blz_logo12,9

Münchener Gasteig: Geizige Bayern ruinieren ihr Musikleben

Der Konzertsaal der Philharmonie im Gasteig in München, erbaut von den Architekten Raue, Rollenhagen und Lindemann, eröffnet im November 1985.

Der Konzertsaal der Philharmonie im Gasteig in München, erbaut von den Architekten Raue, Rollenhagen und Lindemann, eröffnet im November 1985.

Foto:

dpa/Gasteig München GmbH/Matthias Schönhofer

Nachdem in Hamburg Naivität und in Berlin blanke Planungsinkompetenz Konzertsäle zu Millionengräbern geraten ließen, droht nun auch dem musikalischen Leben in München ein Skandal, der zur Abwechslung einmal nicht der allzu offenen Hand des Staates entspringt, sondern populistischem Geiz. Am Montag haben der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bekannt gegeben, dass Stadt und Freistaat gemeinsam den Saal der Münchner Philharmoniker im Kulturzentrum Gasteig umbauen wollen. Damit wäre dessen von Seehofer lange präferierter Abriss zwar vom Tisch, aber auch das neue Konzertgebäude für die Symphoniker des Bayrischen Rundfunks. Dieses wird seit Jahren gefordert, weil die Symphoniker – geleitet von Mariss Jansons und gehandelt als eines der fünf weltbesten Orchester! – für jedes Konzert bei den Philharmonikern antichambrieren müssen, um im Gasteig spielen zu können.

Die einzige Alternative für die jährlich mehr als 130 Abonnementkonzerte der beiden Orchester ist der Herkules-Saal in der Residenz, der zu klein ist und weder architektonisch noch musikalisch befriedigt. Doch auch das Kulturzentrum Gasteig steht seit seiner Eröffnung 1984/85 in der Kritik. Der klobige, mit Ziegeln verkleidete Bau ist labyrinthisch und düster. Die Musiker müssen schon mal auf den Gängen proben. Der Hauptsaal gleicht mit seinen 2 400 Plätzen und vielen Sitzplatzpodien nur auf den ersten Blick dem Saal der Berliner Philharmonie. Denn während dort das Orchester aus dem Zentrum seine Klänge in alle Richtungen ausstrahlt, ist es in München in den spitzen Winkel der etwa tortenstückförmigen Halle gepfercht. Der Versuch, auf diese Weise den klassischen Kastensaal mit frontalem Podium und die Berliner Rundum-Akustik Hans Scharouns miteinander zu kombinieren, schlug fehl. Es gibt regelrechte Hör-Löcher, vor denen versierte Konzertbesucher einander warnen.

Kleinere Umbauten könnten das Podium vielleicht akustisch verbessern. Aber das „Weltniveau“, das Horst Seehofer verlangt, wird er nie haben. Also soll der Saal, so Ministerpräsident und Oberbürgermeister in seltener Einigkeit, herausgerissen werden. Anschließend will man einen neuen Saal in die hochkomplizierte Stahlbetonstruktur des Gasteig einbauen.

Keine Kostenkalkulationen

Pläne gibt es dafür bisher nicht. Also auch keine Kostenkalkulationen. Vor einigen Jahren legte das renommierte Planungsbüro Speer und Partner ein Konzept vor, die Intendantin sprach vage von einer „dreistelligen Summe ohne Eins davor“. Also 200 oder 300 Millionen? Dabei wäre der Saal noch beengter als der jetzige. Zudem ist das Haus zu niedrig, um eine wirkliche akustische Verbesserung zu erreichen. Ein Neubau darin würde die Verteilungsprobleme der Orchesterpläne nicht lösen, die Volkshochschule und die Musikhochschule müssten aus dem Gasteig ausziehen. Was das an Folgekosten verursacht, ist ebenfalls nicht berechnet.

Die Politiker versprechen, mehr als fünf Jahre würde der ganze Umbau nicht dauern. Wo aber kommt diese Zuversicht her? Und wo kann während dieser Zeit in München klassische Musik gehört werden? Darauf gab es bisher keine Antwort – abgesehen von dem Verweis auf den Herkules-Saal und auf „Ausweichstandorte“. Wenn sich Reiter und Seehofer wirklich durchsetzen, steht das Musikleben Münchens vor einer harten Bewährungsprobe. Wie sollen Intendanten Verträge abschließen, wenn sie gar nicht wissen, ob und wo gespielt wird? Welcher Star lässt sich auf das Wagnis ein, eventuell im Zelt auftreten zu müssen? Das Projekt ist bautechnisch und musikalisch nach aller Erfahrung völlig unkalkulierbar, wird fast sicherlich keinen Saal hervorbringen, der irgendwie mit der Berliner Philharmonie, den neuen Sälen in Luzern oder Paris oder auch dem uralten Saal des Konzertvereins in Wien konkurrieren kann. Sicher ist nur, dass er sehr teuer würde. Das nämlich ist die Lehre aus den Berliner Skandalbauten Staatsoper und Humboldt-Forum: Wer baut, ohne ein abgewogenes Konzept zu haben, muss entweder zahlen oder mit dysfunktionalen Bauten leben.

Hoffnung auf Vernunft

Zwar haben die Freunde eines Neubaus bisher auch keine überzeugenden Orte vorweisen können. Aber dafür gibt es Wettbewerbe und Planungsbehörden. Wenn nun jedoch tatsächlich die Regierung, der Landtag und die Münchner Stadtverordneten ihren Chefs folgen sollten, kann nur geraten werden: Füllt schon mal einen großen Reservetopf. Aber vielleicht setzt sich ja doch noch die Vernunft durch, und die Münchner investieren in einen strahlenden, effizienten und letztlich wohl auch billigeren neuen Konzertsaal.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?