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Merve-Verleger: Peter Gente gestorben

Peter Gente (1936 – 2014)

Peter Gente (1936 – 2014)

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BLZ/Lautenschläger

Peter Gente ist tot. Er starb am Samstag 77-jährig im thailändischen Chiang Mai. Dort hatte der Gründer und langjährige Verleger des Berliner Merve-Verlags seit sieben Jahren im 20. Stock des Hotels Royal Lanna gelebt. Das war immer einer seiner Träume gewesen. Ein Apartment voller Bücher und CDs von Cage bis Lou Reed und eine weite Aussicht in alle Himmelsrichtungen. Das Rauchen versuchte er sich permanent abzugewöhnen, er ging jeden Morgen ins Fitnesstudio, er hatte 20 Kilo abgenommen, am Abend ging er manchmal in die Bars um die Ecke. Der intellektuelle Austausch fehlte dem Ex-Pat dort etwas, Internet war nichts für ihn, und die abonnierten französischen Zeitungen kamen nur unregelmäßig an.

Ein gutes Leben

Aber der „Denker und Punk“ hatte ein gutes Leben in der wuseligen Stadt mit dem freundlichem Klima, günstigen Restaurants und vielen Tempelanlagen im Norden Thailands. Das er hier in Berlin nicht hätte führen können: In Deutschland erhielt der immer lustvoll selbstausbeuterisch Bücher machende Gente 200 Euro Rente, das Verlagsarchiv hatte er für fünf Jahresraten von 20 000 Euro ans ZKM in Karlsruhe verkauft, der Kunstsammler Falckenberg stieg als Teilhaber in den Verlag ein, der inzwischen autonom vom anderen Teilhaber Tom Lamberty geführt wird.

Die Erlöse würden noch etwa drei Jahre reichen, dann wäre er bald 81, das wäre genug und er würde sich aus dem Fenster stürzen, Selbstmord sei immer eine Option gewesen. Das erzählte Peter Gente im November letzten Jahres, als wir beim Franzosen auf der Gasse nahe seines schönen Exils ein Glas Rotwein tranken: „Die Lücke, die wir hinterlassen, ersetzt uns vollkommen.“

Im Jahr 2002 hatte Heidi Paris, Gentes langjährige Lebensgefährtin, den „Tod einer stoischen Philosophin“ gewählt. Mit Heidi war der Esprit des 1970 von Gente seinerzeit mit einem Kollektiv begründeten Kleinverlages entschwunden. Als 24-jährige Studentin hatte sie Gente mit den französischen Strukturalisten und dem nomadischen Denken bekannt gemacht. Unter dem Duo Heidi&Peter wurde der zuvor marxistisch dogmatische Merve-Verlag zur Institution der aufregendsten neuen Diskurse.

Ein Merve-Klassiker war "Rhizom"

Beim „Reclam der Postmoderne“ entstanden in den 28 folgenden Jahren rund 300 Titel in preiswerten weißen Bändchen im Din-A4-Format, die alle immer lieferbar blieben. Einer der ersten Merve-Klassiker war „Rhizom“ von Gilles Deleuze und Felix Guattari. Es ist mit 15000 verkauften Exemplaren das erfolgreichste des Verlags. Rhizom, das in alle Richtungen wuchernde Wurzelgeflecht ohne Zentrum und Hierarchie, wurde zum Motto für Verlagsprogramm und Leben. Das unzertrennliche Verlegerpaar war fast jede Nacht unterwegs, im Dschungel, SO36, Hebbeltheater, in Ausstellungen, aus Freundschaften mit Blixa Bargeld, Tödliche Doris oder Kippenberger wurden Bücher.

Jeder Merve-Titel klingt rätselhaft und poetisch: Licht der Kriege, Schrift der Wüste, Kunst des Handelns, Transparenz des Bösen, Postheroisches Management, Agonie des Realen, Kool Killer, Aufstand der Zeichen... Die monochromen Rauten auf den weißen Buchumschlägen erinnern aufgeklappt an Schmetterlinge. Die Merve-Titel haben Flügel bekommen. Sie sind dem akademischen „Netz der Systeme“ entfleucht, haben sich über „Mille Plateaux“ („Tausend Ebenen“, Deleuze/Guattari) ausgebreitet und bleibend in unserem kulturellen Sprachschatz eingenistet.

Im buddhistischenThailand wird das Ende eines guten Lebens mit einem ausgiebigen, fröhlichen Fest gefeiert. Danach wird Peter Gente in Berlin beigesetzt.


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