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Barenboim-Said-Akademie: Vom Berghain lernen

Der Saal der Barenboim-Said-Akademie wird aus zwei gegeneinander schwingenden Ovalen bestehen, die in die historischen Mauern eingefügt werden.

Der Saal der Barenboim-Said-Akademie wird aus zwei gegeneinander schwingenden Ovalen bestehen, die in die historischen Mauern eingefügt werden.

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Berliner Zeitung/Nikolaus Bernau

Berlin -

Es ist eine Herzensangelegenheit von Daniel Barenboim. Die Barenboim-Said-Akademie, in der künftig junge Musiker aus Israel, den arabischen Ländern und Deutschland gemeinsam lernen und musizieren sollen. Mehrmals betont also am Dienstag Vormittag der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper: „Ich sehe meine Arbeit hier.“ Verkündet wird nach drei Jahren Vorbereitung, Lobbyarbeit und Spendensammeln der Baubeginn. Barenboim steht im künftigen Foyer der Akademie, die im einstigen Magazin-Gebäude gleich hinter der Staatsoper entstehen wird. Baustaub haftet an seiner Nadelstreifenhose. Ölgeruch hängt in der Luft.

Ab 2016 sollen hier bis zu 80 junge Musiker studieren. Zwar verfügt Berlin über zwei Musikhochschulen, die „Hanns Eisler“ am Schlossplatz und die Universität der Künste in Charlottenburg. Doch Barenboim will mehr als diese klassischen Institutionen leisten. Seine Akademie soll sich an das 1999 von ihm und dem 2003 verstorbenen US-amerikanisch-palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said gegründete West-Eastern Divan Orchestra anschließen. In Sevilla arbeiten in diesem je vierzig Prozent der Musiker aus Israel und aus arabischen Ländern, zwanzig aus Spanien. In Berlin will Barenboim dieses Erlebnis nun verstetigen, einen Ort der Völkerverständigung, der Neugier schaffen, an dem die „Kunst des Denkens“ gelehrt wird. Diesen als „Philosophie“ bezeichneten Teil des Curriculums sieht er als so zentral an, dass er dafür – „vielleicht“ – sogar seine Arbeit an der Mailänder Scala verringern will.

Auch Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters lobte die Akademie als einen „Beitrag Deutschlands für ein Friedensprojekt im Nahen Osten“. Das ist durchaus ein Signal an die Haushälter des Bundestags. Sie haben zwar schon 20 Millionen für die auf 33,7 Millionen Euro kalkulierten Baukosten zur Verfügung gestellt (Mehr als 16 Millionen hat die Akademie inzwischen an privaten Spenden eingesammelt.), aber für die dauernden Lehr- und Betriebskosten in Höhe von etwa fünf Millionen Euro jährlich wird die Akademie, teilte ihr Direktor Michael Naumann mit, trotz Spendeneinnahmen auch staatliche Unterstützung benötigen.

Das bauliche Zentrum der Akademie soll der neue Konzertsaal werden. Benannt wird er nach dem eng mit Barenboim befreundeten Avantgarde-Komponisten Pierre-Boulez. Barenboim gewann für seinen Entwurf den ebenfalls eng befreundeten Architekten Frank Gehry, der zudem „pro bono“, also ehrenamtlich arbeitet.

Sicherlich spielte dafür der mitreißende Idealismus Barenboims eine Rolle. Während viele Kulturmanager nur noch von Tourismuszahlen oder Ticketpreisen sprechen, führt Barenboim Bildung, Philosophie oder die Hoffnung auf Frieden als Legitimation seiner Arbeit an. Gehrys Entwurf dafür ist so einfach wie grandios. Alle Räume werden in die Außenwände des in den frühen 1950er-Jahren nach Plänen Richard Paulicks errichteten einstigen Magazinbau eingefügt. Die sechs Etagen hohe Verteilerhalle soll mit ihrem herben Industriecharme weitgehend erhalten bleiben und als Café und Foyer dienen. In den westlichen Magazintrakt kommen Studios, Probenräume und Büros unter. Nur im östlichen Magazintrakt sollen – mit Zustimmung der Berliner Denkmalpflege, wie die Initiatoren betonen – alle Innenmauern und Decken herausgerissen werden. Bevor nun zu Recht geklagt wird über den Verlust von zwei Fünfteln des historischen Baus: Seine andere Hälfte wurde jüngst im Auftrag des Landes Berlin und der Staatsoper für vergleichbare Zwecke vollständig abgerissen und durch einen Neubau mit kopierten Paulick-Fassaden ersetzt. Im Vergleich dazu geht Gehry geradezu vorsichtig mit seiner Hälfte des alten Hauses um.

Geplant ist ein intimer Saal mit Platz für nur 622 Besucher. Eine elegant im Oval geschwungene Galerie schwebt über dem Zuschauerreihen um das Podium im Hauptgeschoss. Beide Ovale sind leicht zueinander gedreht. Aus dem sturen Rechteck wird so eine mit schimmerndem Holz ausgekleidete, barock belebte Architektur. Die Sitzreihen sind variabel, es können zentrale und gerichtete Räume entstehen, sogar der einfache Saal mit flachem Boden zum Darauf-Lagern, wie ihn Pierre Boulez einst für eine Kunstaktion in New York einführte.

Gehry zeigt hier wie bei der DZ-Bank am Pariser Platz oder im Kunstmuseum in Toronto, dass er, der doch eigentlich seit der Disney-Hall in Los Angeles und dem Guggenheim-Museum in Bilbao berühmt ist für die große, freie Form, gerade in komplizierten, beengten Situationen spannende Lösungen entwickelt. Sein Entwurf ist sicher kein DenkmalSchutz-Vorzeigeprojekt. Wie beim umstrittenen Radikal-Umbau des Pergamonmuseums werden historische Räume für neue große Säle geopfert. Aber Gehry gelingt es, aus diesem Verlust etwas ganz Neues zu schaffen, nicht nur eine lichtlose, akademisch kastige Raumhülle, wie sie auf der Museumsinsel zu entstehen droht. Dieser frische, luftige Saal wird, wenn die Zeichnungen nicht sehr trügen, Berlin wieder einmal eine Architektur geben, die international konkurrieren kann. Und vielleicht ringt sich ja die Baubehörde noch zu einer Sondergenehmigung durch, sodass im Foyer auch die zarten Schiebebühnen als Besuchergänge genutzt und damit erhalten bleiben können.

Die Barenboim-Said-Akademie verspricht aber auch so den rauen Berghain-Charme mit der Eleganz der Hochkultur zu verbinden. Damit wird dieser neue Saal auch eine Konkurrenz für andere kleinere Musiksäle Berlins werden – vor allem für den viel größeren, unintimen Kammermusiksaal neben der Philharmonie. Umso erstaunlicher, dass nicht einmal der neue Berliner Kulturstaatssekretär Renner bei diesem Pflichttermin auftauchte. Zwar ist das Land bisher nicht direkt an den Kosten für dieses Bauprojekt beteiligt. Doch hat Berlin das Gebäude der Akademie auf 99 Jahre für einen symbolischen Betrag von einem Euro jährlich überlassen – nachdem niemand es kaufen wollte. Vielleicht muss diese oft so nüchterne Stadt erst lernen, mit dem Anspruch zu leben, den die Barenboim-Said-Akademie an uns stellt.



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