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Meine Tiere: Die verlorenen Muhs

Kälber brauchen den Milchzucker – erwachsene Menschen allerdings nicht.

Kälber brauchen den Milchzucker – erwachsene Menschen allerdings nicht.

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dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Finde das Muh!“ heißt ein Gewinnspiel der Marke Müllermilch. Drei Muhs sollen sich versteckt haben, möglicherweise in drei Bechern Müllermilch. Sie zurückzubekommen, ist der Firma so wichtig, dass sie ein Preisgeld von je 50.000 Euro ausgesetzt hat.

Unter Kuhfreunden sorgt diese Kampagne allerdings für einige Aufregung, denn sie haben längst viel mehr als drei Muhs gefunden! Ich selbst zum Beispiel fand vor sechs Jahren mein erstes Muh auf einem Biohof. Als ich damals bei einem Ausflug jenen Hof besuchte, hatte man einer Milchkuh gerade am Vortag ihr Kalb weggenommen. Das Kalb stand in einer Plastikbox allein auf dem Hof, die Kuh im Stall muhte nach Leibeskräften. Das hat mich so deprimiert, dass ich beschloss, lieber vegan zu leben.

Für die zweiten 50.000 Euro – so von wegen Preisgeld – fiele mir jene kluge Kuh ein, die vor einigen Monaten in die Zeitung kam. Davor hatte sie vier Kälber zur Welt gebracht und durfte keines behalten; ihr fünftes gebar sie auf der Weide, führte es in den Stall – auch das wurde ihr weggenommen. Doch es war etwas Merkwürdiges an der Kuh: Nie enthielt ihr Euter die 40 Liter Milch, die man nach der Geburt von ihr erwartete. Jeden Morgen und jeden Abend war ihr Euter fast leer. Bis der Bauer der Kuh eines Tages auf die Weide folgte und beobachtete, dass sie noch ein weiteres Kalb geboren und im angrenzenden Wald versteckt hatte. Dieses sechste Kalb war das erste, das sie je säugen durfte. Zehn Tage lang. Glaubt etwa jemand, dass der Bauer ein Einsehen hatte? Nein, er nahm ihr auch dieses Kalb weg.

Bitter-süße Geschichte

Ein andere, bitter-süße Geschichte mit gleich mehreren Muhs erzählt Jeff Mannes (Vegan Society Luxembourg), und zwar die von Gisela, Dina und Mattis, die auf dem nordfriesischen Kuhaltersheim Hof Butenland leb(t)en: „Ich habe das erschöpfte, wunderschöne Muh gehört, als die hochschwangere Kuh Dina kurz vor Beginn der Geburt weglief, und zwar direkt auf die Wiesen von Hof Butenland, um ihr ungeborenes Kalb zu retten, weil sie wusste, dass man es ihr ansonsten wegnehmen würde.“

Dina wurde freigekauft und brachte Sohn Mattis zur Welt. „Ich habe das glückliche Muh von Mattis gehört, einem freien Kalb, das froh über die Wiesen sprang.

Ich habe das bewegende Muh gehört, als Gisela, eine alte, kranke und seelisch gebrochene Kuh auf Hof Butenland, die nicht mehr aufstehen wollte, weil sie in 17 Jahren 15 Kälber hatte zur Welt bringen müssen und keines davon hatte behalten dürfen, plötzlich wieder aufstand, als Mattis zur Welt kam. Ich habe ihr zu Tränen rührendes Muh gehört, als sie Mattis adoptierte, mit ihm zum ersten Mal wirklich Mutter sein durfte und sich trotz ihres ausgemergelten Körpers vorbildlich um Mattis kümmerte. Schließlich habe ich das traurige Muh gehört, als Gisela dann doch starb, ihrer Kräfte endgültig beraubt, und Mattis und Dina jeden Tag auf ihrem Platz lagen und trauerten.“ Mattis ist heute zwei Jahre alt und trinkt immer noch bei Dina.

Skurriles Muh

Ein weiteres, wirklich skurriles Muh erreichte uns von Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Die erklärte Mitte Juli im TV bei Markus Lanz: „Es gibt auch Kühe, die ausschließlich Gras fressen, und Heu.“ Lanz fragte: „Sind das dann besondere Kühe?“ Aigner: „Genau, die gibt’s dann auch. Es gibt praktisch Milch, die ausschließlich Heumilch ist, die wird dann auch so definiert. Die ist übrigens laktosefrei, die Heumilch. Das ist einfach so von der Verarbeitung in dem Magen, da wird das dann laktosefrei.“

Das ist mal wieder echte deutsche Wertarbeit aus dem Kompetenzzentrum Bundesregierung. Nein, Frau Aigner! Wie die Milch aller Säugetiere enthält auch die so genannte Heumilch Laktose. Kälber brauchen den Milchzucker nämlich – erwachsene Menschen allerdings nicht. Trotzdem wird auch der Heumilchkuhmutter ihr Kind weggenommen. Wenn dieser doppelte Skandal also mal nicht zwei kräftige Muhs wert ist!

Liebe Müllermilch, haben Sie mitgezählt? Neun Muhs sind das jetzt schon, und das nur von Jeff, mir und der Aigner! So wie ich den Jeff einschätze – für Aigner kann ich nicht sprechen – darf ich sagen, dass es uns aufs Geld nicht vorrangig ankommt. Das dürfen Sie gern behalten, solange Sie nur allen Kühen ihre verlorenen und gestohlenen Muhs zurückgeben. Und vor allem natürlich die Kälber, ihre Kinder.