Ausstrahlungsmodus wie „Weissensee“, was Sie mal kritisiert hatten.

Asche auf mein Haupt! Ich hatte, wie immer, große Sorgen, ob mein Projekt sein Publikum findet und bin nun froh, dass es so gut funktioniert hat. Ich habe inzwischen verstanden, dass diese Art Ausstrahlung keine Missachtung, sondern eine Wertschätzung ist.

Das Gespräch führte Torsten Wahl.


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