blz_logo12,9

Sparkurs bei Gruner+ Jahr: Henri-Nannen-Preis findet 2015 nicht statt

Der Henri-Nannen-Preis ist eine Ehrung für Journalisten. Foto: Marcus Brandt

Der Henri-Nannen-Preis ist eine Ehrung für Journalisten. Foto: Marcus Brandt

Der Henri-Nannen-Preis wird im kommenden Jahr nicht stattfinden. Die Veranstaltung gilt als jährliche Leistungsschau des deutschen Journalismus, mit der sich der Hamburger Verlag Gruner + Jahr als Hort des deutschsprachigen Qualitätsjournalismus präsentiert. Nun wird er erst einmal ausgesetzt. Ein Sprecher bestätigt, die Entscheidung sei „vor dem Hintergrund der kommunizierten Sparmaßnahmen und dem damit verbundenen Stellenabbau“ gefallen.

Mit Blick auf 75 Millionen Euro, die G+J über die kommenden drei Jahre einsparen will – unter anderem, indem hierzulande jede sechste Stelle gestrichen wird, erscheine dem Verlag die feierliche Preisverleihung „in dieser Lage nicht angemessen“. Es sei davon auszugehen, „dass Wettbewerb und Preisverleihung von der fortlaufenden Diskussion um Sparmaßnahmen und Stellenabbau überlagert würden und dass sich auch die Preisträger einem öffentlichen Diskurs stellen müssten, der mit ihrer ausgezeichneten Leistung nichts zu tun hat.“

Will G+J die Preisträger vor öffentlichen Diskussionen schützen – oder sich selbst vor Fragen, inwiefern das ehedem größte europäische Zeitschriftenhaus noch für Journalismus in der Tradition Henri Nannens steht? Der Verlagssprecher sagt, mit den Verantwortlichen und der Jury soll darüber nachgedacht werden, „wie der Henri-Nannen-Preis in Zeiten tiefgreifender Veränderungen der Medienlandschaft modernisiert und weiterentwickelt werden kann.“

Gewöhnliche Reporter bleiben draußen

Hervorgegangen ist der Henri-Nannen-Preis aus dem 1977 vom Stern-Gründer Henri Nannen ins Leben gerufenen Egon-Erwin-Kisch-Preis. Bis 2004 wurde damit alljährlich die beste Reportage ausgezeichnet. Sie gilt als Königsdisziplin im Journalismus. Zwar gab es immer wieder Kollegen, die ihn als „Kitsch-Preis“ verulkten, wenn es in den prämierten Texten allzu gefühlig wurde. Jegliche Kritik verstummte jedoch im Moment der eigenen Nominierung.

Auf die dazu gehörende Feier freute sich ohnehin ausnahmslos jeder. Sie fand immer im Foyer des Verlagsgebäudes am Baumwall statt. Ungezwungen, in Jeans oder Anzug, saßen und standen dann die Kollegen beieinander, tauschten sich mit altbekannten aus, lernten neue kennen, und am Ende taten sie sich zu Grüppchen zusammen und feierten bis in die Morgenstunden in umliegenden Kneipen oder Hotelbars weiter. Doch irgendwann reichte das Gruner + Jahr nicht mehr.

Burda hatte den Bambi, Springer die Goldene Kamera, sogar Bauer hatte mit der Goldenen Feder eine eigene Gala. So etwas Glanzvolles, Glamouröses wollten sie bei G+J auch – nur nicht mit ganz so aufdringlichem Sponsoring. Auch sollte es nicht darum gehen, irgendwelche Prominente auszuzeichnen, die gerade verfügbar sind und ansonsten mit bloßer Anwesenheit schmücken. So entstand der Henri-Nannen-Preis. Die Absicht: „Qualitätsjournalismus im deutschsprachigen Raum fördern und pflegen und gleichzeitig das Andenken des Stern-Gründers Henri Nannen lebendig halten“.

2005 fand die erste Verleihung statt, im Hamburger Schauspielhaus. Seither gilt Smoking-Pflicht, und für gewöhnliche Reporter findet sich auf den Rängen zwischen den Großen der Branche, den Geschäftspartnern des Verlags und den Prominenten der Hansestadt nicht viel Platz. Als Reaktion darauf gründete eine Gruppe um Cordt Schnibben vom Spiegel 2007 das Reporterforum. Es versteht sich als Branchentreffen, auf dem einmal im Jahr Reporter, „über ihre Texte, ihre Projekte, ihre Kollegen reden“. Dazu gibt es seit 2009 den Deutschen Reporterpreis.

Viele Eklats in den letzten Jahren

Und doch: Beim Henri-Nannen-Preis stand der Journalismus immer im Zentrum, nicht zuletzt dank des programmlichen Rahmens im Schauspielhaus und später auf Kampnagel, wohin G+J wegen des Umbaus der größten deutschen Sprechbühne ausgewichen ist. Selbst Kurt Kister, der Partys scheuende Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, schrieb kürzlich in seinem Wochenend-Brief an die Abonnenten: „Trotz eines hohen Hamburger Chichi-Faktors“ gehöre der Henri-Nannen-Preis zu den „meistens seriösen Veranstaltungen, die trotz des Selbstbeweihräucherungsfaktors sinnvoll und nachgerade ehrenvoll sind“.

Kritik am Henri-Nannen-Preis gab es durchaus. Zunächst, weil gefühlt immer dieselben Medien ausgezeichnet wurden. Dazu gesellten sich in den vergangenen Jahren gleich mehrere Eklats: Da war jener um den Spiegel-Journalisten René Pfister, der im Moment der Verleihung arglos bekannte, die von ihm so eindrücklich beschriebene Szene in Horst Seehofers Keller mit der Modelleisenbahn gar nicht selbst erlebt zu haben. Wochenlang stritten sich die Jury und mit ihr die gesamte Branche. Am Ende wurde Pfisters Preis aberkannt, mehrere Juroren stiegen aus.

Ein Jahr später lehnte Hans Leyendecker von der Süddeutschen den Preis ab, weil er auch an Bild-Journalisten für die Berichterstattung zur Affäre Christian Wulff ging. In diesem Jahr folgte der Eklat um Jacob Appelbaum, der als einer von mehreren Spiegel-Redakteuren die von Rainer Fetting gestaltete Bronze annahm, den ganzen Abend nicht hergab und hinterher mitteilte, sie wegen Nannens ihm erst danach bekannt gewordenen Nazi-Vergangenheit einschmelzen zu wollen.

Sicherlich: Mit den nahezu zwei Millionen Euro, die der Henri-Nannen-Preis jährlich gekostet hat, mitsamt den drei damit das ganze Jahr über beschäftigten Mitarbeitern, spart G+J mehr ein, als bei der Kürzung des Ausbildungsgeldes für 16 Henri-Nannen-Schüler von 761 auf 400 Euro. Andererseits: Der Springer-Konzern setzte seine Goldene Kamera auch einmal aus, um über Sinn und Art der Veranstaltung nachzudenken. Inzwischen findet die Gala wieder statt – unter dem Dach der Funke-Gruppe, die Springer die Programmzeitschrift Hörzu abgekauft hat.