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Serien aus Deutschland: Ein Anfang, immerhin

Blochin (Jürgen Vogel) bekommt mal wieder Unannehmlichkeiten.

Blochin (Jürgen Vogel) bekommt mal wieder Unannehmlichkeiten.

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ZDF/Stephan Rabold

Was kam gestern im Fernsehen? Wenn Sie diese Frage nicht mit „Die Himmelsleiter“, sondern mit „House of Cards“ beantworten, gehören Sie definitiv dazu! Gestern schaltete die Streamingplattform Netflix in den USA die dritte Staffel der Serie frei. Wer wollte, konnte also noch in der Nacht alle 13 Folgen sehen. Der aktuelle Fernsehserienboom hat kaum Berührungspunkte mit dem Fernsehen, das jeden Abend Millionen Zuschauern mit einem vorgegebenen Programmablauf die Zeit vertreiben will. Ob „Homeland“ auf Sat.1, „Breaking Bad“ auf Arte oder „Downton Abbey“ im ZDF: die angesagten TV-Serien finden ihre Fans kaum bei den traditionellen Fernsehsendern, sondern weit früher auf den Video-on-demand-Plattformen wie Amazon Prime Instant oder iTunes.

Lange schauten die deutschen Serienautoren neidisch auf die erzählerischen Freiheiten ihrer amerikanischen, britischen oder dänischen Kollegen, die mit komplexen Themen und geheimnisvollen Hauptfiguren alle gängigen Erzählregeln fürs Fernsehen außer Kraft setzen. Diese Freiheiten waren nicht zuletzt möglich, weil die Serien des „Golden Age of Television“ sich nicht im Zapping-Wettbewerb des frei empfangbaren Fernsehens behaupten mussten.

Ausstrahlung im Herbst

Endlich auch in Deutschland zu diesem Niveau aufzuschließen, bedeutet deshalb aus Sicht der Sender, der seriellen Erzählung den Quotendruck zu nehmen. Die Serien neuen Typs – zwei von ihnen wurden auf der diesjährigen Berlinale vorgestellt – sind für ihre Sender kostbare Prestigeobjekte, deren Produktionsbudgets das Übliche weit überschreiten (und trotzdem nur ein Bruchteil von „Breaking Bad“ oder Mad Men“ gekostet haben). Statt der Einschaltquote zählt nun der Zuspruch der Seriengemeinde in den Mediatheken. Es geht darum, endlich dazuzugehören.

Die Entwicklungsgeschichte der ZDF-Serie „Blochin“ zeigt, wie sehr sich die Fernsehfilmredaktionen inzwischen unter Druck fühlen. Ursprünglich hatte der Berliner Filmemacher Matthias Glasner „Blochin“ nämlich als Einzelstück für den ZDF-Fernsehfilm am Montag entwicklet gedreht. Wie nicht selten, wenn auf dem Lerchenberg etwas gefällt, kam der Gedanke auf, aus „Blochin“ eine typische ZDF-Krimireihe werden zu lassen. Noch während sich Glasner an diese Aufgabe machte, plante das ZDF ein weiteres Mal um. „Blochin“ wurde zur Miniserie erklärt, man gab einen weiteren 90-Minüter und drei 45-minütige Folgen in Auftrag. Kein Wunder, dass die Pilotfolge von „Blochin“ dichter und konsequenter wirkt als die anschließenden Episoden. Immerhin ist Glasner mit „Blochin“ ein ästhetisch relativ geschlossenes Werk gelungen, das der großen Berlinale-Leinwand aufgrund einer interessanten Kameraführung durchaus standhielt.

Im Hinblick auf die Story zeigt sich aber, dass es mit der Absicht, zum internationalen Serienstandard aufzuschließen, nicht allzu weit her ist. Nicht selten tritt das Drehbuch der drei Binnenfolgen ratlos auf der Stelle und wirkt phasenweise sogar lächerlich. Er sei erstaunt gewesen, wie wenig man ihm aus seinen Drehbüchern herausgestrichen habe, verriet Glasner auf einer Podiumsdiskussion und riet allen Kollegen, genau jetzt Serienstoffe anzubieten. Glaser selbst hat vom ZDF bereits den Auftrag für eine zweite Staffel erhalten.

Noch größer als für das öffentlich-rechtliche ZDF ist das Wagnis Serie für RTL. Der Privatsender, der über mehr als ein Jahrzehnt hinweg sein Publikum kaum mit fiktionalem Programmen, sondern in der Primetime vor allem mit Casting-shows oder Reality-Programmen bei Laune hielt, will nun mit der Miniserie „Deutschland 83“ das Feld von hinten aufrollen. „Wir werden die Messlatte für deutsche Serien neu definieren“, hatte Produzent Nico Hofmann angekündigt. Dieser Spruch wird sicher vor allem Regina Ziegler ärgern, die mit „Weissensee“ für die ARD längst eine historisch anspruchsvolle, horizontal erzählte Miniserie entwickelt hat.

Tatsächlich ähnelt „Deutschland 83“ in vielem und im besten Sinne „Weissensee“. So wie sich Autorin Annette Hess für die DDR-Serie am Genre der Familienserie orientiert hatte, bedient sich Anna Winger, Autorin von „Deutschland 83“, an den Genretopoi des Agentenfilm. Im Zentrum ihrer Serie steht Martin, ein junger NVA-Offizier, der aus innerer Überzeugung – und vielleicht auch mangels Alternative – seinem Land an der deutsch-deutschen Grenze dient. Jenseits des Eisernen Vorhangs tut es ihm seine Tante als Geheimagentin im Auftrag der Stasi gleich. Sie will einen jungen Geheimagent in die Bundeswehrspitze einschleusen. Ausgerechnet ihr eigener Neffe, in Sachen Spionage komplett unausgebildet, erscheint ihr bestens geeignet. Was ihm an technischen Fertigkeiten zum Superspion fehlt, trichtern ihm die Stasi-Fachleute in einer einzigen Montagesequenz ein.

Gute Show

Die mangelnde Erfahrung des jungen Geheimagenten ist natürlich ein probates Mittel zur Spannungserzeugung. Sein Über-Nacht-Wechsel in die kapitalistische Konsumwelt folgt dem gängigen dramaturgischen Motiv „Fish out of Water“ und lädt zu mancher Situationskomik ein. Um den Hauptdarsteller Jonas Ney („Homevideo“) herum hat die Produktion mit Maria Schrader (als coole Tante), Sylvester Groth (als Stasioffizier) und Ulrich Noethen (als ahnungsloser Bundeswehrgeneral) eine Phalanx von bekannten und trittsicheren Schauspielern gesetzt. Sie liefern alle eine gute Show ab, machen aber aus dem Unterhaltungsversprechen für den Zuschauer kein Geheimnis: Maria Schrader ist mondän, Sylvester Groth zynisch, Ulrich Noethen ein besserer Mensch.

Für RTL mag „Deutschland 83“ trotzdem ein Kulturbruch sein, denn die Geschichte zwingt das Publikum, sich mit der jüngeren (friedens)-politischen Vergangenheit mindestens oberflächlich auseinanderzusetzen. Immerhin ein Anfang.