blz_logo12,9

Meine Tiere: Betrübe den arglosen Vogel nicht

Die Gedanken über den Umgang mit Tieren haben eine lange Tradition.

Die Gedanken über den Umgang mit Tieren haben eine lange Tradition.

Foto:

dpa/Uwe Anspach

Manchmal fühlen wir uns wie die Avantgarde. Öfter noch bekommen wir vorgeworfen, etwas so Verrücktes zu propagieren wie niemand zuvor in der Geschichte der Menschheit. Doch Tatsache ist: Wir sind gar nicht die ersten. Wir sind nicht die ersten, die erkennen, dass „Fleisch“ getötete Körper sind; dass Gewalt darin liegt, der Tiermutter das Kind zu entreißen. Es ist nur wie so oft in der Geschichtsschreibung: Die offizielle Version wird von den Siegern gemacht. Aus vielen, möglicherweise allen Zeiten gibt es Zeugnisse von Menschen, die unseren Gebrauch der Tiere ungerecht fanden; der Strudel der Geschichte machte bald wieder unsichtbar, was sie versuchten. Doch manchmal taucht ein Bild, ein Gedicht, eine Anekdote unvermutet wieder auf.

Drei Beispiele. Das eine fand meine Mutter, die sich für das Alte Ägypten interessiert, in einem Museumskatalog. Es stammt aus Westtheben vom Sarkophag der Hofdame oder Königsgeliebten Kawit, aus dem Totentempel Mentuhotep des Zweiten in Westtheben. Das steinerne Relief zeigt eine Kuh, an deren Vorderbein ihr Kälbchen mit einem Strick gebunden ist, damit es nicht an den Euter kommt, während jemand die Kuh melkt. Dem Auge der Kuh entrinnt eine große Träne, offensichtliches Weinen, weil das Kalb die Milch nicht bekommt, die der Mensch ihr gerade nimmt.

Was mag sich der Bildhauer gedacht haben? Eines ist doch, über die immerhin 4000 dazwischen liegenden Jahre hinweg, unstrittig: Der Bildhauer beobachtete das Wegnehmen, er erkannte die Mutterliebe und den Schmerz; übrigens mit viel mehr Sensibilität als die heutige Milchwirtschaft, in der man das Kalb noch am Tag der Geburt in die Plastikhütte fern der Mutter verbringt.

Oder da gibt es die Geschichte von Rabia, der islamischen Mystikerin und Vegetarierin. Es wird überliefert, wie Rehe oder Gazellen ihre Nähe suchten; aber als ein Bekannter von ihr zu Besuch kam, liefen die Tiere weg. Er war gekränkt, aber sie fragte ihn: „Was hast du als letztes gegessen?“ -„Schmalz.“ - „Und da wunderst du dich noch?“

Wir können an die Tierrechtlerin Melanie Joy denken, die Tierfreunde immer wieder anregt, sich einmal zu fragen, warum sie die einen essen, während sie die anderen streicheln.

Ungerechtigkeit ist das schlimmste Verbrechen

Im achten Jahrhundert im heutigen Irak; in Bagdad und in Nordsyrien lebte gut zwei Jahrhunderte später der Dichter Abul ʿAla Al-Ma arri. Unglaublich aktuell klingen seine ethischen Mahnungen: „Begehre nicht das Fleisch geschlachteter Tiere zu essen/ Oder die weiße Milch der Mütter, die doch zugedacht ist/ ihren eigenen Jungen, nicht wohlhabenden Damen./ Und betrübe den arglosen Vogel nicht, indem du ihm die Eier nimmst;/ Denn Ungerechtigkeit ist das schlimmste Verbrechen./ Und lass ab von dem Honig, den die Bienen so fleißig/ Von den Blüten duftender Pflanzen sammelten;/ Denn sie haben ihn nicht gesammelt, damit ihn andere erhalten.“ Anscheinend ist Abul Ala Al-Ma arri erst im fortgeschrittenen Alter zur veganen Lebensweise gewechselt, denn das Gedicht endet mit den Zeilen: „Ich habe meine Hände von all dem reingewaschen, und wünschte mir nur/Ich hätte zu diesem Weg gefunden, bevor meine Haare ergrauten!“

Diesen Wunsch kennen heute viele Vegetarier, auch ich, die wir jahrzehntelang kein Fleisch aßen und vergaßen, dass die Milch- und Eierproduktion genauso grausam und ebenfalls mit dem Tod im Schlachthof verbunden ist.

Aber ist das nicht paradox? Einerseits ist der Veganismus eine moderne Bewegung, eine Antwort auf die zunehmende Industrialisierung der Tierhaltung, bei der der Kapitalismus Reproduktion, Wachstum, Körper und Tod in den industriellen Prozess gezwungen und bis zur Unkenntlichkeit deformiert hat. Und andererseits ist der Impuls, im Tier das fühlende Lebewesen anzuerkennen, das sein Kind, seine Milch, seine Vorräte behalten will, uralt, vielleicht viel älter als die ersten kulturellen Zeugnisse der Menschen.

Hätten diese früheren Menschen ohne Fleisch, Eier und Honig (über)leben können? Vermutlich nicht. Heute ist es umgekehrt. Nitrat im Grundwasser, Regenwaldabholzung für Tierfutter, Antibiotikaresistenzen: Es steht zu befürchten, dass das Überleben der Menschheit durch unsere Tierindustrie eher gefährdet ist.