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Berliner Zeitung | Meine Tiere: Ein barbarisches System
11. February 2013
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Meine Tiere: Ein barbarisches System

Zehn Prozent der Ferkel überleben die ersten drei Lebenswochen nicht.

Zehn Prozent der Ferkel überleben die ersten drei Lebenswochen nicht.

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dpa

Ich weiß auch nicht mehr genau, wie alles anfing, aber irgendwann standen sie vor meiner Tür, waren mir auf Anhieb sympathisch, erklärten, was sie als nächstes vorhätten… und plötzlich hatte ich zugesagt, sie einmal zu begleiten. Bei einer der nächtlichen Expeditionen von Tierrechtsaktivisten, die für die Organisation Animal Rights Watch seit Jahren das Innere von Deutschlands Hühner- und Schweineställen filmen. Morgen Abend wird „Frontal 21“ wieder solch einen Filmbeitrag zeigen.

Wochen der Planung waren vorausgegangen, die Aktivisten hatten die Ställe von außen bereits besichtigt, ein paar Türklinken probeweise heruntergedrückt (sie gehen nur durch offene Türen, niemand beschädigt irgendetwas). Bei Verdacht auf Tierschutzwidrigkeiten gehen sie nachsehen – ein Job, den eigentlich die Veterinärämter machen müssten! - und filmen.

P. parkte das Auto an einem Waldrand. Wir stapften den Saum zwischen Feld und Bäumen entlang. Es waren minus acht Grad. Der Vollmond stand hoch. Am Ende des Felds lag die Anlage groß und undurchdringlich wie eine Militäranlage, die in einer Indiana-Jones-Verfilmung als Kulisse dient. Eine Seitentür war offen. Als erstes passierten wir einen Vorraum mit einer Schubkarre voll toter Ferkel (zehn Prozent der Ferkel überleben die ersten drei Lebenswochen nicht). Dann eine Halle mit saugenden Ferkeln und ihren Müttern. Weitere tote Ferkel hatten die Arbeiter zur späteren Abholung in den Mittelgang gelegt. Achtung, nicht drauftreten! Wir leuchteten in Mülleimer voll leerer Medikamentenflaschen; zählten nach, wie viele Schweine auf wie vielen Quadratmetern standen; blickten in Hunderte weiß bewimperter Augen; lasen die Listen an den Wänden, auf denen Lebende und Tote verzeichnet waren.

Künstlicher Eberduft

Wie viele Tage später, nachdem ihr die letzten Ferkel weggenommen wurden, wird eine Sau neu besamt? Auch das ist notiert: nach fünf Tagen. Fünf Tage! Dazu braucht es keinen Eber, das Sperma kommt aus der Tiefkühlung, und um die Sau empfänglich zu machen, gibt es Hormonspritzen und künstlichen Eberduft.

Aus mehreren Kastenständen – in denen sich die Sau nur hinlegen, nicht umdrehen, nicht gehen kann – lugten seitlich Klauen hervor. „In den Bestimmungen steht, dass das Tier die Gliedmaßen ausstrecken können muss“, erklärt mir P.. „Das können sie aber nur, wenn sie die Beine unter dem Gitter durchfädeln. Wer sind diese Leute, die solche Maße festlegen?“

Solange ich beschäftigt war – Zahlen notieren, Kamera halten – war es gut erträglich. Das Adrenalin schützt einen. Aber es gab Momente, in denen das Entsetzen anklopfte. Wenn P. kurz hinaus ging und ich ein, zwei Minuten alleine da stand. In diesem Stall voll riesiger Mütter mit ihren winzigen hilflosen Ferkeln. Allesamt eingepfercht, auf „Produktivität“ reduziert, einem barbarischen System unterworfen. In diesen Momenten flutete mich Angst an – Angst vor dem, was ich sah, Angst vor dem, was menschenmöglich ist, Angst zu realisieren, was hier jeden Tag geschieht.

Neben einer Mutter lag noch die Plazenta. Sie hatte erst vor kurzem geboren. Ihre etwa handgroßen Ferkel kraxelten zu den Zitzen der Mutter. Manche konnten nicht aufstehen – das sind die Spreizer. Sie haben eine Fehlstellung der Beine. Ihre Chancen sind nicht gut. Man steht vor einem Haufen neu geborener, zartrosa Wesen, und weiß: zehn Prozent überleben die nächsten Tage nicht. Die Mutter versuchte sich umzudrehen, einen Blick auf ihre Kinder zu werfen. Es ging nicht. Die Gitter engen sie ein. Drei Wochen wird sie dort liegen und säugen, dann wieder in den Besamungsstand mit Eberduft.

Ächzen und Fiepen

Fünf Stunden lang zählten wir, notierten, filmten. Um vier Uhr morgens der Rückweg zum Auto übers mondbeschienene, schneebedeckte Feld. Einer stolperte, es war N., seine Beine waren müde. Er hatte Wache gestanden an einem der Fenster. Das Funkgerät im Ohr, konnte er nicht einmal Musik hören. Kein einziges Mal beschwerte er sich, er wolle abgelöst werden.

Ich habe keine Ahnung, wie er das fünf Stunden durchhielt, tatenlos, nahezu reglos. Um sich herum der Geruch, das Ächzen und Fiepen all dieser Tiere. Das Gerumpel, wenn die schweren Sauen an ihre Gitterstäbe stießen. Vermutlich schämte N. sich zu klagen. Denn wir durften nachher wieder raus. Sie nicht.