Neuer Inhalt

Der Pionier des deutschsprachigen Swings ist tot

1490FA009DC450AB

Im April wollte Cicero auf Sinatra-Tour gehen.

Foto:

dpa

Swing mit deutschen Texten, das hatte vor ihm noch keiner gewagt. Aber er, der Sänger mit dem Hut, ließ sich spielend darauf ein, Roger Cicero wurde ein Star mit genau dieser Mischung. Seine Musik machte gute Laune, man musste mitschnippen, ob man wollte oder nicht. Und seine Texte ließen aufhorchen, kluge Sätze, die sich um Frauen drehen und um Männer, und um die Bilder, die sich die einen von den anderen machen. Das war frech mitunter, aber nie ohne ein Augenzwinkern. „Das Augenzwinkernde“, hat Roger Cicero einmal gesagt, „ist das wichtigste Element in meinen Texten.“ Eine Ironie, die nicht alle mochten, die Feministinnen vom Frauenmagazin „Emma“ wählten ihn 2007 zum „Pascha des Monats“.

Die charmante Leichtigkeit, mit der Roger Cicero sein Publikum begeisterte, musste er sich hart erarbeiten. 1970 wurde er in Berlin geboren, seine Mutter Lili Cziczeo war Tänzerin, sein Vater Eugen Cicero einer der profiliertesten Jazzmusiker Deutschlands. In diesem hochmusikalischen Haushalt gab es für den Nachwuchs kein Entrinnen, bereits mit vier musste Roger zum Klavierunterricht, ohne Erfolg: „Ich habe es gehasst und mit Fünf aufgehört.“ Hin und wieder war er auch bei den Konzerten seines Vaters im Publikum mit dabei, langweilte sich ohne Ende und störte durch lautes Geplapper.

Nicht den einfachen Weg genommen

Bis ihn die Musik dann doch irgendwann einholte. Mit 18 studierte er Klavier, Gitarre und Gesang und hatte erste Auftritte mit dem Horst-Jankowski-Trio, aber auch mit der Gruppe seines Vaters sowie mit dem Bundesjugendjazzorchester unter Leitung von Peter Herbholzheimer. Ein leichter Einstieg ins Musikgeschäft, und doch nichts für Roger Cicero. Kontakte, die über seinen bekannten Vater kamen, wollte er nie nutzen, hat er immer boykottiert. Deshalb ging er 1991 nach Holland, an die „Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten“ in Hilversum. Fünf Jahre studierte er hier Jazzgesang in einem Land, in dem sein Vater kaum bekannt war. „Dort bin ich durch die Clubs getingelt, habe mir die Anerkennung selber erarbeitet.“ 

Wieder zurück in Deutschland, sang er bei den Gruppen „Jazzkantine“ und „Soulounge“ und gründete 2003 das Roger-Cicero-Quartett. Bis die Idee aufkam, ein Solo-Album mit einer Big-Band zu produzieren, Swing eben, mit deutschen Texten. „Es war für mich erst eine sehr große Umstellung vom Englischen zum Deutschen“, die Natürlichkeit, mit der er schließlich brillierte, musste sich der Sänger auf der Bühne hart erarbeiten. „Männersachen“ hieß dieses erste Album und wurde musikalisch wie textlich stilbestimmend für die nächsten Jahre. Die musikalischen Selbstzweifel eines modernen Mannes im ständigen Clinch mit dem anderen Geschlecht wurden verstanden, die Platte stieg bis auf Platz 3 der deutschen Album-Charts.

Durchbruch beim ESC

Der eigentliche Durchbruch beim ganz großen Publikum gelang Roger Cicero schließlich ein Jahr später, 2007 siegte er beim deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest mit „Frauen regier‘n die Welt“. Eine eingängige Melodie, ein anspruchsvoller deutscher Text - mit hohen Erwartungen trat Cicero auf die große ESC-Bühne in Helsinki, und landete auf dem 19. von 24 Plätzen. Damit war ihm genau das passiert, wovor so viele namhafte Künstler immer wieder zitterten: eine krachende Niederlage beim größten europäischen Musikwettbewerb. Für ihn aber zahlte sich das Dilemma aus: „Ich wurde nach meiner Rückkehr in Deutschland wahnsinnig herzlich empfangen, und die Häme, mit der ich gerechnet hatte, blieb auch weitgehend aus.“ Die Begeisterung des Publikums, stellte er fest, nahm überhaupt nicht ab sondern wurde eher mehr.

Seitdem war ihm sein Platz sicher im deutschen Musikgeschäft, gute Plattenverkäufe, volle Konzerte, eine ständige Präsenz in den Medien. 2008 konnte er sich sogar einen kleinen Ausflug ins Filmgeschäft leisten, in dem Biopic „Hilde“ spielte er an der Seite von Heike Makatsch den Musiker Ricci Blum. Und 2012, zur Fußball-Europameisterschaft, veröffentlichte er den offiziellen DFB-Fansong „Für nichts auf dieser Welt“.

Sinatra-Tournee sollte im April starten

Eine nächste, wichtige Etappe sollte 2015 erreicht werden, „Cicero Sings Sinatra“ hieß das ambitionierte Projekt. Im November des Jahres aber musste der Sänger plötzlich alle Termine absagen, ein akutes Erschöpfungssyndrom mit Verdacht auf Herzmuskelentzündung lautete die Diagnose, Stress und ein verschleppter Virus galten als Auslöser. Eine Auszeit musste sein, bis es Ende Januar hieß, der Künstler sei wieder gesund. Die große Tournee mit den Sinatra-Songs sollte am 7. April starten. Nach einem letzten Live-Auftritt im Bayerischen Rundfunk erlitt er am 18. März einen Hirnschlag, in der Klinik verschlechterte sich sein Zustand rasch. Sechs Tage später, am Donnerstag vor Ostern, stirbt Roger Cicero im Alter von 45 Jahren.