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ZDF-Dokudrama „Letzte Ausfahrt Gera“: Realität und Fiktion im Film über Beate Zschäpe

Beate Zschäpe (Lisa Wagner) mit Uwe Böhnhardt (Christoph Förster, l.) und Uwe Mundlos (Kai Malina)

Beate Zschäpe (Lisa Wagner) mit Uwe Böhnhardt (Christoph Förster, l.) und Uwe Mundlos (Kai Malina)

Foto:

zdf/Janett Kartelmeyer

Zur Vorbereitung seines Films über Beate Zschäpe hat der Regisseur Raymond Ley den NSU-Prozess mehrmals besucht, auch die Zschäpe-Darstellerin Lisa Wagner war dort. Entstanden ist ein Dokudrama zwischen Realität und Fiktion, das ein Bild der mutmaßlichen Rechtsterroristin zeichnen will. Der Film läuft am Dienstag im ZDF.

Herr Ley, im vergangenen November war Ihr Film abgedreht und fertig geschnitten, da kündigte Beate Zschäpe an, ihr bisheriges Schweigen vor Gericht zu brechen und umfassend auszusagen. Bleibt einem Regisseur da nicht das Herz stehen?

Natürlich habe ich gedacht, wir werden noch mal nachdrehen müssen. Dann haben wir uns Zschäpes Aussage näher angeschaut und bemerkt, dass unsere filmische Darstellung der narzisstischen Zschäpe gut funktioniert und durch ihre Erklärung – ich würde es eher „Verklärung“ nennen – nicht widerlegt wird.

Inwiefern?

Wenn sie zum Beispiel bei uns sagt „Ich bin eine Meisterin im Verdrängen“ oder „Ich glaube, ich werde zu meinen Taten stehen“ – diese Eloquenz, die Lisa Wagner da auf der Fahrt im Auto spielt, ist auch jene Eloquenz, die Beate Zschäpe im Prozess versucht aufrechtzuerhalten. Ihre Erklärung, dieses „Ich kann es doch gar nicht gewesen sein“, ist auch eine Fortsetzung ihrer Bemühungen, sich von den NSU-Taten zu distanzieren. Lisa Wagner spielt in unserem Film die Zschäpe als eine psychopathische Persönlichkeit, der das eigene Ich sehr nah und das Schicksal der Opfer sehr fern ist. Reue schiebt sie weg. So empfinde ich das auch bei Zschäpe.

„Letzte Ausfahrt Gera“ ist der erste Fernsehfilm, der sich mit dem Fall befasst. Sie haben die Perspektive eines Kammerspiels gewählt mit Zschäpe im Vordergrund. Warum?

Diese Geschichte, dass Zschäpe vom Bundeskriminalamt quer durch die Republik zu ihrer Großmutter gefahren wird, hat mich, als ich 2012 davon las, gleich inspiriert. Spannender als ein großes Erklärstück über das NSU-Trio fanden wir den Ansatz, die Figur Zschäpe durch die Überlagerung von drei Ebenen plastischer zu machen: Die Fahrt im Bus gibt uns die Möglichkeit, eine Person über Gespräche zu beschreiben – hier werden ja Kronzeugen-Regelung, RAF-Terror, ein mögliches Geständnis und falsche Anwälte im Plauderton zwischen Zschäpe und den Beamten verhandelt. Das kontrastieren wir mit Szenen aus ihrem Vorleben mit den Uwes und mit Gerichtsszenen aus München. Auf diese Weise zeigen wir Zschäpe zwischen ihren beiden emotionalen Polen: Hier der Moment, als ihr die Begegnung mit der Oma die Tränen in die Augen treibt, und dort ihre starre Haltung vor Gericht im Angesicht der Witwen der NSU-Mordopfer.

Das Psychogramm einer Täterin also?

Ich würde es lieber „Annäherung an eine Unbekannte“ nennen. Die Form des Dokudramas legt uns die Fesseln der dokumentarischen Vorgaben an, der Fakten und realen Geschehnisse. Wir haben während der Autofahrt nichts dazu erfunden. Und auch die Szenen im Gefängnis etwa oder in den Fahrtpausen zwischen den Beamten, die wir entwickelten, besitzen eine dokumentarische Basis. Für ein Psychogramm hingegen wäre der bessere Ansatz, wenn wir rein fiktional vorgegangen wären. So könnten wir viel tiefer in die Kindheit der Zschäpe hineingehen, mit den wechselnden Stiefvätern, der Abwesenheit der Mutter, der Nähe zur Oma.

Was war denn die dokumentarische Basis für die Szenen im Bus?

Es gibt einen zwölfseitigen Vermerk des BKA, in dem diese Fahrt beschrieben wird. Man muss dieses Dokument aus dem Jahre 2012 natürlich mit spitzen Fingern anfassen, weil es eine Art Staatsschutzpapier ist, das in den Prozess einfließen sollte. Da werden auch gewisse Dinge betont, die das BKA dem Gericht mitteilen möchte. Das verschiebt natürlich die Perspektive. Wir haben unsere Dialoge aus den Nebensätzen dieses Protokolls heraus entwickelt. Wenn es etwa um Zschäpes angebliche Bauernschläue geht und darum, wie es beim Friseur in der JVA war. Oder auch, wie das Wetter auf Fehmarn ist. Da lügt sie ja – stellt in Frage, dass sie jemals auf Fehmarn gewesen sei. Da merkt man, sie will etwas austesten, ihr Gegenüber zu einer Reaktion zwingen. Ein Machtspiel. Das ist der Stoff, aus dem man einen Dialog, ein Spiel entwickeln kann.

Sie haben dieses Drehbuch wieder mit Ihrer Ehefrau Hannah verfasst. Wie wichtig war der weibliche Blick auf die Person Zschäpe?

Wir spielen bei uns zu Hause beim Entwickeln eines Stoffes und während der Arbeit an einem Drehbuch die Rollenbilder und Klischees durch. Bei dem Film über Oberst Klein („Eine mörderische Entscheidung“) war dies hilfreich oder bei Anne Frank („Meine Tochter Anne Frank“) und eben auch jetzt bei Zschäpe. Es ist anders, wenn da nicht zwei Männer am Schreibtisch sitzen und sich ihre Gedanken um eine Figur machen. Hier hatte es einen großen Vorteil, Zschäpes narzisstisches, auf Aussehen und Wirkung gerichtetes Agieren aus Mann-Frau-Positionen zu beobachten, zu bewerten und zu diskutieren.

Ihr Film hat Kritik provoziert, dass es nur um die Täterperspektive gehe.

Unsere Idee, Zschäpe auf der Fahrt zur ihrer Oma zu erzählen, schließt die Opfer keinesfalls aus. Diese rassistische NSU-Mordserie lässt sich leider nicht allein aus der Opferperspektive schildern. Man muss sich der möglichen Täterin nähern. Und man muss auch andeuten, dass diese Taten an ein Denken anknüpfen, das in unserer Gesellschaft vorhanden ist. Wenn wir von Anfang an darauf verzichtet hätten, die Eloquenz Zschäpes zu zeigen, wie sie scherzt und flirtet mit dem BKA-Kommissar, und sie stattdessen als eine Frau vorgeführt hätten, die vollkommen auf Konfrontation aus ist, dann gelingt uns das nicht. Man muss die Zuschauer dazu animieren, sich einen Moment lang mit diesen Figuren zu identifizieren – damit sie dann erkennen, an welchem Abgrund sie selbst stehen. Ich finde, das ist wichtig.

Das Gespräch führte Andreas Förster.