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Berliner Zeitung | Medienpolitik: Ich hatte auch mal einen Traum
02. December 2012
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Medienpolitik: Ich hatte auch mal einen Traum

Jürgen Doetz weiß, welche Argumente sich gut auf Podiumsdiskussionen machen – aber politisch nichts bewirken.

Jürgen Doetz weiß, welche Argumente sich gut auf Podiumsdiskussionen machen – aber politisch nichts bewirken.

Foto:

dpa/Lukas Barth

Schon in den 80er-Jahren stellte Jürgen Doetz, 68, die medienpolitischen Weichen für Sat.1. Seit 1996 war er als Präsident des Interessenverbands VPRT oberster Repräsentant aller Privatsender. Am Donnerstag wurde Tobias Schmid von RTL an die Spitze des neuen VPRT-Vorstands gewählt.

Was bitte finden Sie an Medienpolitik derart faszinierend?
Die oft verkannte gesellschaftliche Relevanz. Für mich ist Medienpolitik die Kombination aus Journalismus, Politik und der Verantwortung für ein Unternehmen. Ich kann mir nichts Vielfältigeres vorstellen. Da geht es um Urheberrecht, man muss technologisch auf der Höhe sein, wir haben die alten Probleme mit dem Verhältnis zu ARD und ZDF und der Rundfunkregulierung, da ist Europa, der Bund, da sind die Staatskanzleien der Länder und die Medienanstalten. Und jeder hat etwas zu sagen.
Andere wären da frustriert.
Man muss viel Leidenschaft und Begeisterung mitbringen, und, ja, manchmal ist es auch – ich sage es einmal druckfähig – ernüchternd.

Wann?
Wenn Sie teilweise die Ergebnisse sehen. Man erreicht ja oft nur ein Fitzelchen dessen, was man wollte – oder gar nichts. Aber dann gibt es wieder neue Themen. Man hat immer das Gefühl, dass noch so vieles unerledigt ist. Das ist übrigens das beste Mittel, nicht zu resignieren.

Ursprünglich waren Sie Journalist beim Pfälzer Tageblatt.
Ich habe nie aufgehört, mich als Journalist zu verstehen, und nach meiner Aufnahme in die Deutsche Journalistenschule in München gab es ja auch ganz gute Perspektiven. Es entwickelte sich dann eben anders. Das Schreiben habe ich in all den Jahren aber immer vermisst.

Jetzt könnten Sie es tun. Keiner kennt die Geschichte des privaten Rundfunks besser als Sie. Wann schreiben Sie darüber?
Wenn ich älter bin.

Eine Ihrer ersten medienpolitischen Aufgaben war es, das Verbot für Werbung an Sonn- und Feiertagen abzuschaffen.
Das ging relativ schnell. Wir, also Sat.1, haben nicht umsonst das Programm nachts mit der Nationalhymne beendet. Also setzten wir auch in dieser Sache auf die Union. Sie hatte sich ja für die Einführung des privaten Rundfunks stark gemacht.

Mit Helmut Kohl, Leo Kirch und Postminister Christian Schwarz-Schilling an der Spitze.
Wir galten als Schwarzfunk, als Hoffnungsträger der Union gegen den roten WDR. Als RTL dann mit „Tutti Frutti“ kam, hatten wir alle das Problem, von der Politik als Gesprächspartner ernst genommen zu werden. Da gab es bei Sat.1 ja mal eine eigene Kanzlersendung …

„Zur Sache, Kanzler“ mit Heinz Klaus Mertes.
Geholfen hat das keinem, auch Kohl nicht. Leo Kirch hat sich persönlich für die Einführung dieser Sendung engagiert. Doch dann ging es los, dass RTL in NRW fürsorglich von der SPD mit Frequenzen versorgt und Sat.1 klar wurde, dass Parteipolitik nicht gut ist für die Quote, Quoten aber Voraussetzung sind, um uns mit Werbung zu finanzieren. Das war dann eine schnelle Lernkurve.

Welche ist aktuell die dringlichste Aufgabe der Medienpolitik?
Sie muss endlich die Frage beantworten: Wollt ihr den privaten Rundfunk weiterhin als Träger einer gesellschaftlichen Verantwortung, oder reicht es euch, dass wir Inhalte anbieten, die wir finanzieren, dann aber ohne die engen Regulierungen aus der Frühzeit des Fernsehens.

Privatsender als Wirtschaftsgut

Werden Sie daran Anteil haben?
Als Bevollmächtigter des VPRT-Vorstands werde ich den Verband weiter in wichtigen Themen vertreten, den Vorstand beraten und meine politische Erfahrung und Kontakte einbringen, um die Politik dahin zu treiben, dass sie gar nicht anders kann, als sich für einen zukunftsfähigen privaten Rundfunk als Kultur- und Wirtschaftsgut zu entscheiden.

Agieren Privatsender nicht längst vor allem als Wirtschaftsgut – spätestens, seit der damalige, aus Kalifornien kommende ProSiebenSat.1-Investor Haim Saban für jede Sendung die Rendite errechnen ließ?
Das gehört zu den Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft.

Eine, bei der das, was ein Kulturgut ausmacht, seriöse Information zum Beispiel, weit hinten rangiert …
Wollten wir uns ausschließlich als Wirtschaftsgut definieren, würden wir unser Programm als Telemedienangebot registrieren lassen, müssten uns weder an die Werberegulierung halten noch ein Vollprogramm senden, erst recht keine Nachrichten. Das wollen wir aber gar nicht. Also senden wir Nachrichten und verzichten damit auf Quoten. Oder denken Sie an n-tv, das sich RTL nur dank Querfinanzierung leisten kann. Wir übernehmen also unternehmerisches Risiko, um der gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen. Dafür wollen wir im Gegenzug weniger Regulierung …
… etwa bei den Werbezeiten …
… oder einen Bonus, etwa durch bessere Auffindbarkeit unserer Inhalte auf digitalen Plattformen.

Hans-Peter Siebenhaar fordert in seinem Buch „Die Nimmersatten“ von ARD und ZDF Werbeverzicht und sogar die Fusion der beiden Vollprogramme. Stimmen Sie zu?
Jein. Auch ich hatte einmal den Traum, dass das ZDF privatisiert werde, die ARD nur noch journalistisch vorbildliche Inhalte und sowieso nur Programm anbieten sollte, das der private Rundfunk aus Quotengründen nicht liefern kann: als echte Alternative zu den Privaten und zur Legitimation für die Finanzierung durch Gebühren. Solche Forderungen sind nett für Podiumsdiskussionen. Bewegen können Sie damit gar nichts. So funktioniert deutsche Politik nicht, Medienpolitik schon gar nicht. Also lieber kleine, realistische Schritte als der große Wurf ohne Aussicht auf Erfolg.

Der Abschied von der Tagesarbeit fällt Ihnen schwer. Schwerer als der aus dem Vorstand von ProSieben Sat1?
Nein. Der war bitter.

Der Abschied damals bei einer Tagung am Wolfgangsee verlief in sehr scheinheiliger Harmonie.
Haim Saban fragte mich gleich nach seiner Übernahme von ProSiebenSat.1, wann ich die Werbung bei ARD und ZDF abgeschafft haben würde. Ich versuchte einen Einführungskurs in die deutsche Medienpolitik, den er nach gefühlten drei Minuten mit der Bemerkung abbrach, dann schicke er lieber seine Anwälte. Vielleicht hätte ich antworten müssen, in drei, vier Monaten, und dann wäre mir was Neues eingefallen.

Das Interview führte Ulrike Simon.