Neuer Inhalt

Meine Tiere: Henne Hanni wird Mami

Picken, scharren, brüten - der Tagesablauf eines glücklichen Huhns.

Picken, scharren, brüten - der Tagesablauf eines glücklichen Huhns.

Foto:

Z1001 Nestor Bachmann

Solche Nachrichten hat man nicht jeden Tag auf dem Anrufbeantworter. „Hallo Hilal, herzlichen Glückwunsch! Du bist Omi geworden!“ Dabei habe ich nicht einmal Kinder. Aber im vergangenen Jahr hatten eine Bekannte und ich einige „Resthühner“ aus einer Legefarm abgeholt. Die anderen waren schon zum Schlachter gebracht worden, zwanzig hatten sich versteckt, wir sammelten sie ein und fuhren sie zu einem befreundeten Gnadenhof.

Anfangs fast federlos, erholten sie sich, die blassen Kämme wurden rot, sie lernten Gras kennen und Sand. Diese Hühner sind so gezüchtet, dass sie eigentlich keinen Bruttrieb mehr haben. Schließlich sollen sie legen, nicht brüten: 300 bis 320 Eier im Jahr, wie am Fließband.

Doch dann war da eben diese eine Henne, nennen wir sie Hanni. Nach ein paar Monaten auf dem Gnadenhof hörte Hanni auf, jeden Abend artig mit den anderen in den Stall zu gehen, sondern suchte sich ein geheimes Plätzchen im Pferdestall, ganz oben auf den Heuballen. Dort legte sie ein Nest an, blieb drei Wochen tapfer darauf sitzen und verließ es nur wenige Male am Tag, um etwas zu essen und zu trinken. Dann erschien Hanni plötzlich wieder unten im Hof: mit einem winzigen gelben Küken an ihrer Seite.

Seither durfte die „Omi“ schon viele Fotos bestaunen, die zeigen, wie rührend sich die Mama um das Kleine kümmert. Bei dem Sturz von den Heuballen hatte sich das Küken ein Beinchen verletzt und humpelte; es bekam eine Schiene, nach ein paar Tagen war es verheilt. Gemeinsam ziehen die beiden nun über den Hof, und so lernte auch das Küken von Anfang an Gras und Sand kennen.

Als das Schwein Mariechen, selber im besten Teenageralter und ziemlich frech, das Küken berüsseln wollte, sprang Hanni ihr mit dem Schnabel direkt ins Gesicht. Seither fängt Mariechen immer an zu schreien, wenn sie Mutter und Kind sieht, und macht einen großen Bogen um sie.

Ungefähr zeitgleich brachten einige Zeitungen die Nachricht, dass auf dem Flughafen Leipzig 49 000 Küken in einem Frachtflugzeug verbrannt seien. Frisch geschlüpfte Küken vermutlich, denn in den ersten 24 Stunden nach dem Schlüpfen brauchen sie noch gar kein Futter und Wasser zum Überleben, der Dottersack hat sie mit allem versorgt.

Wie kamen die Küken eigentlich ins Flugzeug? Warum? Dass Küken international transportiert werden, ist keine Seltenheit. Sie werden nämlich von hochspezialisierten Firmen „produziert“, und diese hüten ihr Geschäftsgeheimnis gut. Die heutigen Hochleistungshennen zum Beispiel, mit den erwähnten 320 Eiern, die ohne Bruttrieb, stammen in Deutschland meist von derselben Firma, Lohmann Tierzucht. Es heißt, jedes dritte Hühnerei auf der Welt werde von einer Lohmann-Henne gelegt.

Alle schimpfen über Monsanto, doch was mit Tieren geschieht, steht dem in nichts nach. Sie werden genetisch „optimiert“, können oder dürfen sich selbstständig nicht mehr fortpflanzen. Wenige internationale Firmen besitzen ihr genetisches „Rezept“, kontrollieren Elterntiere und Großelterntiere.

Wobei diese Begriffe irreführend sind. Kein einziges kommerziell genutztes Huhn, weder in der modernen Mast noch in den Legefarmen, erlebt den eigenen Nachwuchs, oder die eigene Mutter. Sie alle wachsen mutterlos auf, in großen Hallen. Ein Meer von piepsenden gelben Federbällchen.

Und so ist das, was unsere Hanni vollbrachte, beinahe ein Wunder. Eine Henne, die sich vor dem Schlachttransport versteckte. Die sich nochmals versteckte, um ihr Nest anzulegen. Die einen Bruttrieb verspürte, den man ihr genetisch hatte austreiben wollen, und die drei Wochen durchhielt, was schon für „normale“ Hühner eine Herausforderung ist. Nichts davon war von ihren menschlichen „Machern“ so vorgesehen.

Mit ihrem aufgeplusterten Federkleid sieht Hanni jetzt aus wie ein Kaffeewärmer. So sitzt sie oft auf dem Erdboden. Das Kleine piepst, so wie Millionen andere Küken vergeblich in Aufzuchthallen, Transportboxen und Flugzeugen piepsen. Hanni erhebt sich ein wenig, das Küken schlüpft darunter, und Hanni bedenkt alle sich Nähernden mit dem typischen stechenden Blick einer Glucke, die ihre Brut wärmt und bewacht, so wie es sich für sie und ihre Kleinen gut und richtig anfühlt.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?