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Berliner Zeitung | Spiegel-Chefredakteur Büchner: Er könnte in die Geschichte eingehen
30. July 2014
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Spiegel-Chefredakteur Büchner: Er könnte in die Geschichte eingehen

Wolfgang Büchner, Chef von Spiegel und Spiegel Online (Archivbild).

Wolfgang Büchner, Chef von Spiegel und Spiegel Online (Archivbild).

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imago stock&people

Vielleicht liegt es ja an der Fallhöhe. Das Magazin Der Spiegel ist nicht nur einflussreicher, wichtiger und renommierter als andere. Es zieht auch schneller Spott auf sich: Zum Beispiel, wenn mal wieder Kritik der Redaktion am Chefredakteur öffentlich wird, aktuell trifft es Wolfang Büchner. Gern heißt es dann, der Spiegel sei unregierbar, die Dauernörgler und Besitzstandswahrer begriffen die Zeichen der Zeit nicht. Doch das wäre zu kurz gegriffen. Es hat sich auch beim Spiegel herumgesprochen, dass es das Internet gibt und Print seine Schwierigkeiten hat.

Wie nahezu alle Zeitungen und Zeitschriften leidet der Spiegel unter dem sinkenden Anzeigengeschäft, der schrumpfenden Auflage, darunter, dass sich viele kostenlos im Netz informieren, inzwischen selbst dort die Werbeerlöse sinken, und keiner weiß, wie mit mobilen Anwendungen Geld zu verdienen ist – geschweige denn so viel, dass das die Verluste im Printgeschäft ausgleicht.

Zukunft erfolgreich gestalten

Genau in dieser Situation glaubte der Geschäftsführer Ove Saffe, mit Büchner den richtigen Mann gefunden zu haben. Bei seiner Berufung sagte er, Büchner bringe „alle Voraussetzungen“ mit, die Print- und Online-Redaktion „erstmals gemeinsam zu führen und damit die publizistische Zukunft der Medienmarke Spiegel erfolgreich zu gestalten.“ Zweifel waren schon damals angebracht. Büchner hat nie Blatt gemacht, ist nie als politischer Kopf aufgefallen.

Seit September 2013 ist der 47-Jährige im Amt. Es wäre vermessen zu behaupten, Wolfgang Büchner sei beim Spiegel angekommen. Viele Gespräche an der Hamburger Ericusspitze drehen sich nur noch um den Zeitpunkt und die Art seines Abgangs. Wetten laufen, ob er als Chefredakteur erleben wird, dass der Spiegel von 2015 an sonnabends erscheint, sogar, ob er beim 25. Geburtstag von Spiegel Online am 3. November noch die Rede halten wird. Büchner hat gute Chancen, als der am kürzesten amtierende Spiegel-Chef aller Zeiten in die Mediengeschichte einzugehen.

Vor ein paar Wochen war eine Delegation aus drei Ressortleitern bei Saffe. Im Auftrag aller Ressortleiter sollten sie ihm mitteilen, dass Büchner untragbar sei. Diese Form des Protests hat eine neue Qualität.

Woran liegt’s? Es ist nicht nur, dass Büchner einen Mann der Bild-Zeitung an die Spitze der Spiegel-Redaktion geholt hat; es ist nicht nur, dass er unvorbereitet wirkt, Debatten nicht standzuhalten vermag oder mit dem Satz beschließt, er sehe das eben anders. Aber in der Summe sind es Gründe. „Weder hat er ein Gespür für Themen wie Stefan Aust, noch brennt er für Geschichten wie Georg Mascolo“, sagt einer mit Blick auf die Vorgänger, ein anderer formuliert es ähnlich, ein Dritter nicht viel anders. Büchner schlägt Verachtung entgegen.

Er selbst hält alle Vorwürfe für „absurd“. Die Ablehnung nimmt er nicht wahr. Er erlebt „eine immer besser werdende Debattenkultur beim Spiegel, die ja auch in Form des Leitartikels sowie der Kolumnen ihren Niederschlag im Heft findet“.

Die Redaktion labt sich daran, wenn ein externer Blattkritiker in der Konferenz das neue Kommentarkonzept zerreißt und Büchner kaum an sich halten kann. Auch sie selbst spart sogar vor externen Gästen nicht mit Kritik. Büchner nennt das „leidenschaftliche Diskussionen“, sie gehörten zur „Kultur des Hauses“.

Und was sagt er zu Klagen über seine mangelnde Präsenz? Oft dachten die Onliner, er sei bei den Printleuten, wenn er nicht da war, während die Printleute das Umgekehrte dachten. Inzwischen haben auch Verlagsleute ihre Erfahrungen gemacht und schlussfolgern: Es muss etwas dran sein an den Behauptungen der Redaktion. Büchner vermag das nicht nachzuvollziehen: „Dass ein Chefredakteur für Print und Online nicht in beiden Redaktionen gleichermaßen präsent sein kann, ist selbstverständlich.“ Genauso selbstverständlich sei, „dass ich für die Redaktionen jederzeit erreichbar war und bin“. Die Redakteure sagen anderes.

Und dann war da die denkwürdige Gesellschafterversammlung der Mitarbeiter KG Ende Mai. Denkwürdig wegen der Zahlen zum abgelaufenen Geschäftsjahr: Demnach lag der Überschuss des Spiegel-Verlags bei 24,8 Millionen Euro – das sind nahezu 30 Prozent weniger als 2012. Auch die Gewinne des Kerngeschäfts lagen mit 25 Millionen Euro 27 Prozent unter Vorjahr. Der Umsatz des Spiegel-Verlags sank um fünf Prozent auf 202,7 Millionen Euro. Die Mitarbeiter erfuhren, dass binnen einer Dekade das Anzeigenvolumen des Spiegels um fast 60 Prozent zurückgegangen ist und 2013 erstmals, trotz Preiserhöhungen, auch die Vertriebserlöse gesunken sind – um 2,4 auf 127 Millionen Euro.

Immerhin: Während die Printauflage sinkt, wächst die des digitalen Spiegels auf über 50 000 Exemplare und ist mit mehr als fünf Millionen Euro Gesamterlös eine relevante Größe. Auch die Spiegel-Net-Gruppe trug dank Spiegel Online 2013 zu den Gewinnen bei, mit einem Jahresüberschuss von 5,3 Millionen Euro. Im Vergleich zu anderen steht der Spiegel-Verlag in Sachen Digitalisierung nicht schlecht da. Doch die Rückgänge alarmieren. Den Mitarbeitern ist klar: Es muss sich etwas ändern.

Denkzettel abliefern

Denkwürdig war die Versammlung noch in anderer Hinsicht: Noch nie weigerten sich so viele Mitarbeiter, die fünf Geschäftsführer der KG zu entlasten. 252 Ja-Stimmen standen 96 Nein-Stimmen und 42 Enthaltungen entgegen, berichten Teilnehmer. Das war der Denkzettel dafür, dass die KG-Chefs die Berufung des Bild-Mannes zuließen und bis auf einen alle Büchners Wunsch entsprochen haben, Martin Doerry als Vize abzulösen.

Ein intellektueller Verlust sei das, hieß es in der Aussprache. Ein nie dagewesenes Vakuum an Identität beklagte ein anderer. Kritisiert wurden auch einzelne Titel, die dem Renommee schadeten. Der Blick auf den Focus oder den gerade wieder vor einer Blattreform stehenden Stern beweist zwar: Die Konkurrenz fordert auch nicht gerade zu Höchstleistungen heraus. Eine Aufmachung wie die der aktuellen Spiegel-Ausgabe kannte man bisher aber nur von Blättern wie Bild.

Zu sehen sind Porträts lachender Menschen, dazwischen die Zeile „Stoppt Putin jetzt“. Die Gesichter gehören den Opfern des Flugs MH17, unter den Fotos stehen die vollen Nachnamen. Die ersten Beschwerden sind beim Presserat bereits eingegangen. Die „Opfergalerie“, wie solche Fotocollagen zynisch heißen, erinnert den Sprecher des Selbstkontrollorgans, Lutz Tillmanns, an den Amoklauf in Winnenden, das Attentat auf Utoya und die Loveparade in Duisburg. Als Boulevardmedien seinerzeit solche Galerien veröffentlicht haben, stellte der Presserat fest: Die durch die Fotos entstehende Emotionalisierung sei vom ethischen Standpunkt her nicht erforderlich. In den präzisierten Richtlinien heißt es: „Nur weil Menschen zufällig Opfer eines schrecklichen Verbrechens werden, rechtfertigt dies nicht automatisch eine identifizierende Berichterstattung über ihre Person.“

Irgendwie tut sich nichts

Die Frage dieser Zeitung, ob der Spiegel vorab die Angehörigen um ihre Einwilligung für den Abdruck der Fotos gebeten hat, verneint die Chefredaktion und rechtfertigt sich: „Der Spiegel hat sich bei der Auswahl der Fotos aus öffentlich zugänglichen Quellen bedient. Wir halten die Optik für angemessen, denn es handelt sich um Opfer der ruchlosen Machtpolitik des russischen Präsidenten Putin. Dies rechtfertigt nicht nur eine so starke, emotionale Optik, es macht sie geradezu notwendig – und zwar im Interesse der Opfer und ihrer Angehörigen.“

Auch im Innern des Heftes ist ein Foto abgedruckt. Es zeigt, weder verpixelt noch mit Augenbalken, ein kleines Mädchen, gut kenntlich, unter Trauernden. Man kann das alles für eine Fehlentscheidung halten und sich fragen, warum keiner seiner Kollegen Büchner davon abgehalten hat.

Als klar war, dass Büchner kein Blattmacher ist, hieß es, sein Job sei ohnehin mehr der des „Change Managers“, der ein schlüssiges Digitalkonzept entwickeln, Spiegel und Spiegel Online enger verzahnen und einen Weg finden soll, wie mit Journalismus auch bei mobiler Nutzung Geld zu verdienen ist. Inzwischen sind die Gräben eher tiefer, und die Zweifel sind gewachsen, ob das Erweitern der App mit angehängten Originaldokumenten und Filmen nicht zu teuer, juristisch zudem heikel und im Zweifel eher für die Konkurrenz als für den Leser interessant ist. Die Klagen wiederholen sich seit Monaten, mit wen man auch beim Spiegel spricht. Der Eindruck ist: Irgendwie tut sich nichts.

Büchner hat eine andere Wahrnehmung. Er sagt, weite Teile der Redaktion hielten seine Digitalstrategie für richtig. „Wie bei jedem großen Veränderungsprozess gibt es allerdings auch entschiedene Gegner. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich das Miteinander in dem Maße verbessert, wie wir unsere Konzepte in den kommenden Monaten umsetzen werden. Ich setze auf all diejenigen, die wollen, dass der Spiegel auch in zehn Jahren noch die stärkste deutsche Medienmarke ist.“

Darauf setzt auch die Redaktion, und genau deshalb halten viele Büchner für den Falschen. Aber wer macht den ersten Schritt: Saffe, der schon bei Mascolo und Mathias Müller von Blumencron den Fehler eingeräumt hatte, dem Treiben zu lange zugesehen zu haben? Die Mitarbeiter KG, deren Geschäftsführer inzwischen mehrheitlich für Büchners Ablösung sein sollen? Oder Büchner selbst? Zum Beispiel könnte er nachvollziehbar private Gründe nennen, wieder ganz nach Berlin ziehen zu wollen.

Im Moment ist Urlaubszeit, es passiert wenig. Aber klar ist jedem: Niemandem von außen ist zuzumuten, der nächste Spiegel-Chef zu werden. Das Gros setzt auf Martin Doerry und Klaus Brinkbäumer als Doppelspitze. Sie waren die kommissarischen Chefs vor Büchner – in einer Zeit, in der Auflage und Themen stimmten und die Redaktion in Aufbruchstimmung war wie lange nicht.