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The Guardian: Auf die nächsten 30 Jahre

Laura Poitras und Ewan MacAscill beim Online-Chat mit Edward Snowden.

Laura Poitras und Ewan MacAscill beim Online-Chat mit Edward Snowden.

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dpa/AP/Bebeto Matthews

In New York kam es vor einer Woche zu einer bemerkenswerten Begegnung. Der Chefredakteur des britischen Guardian, Alan Rusbridger, traf erstmals seinen Mitarbeiter Glenn Greenwald, der mit Laura Poitras seit einem Jahr die Abhörpraktiken der NSA enthüllt. In New York erhielten sie gemeinsam erst den Polk-Award, dann den Pulitzer-Preis. Rusbridger sitzt wie der Guardian in London; Greenwald in Rio de Janeiro; Poitras in Berlin. Koordiniert wurden ihre Texte von New York aus.

Noch vor wenigen Jahren sei der Guardian international zwar angesehen, aber kaum gelesen und wahrgenommen worden, schrieb das Fachblatt Columbia Journalism Review im Januar. Doch mittlerweile nehme es einen Spitzenplatz unter den englischsprachigen Zeitungen ein und gehöre zu den wichtigsten und einflussreichsten Journalismus-Organisationen weltweit. Schuld daran sind die Enthüllungsgeschichten über die Abhöraffäre von Rupert Murdochs News of the World, die Wikileaks-Depeschen und den globalen Abhörschirm der National Security Agency (NSA).

Wenn man von den Erfolgen des Guardian erzählt, dann muß man auch von den Misserfolgen der New York Times erzählen. Als am Montag vor einer Woche die Columbia University in New York die Pulitzer-Preise vergab, wurde das neue Kräfteverhältnis sichtbar. Erstmals erhielt der Guardian einen Pulitzerpreis und dann gleich in der wichtigsten Kategorie Public Service. Der Guardian wurde gemeinsam mit der Washington Post ausgezeichnet. Möglich war das nur, weil der Guardian 2011 ein Tochterunternehmen in den USA gegründet hat und nun als amerikanische Zeitung gilt.

New York Times geht leer aus

Der Guardian hat die Redaktion in New York auf 60 Mitarbeiter (darunter 30 Journalisten) aufgestockt und tatsächlich wurden die meisten NSA-Enthüllungen dort koordiniert. Zeitungen in den USA genießen mehr Schutz hinsichtlich Pressefreiheit als in Großbritannien, auch das ein Grund, die Geheimdienste von New York aus anzugreifen.

In den vergangenen Jahren hatte die New York Times jedes Jahr mindestens zwei dieser Preise für ihre Artikel erhalten, 2010 sogar drei und 2013 waren es vier. Dieses Jahr erhielt sie lediglich zwei Auszeichnungen für beeindruckende Fotoreportagen. Während sie 2013 für die mittlerweile berühmte digitale Erzählung Snowfall ausgezeichnet wurde, schaffte es die ebenso beeindruckende Feature-Serie „Invisible Child“ über ein obdachloses Mädchen 2014 nicht einmal in die Endauswahl. Dabei könnte man mit Recht behaupten, dass die Geschichte über das Lawinenunglück (Snowfall) nicht annähernd so relevant war wie die Serie über die auseinanderfallende Welt von Arm und Reich in New York.

In der Redaktion der Times hoffte man zu Recht, aber vergeblich auf einen Pulitzerpreis für Invisible Child. Die Reporterin Andrea Elliott begleitete das Mädchen ein ganzes Jahr und zeigte Mängel der Lokalpolitik. Sie habe keine Idee, warum kein Preis in der Feature-Kategorie vergeben wurde, schrieb Margaret Sullivan, Public Editor (Ombudsfrau) der New York Times. Die Enttäuschung ist verständlich.

Aber der Wandel im Kräfteverhältnis überrascht nicht. Als im Dezember 2012 auf einem Armeestützpunkt im US-Bundesstaat Maryland die Anhörung im Gerichtsverfahren gegen Bradley (mittlerweile: Chelsea) Manning begann, jenes amerikanischen Soldaten, der Wikileaks Hunderttausende von geheimen diplomatischen Dokumenten, vor allem über die Kriege im Irak und Afghanistan, zugespielt hat, da fehlte die New York Times. Ombudsfrau Sullivan fragte damals irritiert: Warum müssen Amerikaner den britischen Guardian lesen, um sich darüber zu informieren?

Immerhin fungierte die New York Times 2010 als einer der Kooperationspartner von Wikileaks und wertete die Dokumente exklusiv über viele Seiten und Ausgaben aus. Sie habe deshalb eine besondere Verpflichtung, jetzt über Manning zu berichten, forderte Sullivan. Er sei eine ihrer wichtigsten Nachrichtenquellen des vergangenen Jahrzehnts gewesen und die Berichterstattung von seinem Gerichtsverfahren eine Chronistenpflicht. Die Entscheidung, keinen Reporter zur Anhörung zu entsenden, sei bizarr und ein klares Versäumnis.

Die New York Times nahm sich ihre Worte zu Herzen, schickte fortan einen Mitarbeiter in den Gerichtssaal und so erfuhren ihre Leser im Februar, dass Manning die Dokumente eigentlich der Washington Post geben wollte. Weil er/sie sich dort in einem Telefonat nicht ernst genommen fühlte, wandte er sich angeblich an die New York Times. Doch weil sie nicht reagierte, landete Manning bei Wikileaks – und beim Guardian. Denn es war der Guardian, der Wikileaks überzeugte, der Zeitung die Dokumente zur Verfügung zu stellen und sie teilweise gemeinsam mit der New York Times und dem Spiegel zu veröffentlichen.

Zählbarer Erfolg

Jetzt erhält der Guardian den Lohn: Erstmals im März hat die Website die Grenze von 100 Millionen monatlichen Nutzern überschritten. Zwei Drittel der Leser leben außerhalb Großbritanniens, ein großer Teil davon in den USA. In der Rangliste der weltweit meistgelesenen Zeitungswebsites belegt der Guardian nun Platz drei - nach Mail Online (der britischen Daily Mail), der vor allem Boulevard veröffentlicht, und der New York Times. Eine Bezahlschranke für die Website ist im Gegensatz zur New York Times nicht im Gespräch, um mit der kostenlosen BBC konkurrenzfähig zu bleiben.

Die nationale und globale Expansion ist bemerkenswert und erfolgte in Etappen: Die Zeitung hieß bis 1959 „Manchester Guardian“, bevor sie sich aufgrund des Umzugs nach London umbenannte. 2011 gründete sie eine amerikanische, 2013 zudem eine australische Online-Ausgabe. Die Auflage des gedruckten Guardian beträgt nur 190.000 (2002 war es noch doppelt so hoch); sein Einfluß beruht auf der Website. Er könne sich vorstellen, dass der Guardian in fünf bis zehn Jahren nur noch als gedruckte Wochenzeitung und sonst nur digital erscheint, sagte Rusbridger 2013 dem „New Yorker“. Das Problem: Geld wird nach wie vor mit der gedruckten Ausgabe erwirtschaftet.

Der Guardian ist seit 1936 durch den Scott Trust abgesichert, benannt nach einem ehemaligen Chefredakteur und Eigentümer. Er muß keine Gewinne erzielen. Doch die finanzielle Situation schien bedenklich. Die Zeitung investierte viel Geld in Reporter und Recherchen und verlor Jahr für Jahr einen hohen Millionenbetrag – 2013 immerhin fast 37 Millionen Euro. Chefredakteur Alan Rusbridger akzeptierte 2012 zum zweiten mal eine Kürzung seines Jahresgehalts. Dennoch oder gerade deshalb kam im Herbst 2013 die besorgte Frage auf, ob der Guardian sich weiterhin leisten könne, global investigativ zu recherchieren.

Heilsbringer Kleinanzeige

Könnte er weiter wie 2013 drei Reporter um die halbe Welt schicken, um Dokumente zu sichten und einen Informanten zu befragen? Genau dazu hatte der Guardian vor einem Jahr drei Personen nach Hongkong zu einem Treffen mit dem ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden geschickt, obwohl damals ja noch keinesfalls so offensichtlich war, was sich in dessen Dokumenten alles verbirgt. Glenn Greenwald hatte einen Teil der Dokumente nach eigener Aussage erstmals auf dem Flug nach Hongkong gelesen. Da waren die Reisekosten längst bewilligt.

Das kann sich der Guardian nur leisten, weil zum Unternehmen der Guardian Media Group auch Publikationen wie die Kleinanzeigenbörse Auto Trader gehören, dessen Verkauf im Januar schätzungsweise 790 Millionen Euro erbrachte. Dadurch sei die Arbeit auf die nächsten 30 Jahre hinaus gesichert, versicherte der Guardian seinen Lesern. Solange die Verluste nicht steigen. 2012 warnte Guardian-Manager Andrew Miller bereits, das Vermögen des Trusts sei in drei bis fünf Jahren erschöpft. Das hätte das Ende der globalen Expansion bedeutet.

Als die New York Times im März Alan Rusbridger befragte, konnte er sich Zurückhaltung leisten. In seinem Buch über die Snowden-Enthüllungen schreibe sein Reporter Luke Harding, amerikanische Journalisten hätten zuviel Respekt vor Informanten aus der Regierung. Ob Rusbridger das ähnlich sehe? Amerika verfüge über einige der besten Journalisten und Zeitungen der Welt, sagte der Guardian-Chefredakteur. Er glaube nicht, dass es Großbritannien zustehe den Rest der Welt zu belehren. Er ließ die Frage für sich sprechen.