blz_logo12,9

CD-Kritik zu "Blackstar": David Bowie, schwarze Sterne und tote Astronauten

David Bowie bleibt modern und mutig.

David Bowie bleibt modern und mutig.

Den Sinn für die auffällige Eröffnung hat David Bowie nie verloren. Aber so überraschend wie „The Next Day“ von 2013 geht sein neues Album „Blackstar“ natürlich nicht auf. Der Vorgänger war im Geheimen produziert worden, beendete eine zehnjährige Studiopause und einen fast ebenso langen nahezu kompletten Rückzug aus der Öffentlichkeit, nachdem Bowie 2004 auf der Bühne einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Offenbar hatte der Herzschlag auch bei Bowie das Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens geschärft – es schien jedenfalls, als ob er nicht nur im Berlin-Thema der tollen Single „Were Are We Now“, sondern auf dem ganzen Album sein Schaffen rekapitulierte: Der Tag danach begann mit einer Selbstvergewisserung.

Immerhin erscheint nun sacht dramatisch sein neues, 25. Studioalbum an seinem 69. Geburtstag. Sehr auffällig hatte er jedoch schon im Dezember den Titelsong veröffentlicht, einfach so, aber mit einem eindrücklichen Video vom (gelegentlichen) „Breaking Bad“-Regisseur Johan Renck.

Insgesamt dauert er fast zehn Minuten und verbreitet eine beinah wund geschürfte, von nervösen Breakbeats berasselte Stimmung, in der man tote Astronauten, verfinsterte Sonnen und erloschene Landschaften sieht. Der Künstler tappt mit lappig bandagierten Augen durch eine bedrohliche Szenerie voll zuckender Leiber. In einem wehmütig melodischen Mittelteil besingt sich Bowie im staubigen Licht eines Dachbodens als schwarzer Stern – „not a popstar, not a gangstar, I’m a star’s star, I’m a black star“.

Tote Astronauten

Dabei zeigt schon das Format, dass Bowie selbstbewusst in der Gegenwart angekommen ist. Radiolängen kümmern nicht mehr. Dafür liegt der Song knapp unter zehn Minuten, weil man oberhalb dieser absurden Grenze Songs im Onlineladen nicht mehr einzeln, sondern nur mit Album kaufen kann. Aber klugerweise klingt auch die Musik sehr zeithoch, mit den schiefen Rhythmuskanten, den vielen elektronischen Schlacken und Schwaden, die sich durch das fiebrige Ding ziehen, und mit seinem erstickt-heiseren Gesang.

Noch besser ist allerdings, dass Bowie dieses Niveau über das ganze Album und seine sieben Songs halten kann. Er experimentiert offenbar lustvoll wie zuletzt in seinen Berliner Zeiten, mit Textur, Struktur und Instrumenten. Noch offen bleibt dabei die Frage, ob er sich mit dem sehr präsenten Saxofon wie früher als Trendfuchs erweist. Immerhin gelingt es Bowie und Tony Visconti, seinem Dauerproduzenten seit den Siebzigern, das im Pop seit den Achtzigern verpönte Instrument einleuchtend und dramaturgisch geschickt einsetzen.

Sie seien, so Visconti, stark vom Rapper Kendrick Lamar beeindruckt gewesen, dessen letztes Album gerade durch seine jazzige Offenheit und Arrangements allenthalben gerade zum Album des Jahres gekürt wurde. Und so verpflichtete auch Bowie einen Jazzer.

Dabei holte er den Saxofonisten Donny McCaslin und seine Band offenbar nicht nur der Atmosphäre wegen, sondern wählte sie auch für ihren Sound. Die komplexen wie eleganten HipHop-Beats und Dubandeutungen, treibenden Jazz-Rockmomente und zischelnd stolpernden Drum & Bass-Strecken entsprechen ungefähr den Vorlieben, die man auch auf dem letztjährigen „Fast Future“ von McCaslins Band hört.

Schluchzender Alien

Andererseits hängen die Songs natürlich an der Stimme – die mal schneidet, mal klagt und manchmal so subjektvergessen steigt wie bei Scott Walker – und ihrem Zusammenspiel mit den enorm spannungsreichen Arrangementideen. Das erkennt man zum Beispiel gut an der Neubearbeitung von „Sue“, dem etwas eigenartigen Weill/Broadway-Stück aus dem vergangenen Jahr. Das wird hier klasse in einen harten Rock-Breakbeat getrieben, der zugleich bis kurz vor den Zerfall mit einer Unzahl von Effekten beschossen und erschüttert wird. Dabei zieht sich durch das Album insgesamt eine Ahnung dräuenden Ungemachs und zagender Zerrissenheit.

Mit hinterhältiger, seltsam kippelnder Süße ruft er in „Tis a Pity She Was a Whore“ einer jungen Dame hinterher, während topfige Drums gemein ballern, verhallte Chöre leichte Uhuuus seufzen und das Saxofon hysterisch ins Chaos brechen darf. Ebenso kippt unter sturem Marsch und fiesen Streichern „Girl Loves Me“ mit einem immer aggressiverem Gesang ins Hysterische.

Im bassdubbigen „Lazarus“ dagegen, der zweiten Single, schwebt das Saxophon über elektronischer Atmo, in die Gitarrenechos nur fern wie vom anderen Ende des Alls herüberbratzen, und Bowie gibt dazu den schluchzenden, auf die Welt gefallenen Alien: „Oh I’ll be free, just like that bluebird“. Etwas unerwartet scheint sich das Ungemach zum Schluss hin ein wenig zu lichten, mit dem melancholisch-poppigen „Dollar Days“ und dem etwas blassen „I Can’t Give Everything Away“.

Ob es bei all dem tatsächlich, wie es aus Bowies Umfeld gelegentlich hieß, um Terror, IS, Macht, das Böse und all sowas geht? Ebenso gut könnte sich alles nur um Bowie selbst drehen, genug Selbstreferzielles vom sterbenden Astronauten Major Tom über Clockwork-Orange-Motive bis zur allgemeinen Starreflektion gibt es wie gewohnt. Und so könnte man auch den Schluss trefflich als Statement lesen. Er hat ja selbst erfahren, dass man eben nicht alles geben kann. Aber gerade darum beeindruckt dieses vielleicht nicht brennend modische, aber überzeugend moderne und mutige Album umso mehr.

"Blackstar" erscheint am 8. Januar 2016.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?