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Zalando, Burger King und Co.: Das Erfolgsgeheimnis von Günter Wallraff

Günther Wallraff macht sich mit Rentnerjacke und Mütze zum Pflegefall.

Günther Wallraff macht sich mit Rentnerjacke und Mütze zum Pflegefall.

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kommunikation.RTL.de

Die Telefone klingeln derzeit fast ununterbrochen bei Günter Wallraff. Informanten, Betroffene melden sich, einige geben detaillierte Hinweise auf Missstände in Pflegeheimen: „Wir könnten sofort weitere Filme drehen.“

Die vergangenen drei Wochen haben dem 71-jährigen Reporter viel Stress, aber auch viel Aufmerksamkeit beschert. Alle drei Berichte, die bei RTL unter dem Titel „Team Wallraff“ liefen, provozierten unerwartet heftige Reaktionen, beim Publikum wie bei den betroffenen Firmen. Junge Kollegen deckten mit Wallraffs Methode und unter seiner Anleitung mit versteckter Kamera Missstände auf: Dauerstress und Überwachung bei Zalando, Hygienemängel bei Burger King, Unterbesetzung, Überforderung und Betrug in der Altenpflege.

Der Bericht über Burger King erreichte 3,8 Millionen, der Film über die Pflege sogar 4,4 Millionen Zuschauer – für Sozialreportagen extrem hohe Werte. Auch im Netz schlug das „Team Wallraff“ hohe Wellen: Der „Burger King“-Report wurde 440 000 mal abgerufen – so viel wie sonst nur DSDS-Liveshows. Die Anzahl der Facebook-Fans des „Teams Wallraff“ stieg binnen weniger Tage auf mehr als 50 000.

Verwischte Gesichter

Dieses Interesse hat selbst Wallraff überrascht, vor allem beim Film über die Pflegeheime, der fast achtzig Minuten lang verwischte Gesichter, verfremdete Stimmen zeigte und das Geschehen nicht besonders dramatisiert habe: „Ich habe mich gewundert, dass sich Jüngere so stark darauf eingelassen haben.“ Er selbst hatte in der Rolle eines Rentners vorgeführt, wie leicht sich Pflegeleistungen erschleichen lassen: Nach den Anweisungen eines russischsprachigen Pflegedienstes spielte er einen Invaliden.

Günter Wallraff, der eine Zeit lang seine Undercover-Reportagen noch für das ZDF gedreht hatte, hatte sich bewusst an RTL gewandt, weil er hier ein jüngeres Publikum erreicht – und weil der Sender seine Reportagen zu einem besseren Zeitpunkt ausstrahlt. Tatsächlich ist die Sendezeit eine Erklärung für den Erfolg: Denn so schalten auch Zuschauer ein, die hier ansonsten Trivialshows wie „Bauer sucht Frau“ sehen. Wallraff lobt den Mut und die Risikobereitschaft der RTL-Macher, die den Konflikt mit guten Werbekunden wie Zalando nicht scheuten, hebt neben seinen jungen Mitstreitern vor allem RTL-Redakteurin Karla Steuckmann hervor – eine langjährige Gewerkschafterin.

Auch die Reaktionen der Firmen sind so stark, dass RTL in seinen Sendungen wie „Extra“ und im Netz immer neue „Updates“ bringen kann. Der Versandhändler Zalando, im Netz nach der Ausstrahlung als „Sklavando“ gegeißelt, wehrte sich zwar erfolgreich mit einer einstweiligen Verfügung gegen einige Details. Etwa die Strecke, die jeder Lagerarbeiter pro Schicht laufen müsse: Statt 20 bis 27 Kilometer seien es im Schnitt „nur“ 15 bis 20 Kilometer. Doch Wallraff sieht die Recherchen seiner Stipendiatin Caro Lobig, die ursprünglich für ein Buch waren, und die nun im Magazin „Extra“ liefen, als Erfolg: „Die Leute bei Zalando dürfen sich inzwischen bei der Arbeit auch mal hinsetzen!“

Dass im Fall von „Burger King“ Ekelbefunde über Darmkeime und überlagerte Salate die heftigsten Reaktionen hervorriefen, und nicht der Druck und das Mobbing gegen die Angestellten, das bedauert Wallraff – und kennt es nicht anders. Schon bei seinen legendären Undercover-Arbeiten als Türke Ali im Bestseller „Ganz unten“ fanden seine Berichte über die Hygienemängel bei McDonald’s mehr Aufmerksamkeit als seine Anprangerung prekärer Leiharbeiterjobs. Wallraff zitiert dazu sein Vorbild Upton Sinclair, der vor über hundert Jahren einen drastischen Einblick in die Fleischereien Chicagos gegeben hatte: „Ich habe auf das Herz gezielt, aber den Magen getroffen.“

Lieber mehr Einzelstücke

Dass er vor vier Jahren einige bezahlte Vorträge für McDonald’s gehalten hatte, mit Managern wie Gewerkschaftern diskutiert und Hinweise für eine Mitarbeiterbefragung gegeben hatte, stellt für Wallraff kein Problem dar. Gegenüber dem Magazin Spiegel, der diese Fakten in seiner aktuellen Ausgabe ausbreitet, wies er die Unterstellung zurück, dass es einen Zusammenhang zwischen diesen Vorträgen im Jahr 2010 und den aktuellen Enthüllungen bei Burger King gebe.

Der Nachrichtenagentur dpa erklärte er, er habe sich bei seiner grundsätzlichen Kritik an der „Fast Food-Unkultur“ und an McDonald’s keine Zurückhaltung auferlegt. Tatsächlich zeigt diese „Enthüllung“ des Spiegel eher, dass Konzerne lernfähig sind – ein Vorwurf an Wallraff lässt sich kaum daraus konstruieren. Die Honorare leitete er an seine gemeinnützige Stiftung und an eine gekündigte Betriebsrätin weiter.

Anlass für die Recherchen bei Burger King waren für ihn ohnehin nicht die Auswüchse des Fast Food, sondern die aggressiven Angriffe auf die Betriebsräte der Franchise-Holding Yi-Ko. Wallraff verschaffte es eine besondere Genugtuung, dass sich nach Ausstrahlung der RTL-Reportage nicht nur der Geschäftsführer Ergün Yildiz zurückziehen musste, sondern auch dessen Anwalt Helmut Naujoks, der kritische Betriebsräte mit einer Klageflut überzogen hatte. Mit dem Mann hatte sich Wallraff schon seit längerem duelliert. Eine Aufnahme, die ihn undercover beim „Betriebsratsfresser“ zeigt, hatte einst das ZDF nicht zeigen wollen – RTL wagte es.

Die vorerst letzte „Team Wallraff“-Reportage, die heute Abend läuft, werde wohl nicht so viele Wellen schlagen, vermutet er. Das Thema verrät er nicht. In Zukunft wolle er keine Staffel, sondern lieber Einzelstücke zeigen. Selbst jemand wie Günter Wallraff kann nicht permanent an vielen Fronten kämpfen.

Team Wallraff, 21.15 Uhr, RTL