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Sotschi 2014: Scheinheilige Überhöhung

Ein großer Tag: Russland besiegt die USA im Schlitten-Eishockey.

Ein großer Tag: Russland besiegt die USA im Schlitten-Eishockey.

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Getty Images/Dennis Grombkowski

In den Katakomben der Schaiba-Arena schiebt sich Wadim Seljukin von einer Kamera zur nächsten, von draußen dringen die Rufe der siebentausend Zuschauer hinein: „Rossija, Rossija“. Als Soldat hatte Wadim Seljukin im Tschetschenienkrieg beide Beine verloren. Nun postiert er sich vor dem Reporter des russischen Staatsfernsehens: „Das ist ein großer Tag für Russland, ein großer Tag für mich.“ Seljukin hat mit dem russischen Schlitten-Eishockeyteam die USA bezwungen, 2:1. „Ich dachte, diese Atmosphäre würde uns hemmen. Aber sie hat uns beflügelt.“

Die russischen Sportler: unterschätzte Helden. Diese Botschaft vermitteln viele Medien während der elften Winter-Paralympics in Sotschi. Zum ersten Mal finden die Weltspiele des Behindertensports in Russland statt, und schon jetzt übertreffen sie alle Erwartungen, sagt Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, des IPC: „Diese Spiele können die besten aller Zeiten werden.“ Er macht das an Rekorden fest: Bisher wurden mehr 300.000 Tickets verkauft, Fernsehbilder sind in 76 Ländern zu sehen, vor Ort sind 508 Journalisten und Fotografen aktiv. Dass 500 Kilometer weiter westlich russische Soldaten die ukrainische Halbinsel Krim de facto besetzt haben, kommt in diesem Zahlenspiel nicht vor.

Craven lobt die Resonanz der russischen Medien. Das Staatsfernsehen zeigt auf drei Kanälen rund 180 Stunden. Zum Vergleich: ARD und ZDF übertragen 21 Stunden. „Wir bringen nicht nur Sport und Ergebnisse, wir beleuchten die Schicksale der Athleten“, sagt Dmitry Lukashow, Reporter des Senders Rossija 2, der den Großteil der Berichterstattung übernimmt. Lukashow hatte von drei Olympischen Spielen berichtet, für die meisten russischen Journalisten sind es nun die ersten Paralympics, auch für ihn: „Wir wollen einen gesellschaftlichen Wandel mitprägen und behinderte Menschen in die Öffentlichkeit bringen.“ Getreu den Worten von Präsident Wladimir Putin, der zur besten Sendezeit forderte: „Alle Russen sollten die unendlichen Möglichkeiten unserer Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten wahrnehmen.“

Maria Komandnaya hält diese Worte für scheinheilig, sie berichtet aus Sotschi für den regierungskritischen Nachrichtensender TV Rain, der bald geschlossen werden soll. „Die Paralympics gehören zu Putins Propaganda, dafür gibt es Milliarden, aber alle anderen Menschen mit Behinderung haben es weiter schwer.“ Seit Jahrzehnten werden behinderte Menschen in Russland ausgegrenzt, es fehlen Infrastruktur und Aufklärungskampagnen. Die Regierung hatte 2011 ein landesweites Programm verabschiedet, um die Lage zu verbessern, Medien berichteten. Dass dieses Programm in den Regionen laut einer Studie von Human Rights Watch sehr schleppend verläuft, darüber berichten die meisten Medien nicht.

Fast 4500 Athleten nahmen an den Sommer-Paralympics 2012 in London teil, in Sotschi sind etwa 600 Athleten aktiv. Die Winterspiele sind mit fünf Sportarten wesentlich kleiner, in einigen Medien wie dem führenden Internetportal Sport.ru muss man nach Meldungen über die Behindertensportler lange suchen. Doch das ist auch außerhalb Russlands so: Die amerikanische Senderkette NBC oder die New York Times sind zum ersten Mal bei Paralympics vertreten. Die Zeitungsjournalisten aus Deutschland oder Großbritannien lassen sich an zwei Händen abzählen.

Vorhang auf für die Übermenschen

Dabei hatten 2012 gerade die britischen Medien ein nie gekanntes Pensum geliefert. Der Privatsender Channel 4 hatte mehr als 150 Stunden gesendet. Ihre landesweite Werbekampagne trug den Titel: Meet the Superhumans, Vorhang auf für die Übermenschen. Eine Überhöhung sei auch im russischen Staatsfernsehen zu erleben, beobachtet Maria Komandnaya von TV Rain: „Ständig werden die ‚unmenschlichen‘ Leistungen der Athleten gewürdigt.“ TV Rain hatte schon vor vier Jahren eine Themenstrecke über behinderte Menschen ins Programm genommen, eine Moderatorin ist selbst behindert. Der Sender wollte Probleme, aber auch persönliche Erfolge der Menschen zeigen.

Viele russische Journalisten achten darauf, behinderte Menschen nicht mehr als Invaliden zu bezeichnen. Neulich, beim Schlitten-Eishockey, forderte die Moderatorin des Senders Rossija 2 ihr Publikum auf, die russischen Paralympier genauso anzufeuern wie die „normalen Sportler“. Auf einem der Werbeplakate reckt die bekannte Schwimmerin Olesya Vladykina ihren rechten Arm jubelnd in die Höhe. Sie ist so positioniert, das man ihre Amputation auf der linken Seite nicht erkennen kann. In den Videos des Organisationskomitees fahren meist männliche Rollstuhlfahrer eine Rampe hinauf und wieder hinab.

Ähnliche Bilder prägten vor zehn Jahren auch die mediale Wahrnehmung in Deutschland, sagt Raul Krauthausen. Der Aktivist möchte mit dem Internetportal „Leidmedien“ Hinweise für eine sachliche Berichterstattung geben. „Wir sind keine Opfer und keine Superhelden“, sagt Raul Krauthausen. „Ich habe Glasknochen, ich kann höchstens Schach spielen.“ Überhöhung der Paralympier könne Menschen mit schweren Behinderungen auch abschrecken. Nach dem Motto: Was die schaffen, das schaffe ich nie.

In Russland stimmt Dmitry Tugarin zu, er ist Sportleiter der staatlichen Nachrichtenagentur Ria Novosti: „Am Anfang wollten die russischen Sportler nicht wirklich mit uns sprechen. Sie waren unsicher und wir waren es auch.“ Er hofft, dass die Paralympics das ändern. Zum Beispiel durch einen Turniersieg im Schlitten-Eishockey.