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CTM-Festival in Berlin: Techno-Reflexionen, Geräusch-Avantgarde und brüllende Gitarren

Grenz- und biologieverhöhnend: die Stimme Rully Shabaras.

Grenz- und biologieverhöhnend: die Stimme Rully Shabaras.

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Mao Niashu

Zur Halbzeit des CTM-Festivals brummt einem der Schädel. Es handelt sich dabei allerdings um eine nicht unangenehme, auch erhellende, mitunter fast beglückende Verwirrung. Denn zwischen traditionellen Gesängen, wildem Humangeschrei und brüllenden Feedbackgitarren aus aller Herren Länder, nicht zu vergessen natürlich Techno-Reflexionen und Geräusch-Avantgarde wurden vielleicht nicht unbedingt die vom Festivalmotto versprochenen „Neuen Geographien“ kartographiert. Großzügig bestückter allerdings kann man kaum darauf beharren, dass man mit herkömmlichen Grenz- und Identitätsideen in Zeiten einer digitalen globalen Polyphonie – wie man das Programm vielleicht zusammenfassen könnte – nicht mehr weit kommt.

Verwirrend traditionell

Dabei ging es am Montag beim Auftritt des libanesischen Sängers Karim Abdel Shaar auch verwirrend traditionell und lokal zu. Man simulierte nämlich seine berühmten Auftritte in Beirut, indem man Tischchen mit libanesischem Fingerfood im Heimathafen aufstellte und Shaar mit seinem Quartett aus der lautenartigen Oud, der zitherförmigen Qanon, einer Geige und dem Riq-Tambourine in eine rotplüschige Umgebung setzte.

In Frack, mit Glatze und randloser Brille sang Shaar melismatische Lieder mit eloquenter Mimik und Gesten. Ich habe nicht viel verstanden, von den Texten nicht, noch den musikalischen Regeln, weshalb ich überrascht war, als Menschen kundig dynamische Wechsel vorausahnten und mitklatschten. Tatsächlich beruht sein Ruhm darauf, dass er kleine, populäre Lieder durch Improvisationen lange dehnt – er ist also vielleicht gar nicht so traditionell wie man als Unkundiger und angesichts seiner Muezzin-Anfänge denkt.

Anders lohnend erwies sich der Auftritt tags darauf im HAU bei Jerusalem In My Heart. Radwan Ghazi Moumneh, der musikalische Teil des Performance-Duos ist zwar Atheist, aber der kanadisch-libanesische Produzent und Gitarrist benutzt zwischen zartem Synthpop, Gitarren- und Elektrogeräuschen schweifender Musik auch traditionelle Muster. Dazu verschmurgelte sein Partner Charles-André Coderre 16-mm Bilder von nostalgisch getönten Hotels, Laubbäumen und ausgebombten Hochhäusern.

Etwas plakativ vielleicht, aber in seiner nachdenklich-wehmütigen Stimmung dicht und stimmig – nicht zuletzt durch gelegentliche Gesangslinien, die Moumneh mit gespreizten Beinen sitzend klagte, während er sich der gleichen Gesten der Hände (die Mimik war von einer Sonnenbrille cool verbaut) wie Shaar bediente – was man als Heimathafen-geschulter Beobachter stolz als respektvolles Zitieren der Tradition erkannte.

Extremgitarirst im HAU

Noch traditionsbewusster der Mittwochabend. Er führte verschiedene Lärm- und Geräuschschulen zusammen. Zunächst erlebte man im HAU den Extremgitarristen Keiji Haino, seinen Kollegen Kazuhisa Uchihashi, der sich mit Elektropult und dem hölzernen Daxophon verstärkt hatte, sowie das indonesische Duo Senyawa mit seinen tonabnehmerbewehrten Bambusinstrumenten und der unberechenbaren und rundum grenz- und biologieverhöhnenden Stimme Rully Shabaras.

Gegenüber diesem hoch expressiven Krach erlebte man hernach im Berghain den fein abgestimmten Krach der rumänischen Komponisten Iancu Dumitrescu und seiner Frau Ana-Maria Avram, die mit ihrem Hyperion Ensemble auftraten. Dies ist ein speziell für Dumitrescus Spektralmusik – klanganalytisch, obertonreich – gegründetes Ensemble aus Streichern, zwei Holzbläsern, drei Trommlern, dazu ein Elektroniker und ein Herr an einem großen Blech. Als Gast war der US-Extremgitarrist Stephen O’Malley dabei, der mit seiner Band Sunn O))) zur Meisterschaft entwickelt hat. Hoch expressiv waren hier die dirigistischen Gesten, die Dumitrescu unter buschigen Augenbrauen produzierte, Handzeichen, mit denen er laute und leise, schabende und gedehnte Laute forderte und mal bekam, mal aber – so schien es – auch nicht. Jedenfalls schuf das Ensemble in feinsten Abstimmungen, mit zartesten aber auch explosiven und lärmigen Überlagerungen eine dichte, einleuchtende und schöne Musik jenseits herkömmlicher Wohltemperiertheit.

Konsequente Künstlichkeit

Während man sich hier noch mit Herkünften, Quellen und Wurzeln auseinandersetzte, deutete sich die eigentliche Richtung der „Neuen Geographien“ in der Dienstagnacht im Berghain an: Dort zielte der Londoner Clubmusiker Visionist aufs ganz Andere. Seine Sounds setzen auf konsequente Künstlichkeit, die unberechenbaren, zappelnd, stotternden, unruhigen Rhythmen geben einem nicht wirklich freundlich die Hand – sie klingen, sagt er selbst, nach Verunsicherung und Furcht. Umso interessanter die Visuals:

Dort sieht man Postkartenlandschaften von Meeren und Bergen, menschenleere Idyllen. Allerdings sind sie so koloriert, dass sie aussehen wie die spacigen Fantasy-Bilder des Progrock-Designers Roger Deans. Für den Fall, dass sich jemand in diesen seltsam entfernten Landschaften einrichten wollte, werden sie in einem interessanten digitalen Effekt von Wellen weggespült.



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