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Themenabend Flüchtlinge auf Arte : An der Grenze zu Europa

Gestrandet am Rande Europas: Flüchtlingskinder im türkischen Karkamis.

Gestrandet am Rande Europas: Flüchtlingskinder im türkischen Karkamis.

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zdf/Johan Schmejkal

Europa muss toll sein – in Paris versprühen Hubschrauber an jedem Morgen Parfüm über der Stadt! Das will zumindest Jawid seinem Cousin Rohani weismachen. Die beiden Mittzwanziger stammen aus einem Dorf in Afghanistan und fühlen sich von den Taliban bedroht. 7000 Dollar verlangt der Schlepper von jedem für die Reise nach Paris. Zwei französische Reporter schließen sich ihnen an.

Der deutsch-französische Kulturkanal Arte hat für seinen Themenabend „Europa und die Flüchtlingskrise“ gleich fünf Dokumentationen zusammengestellt. Die drei von ZDF und MDR beigesteuerten Filme spannen den Bogen von Brennpunkten an der türkisch-griechischen Küste, von den Stationen der Balkan-Route und den Camps unweit des Kanaltunnels bei Calais bis zu den Massenunterkünften im Flughafen Tempelhof.

Der Auftaktfilm „Flucht nach Europa. Der Winter“ beleuchtet zunächst die Rolle der Türkei. Im Interview mit dem türkischen Katastrophenschutzchef Fuat Oktay wird deutlich, dass von den versprochenen Milliarden der EU für den Unterhalt von Flüchtlingscamps noch kein Cent in der Türkei angekommen ist. Die Beobachtungen aus den Küstenorten belegen, dass noch sehr viele Flüchtlinge bereit sind, die riskante Überfahrt zu wagen. Die Reportage zeigt zu allem entschlossene Männer. Nur die Stärksten kommen bei uns an, erklärt die Berliner Integrationsforscherin Naika Foroutan das, was sie „soziale Selektion“ nennt.

„Schätzungen zufolge“

Das Kapitel „Mauern gegen Menschen?“ versehen die Autoren mit einem Fragezeichen. Bilder vom mazedonisch-griechischen Grenzzaun belegen dessen Nutzlosigkeit: Die Grenzer kommen mit dem Flicken der Löcher nicht hinterher. Das einzige, was Flüchtlinge wirklich aufhalten würde, wären Schüsse, erklärt Spiegel-Autor Christoph Reuter – der damit nicht etwa die jüngsten Forderungen von AfD-Spitze vorwegnimmt, sondern auf die Unmöglichkeit der totalen Grenzsicherung verweist.

Im Schlussteil „Wie leben die Flüchtlinge?“ führt der Film Beispiele gelungener Integration vor, etwa einen aus Afghanistan stammenden Karosseriespengler, der sogar Bayrisch lernt. Dabei hantiert der Film mit unklaren Zahlen, behauptet, „Schätzungen zufolge“ hätten 80 Prozent der Flüchtlinge weder Schul- noch Berufsabschluss. Doch weder verraten die Autoren, von wem diese Schätzungen stammen noch versuchen sie eine Differenzierung nach Herkunft.

Als Schleuser angeklagt

Von den Profiteuren der Einwanderung berichtet die MDR-Doku „Die Flüchtlingsindustrie“. Ob Taxi-Unternehmen, die Asylbewerber im kommunalen Auftrag für 300 Euro von Leipzig nach Chemnitz fahren, ob Wach- und Reinigungsfirmen, die viele Arbeitskräfte einstellen – einige Branchen freuen sich über ein Konjunkturpaket. Für Sanitär-Container, die vor einiger Zeit noch 450 Euro pro Monat kosteten, werden inzwischen über 4000 Euro verlangt. Das Engagement von Immobilienfirmen beim Aufbau von Heimen zeigt an, dass hier mit langfristigen Gewinnen gerechnet wird.

Die beiden französischen Beiträge stammen nicht aus diesem Winter, beobachten ihre Protagonisten dafür über einen längeren Zeitraum. Claire Billet und Olivier Jobard begleiten die beiden afghanischen Cousins mit ihrem Traum von Paris und drei weitere junge Männer auf ihrer langen Reise – und gelangen an die Grenze der Filmbeobachtung. Denn wer auf Dauer obdachlos leben muss, will nicht mehr gefilmt werden – sondern erwartet andere, materielle Unterstützung. Die beiden Parfüm-Träumer landen wieder in der Heimat – einer muss für Jahre ins Gefängnis.

In Haft sitzen auch zwei junge Kurden, die der Film „Der steinige Weg nach Europa“ porträtiert. Alsaleh aus dem syrischen Kobane und Jasim aus dem Nordirak wurden in Griechenland verurteilt. Der siebzehnjährige Jasim war vom Schleuser dazu gezwungen worden, das Boot über die Grenze zu rudern und wurde deshalb selbst als Schleuser angeklagt. In den Gesprächen und in den Telefonaten mit den Eltern wird die ausweglose Lage der beiden Jugendlichen deutlich. Ihr Zuhause existiert nicht mehr, Jasim darf nach seiner Freilassung auf Bewährung Griechenland nicht verlassen. Irgendwann ist er einfach verschwunden – sein Traumland ist Deutschland.