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Die MaerzMusik setzt als „Festival für Zeitfragen“ auf Text statt auf Klang

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Chiharu Shiota hat für MaerzMusik eine Installation aus Kathetern geschaffen.

Foto:

Berliner Festspiele

Wer zur Pressekonferenz der „MaerzMusik“ zu spät kam, mochte sich irgendwann fragen, ob er sich nicht doch im Zimmer geirrt hatte. Berno Odo Polzer, den man seit letztem Jahr als künstlerischen Leiter des Neue-Musik-Festivals der Berliner Festspiele kennt, sprach über Themen und Personen, die mit Musik nichts zu tun hatten.

Wurde hier das Programm eines Soziologen-Kongresses vorgestellt? „Digitalisierung“, „Zeit“; „Hartmut Rosa“, „George Dyson“ ... Noch so manches andere Reizwort und so mancher andere erlauchte Name fiel. Täglich acht Stunden wird bei der „MaerzMusik“ Text vorgetragen und diskutiert, das nennt sich „Diskursformat“ mit dem Titel „Thinking Together“.

Nichts gemerkt?

Die Zeitung zum Festival legt nach. Dort begrüßt der Intendant der Festspiele, Thomas Oberender, dass das Festival aufmerksam mache auf den „tiefgreifenden Wandel“ der Gesellschaft und Kultur, durch den wir einen Großteil unseres Lebens in der digitalen Welt verbringen: „Irgendwann werden wir uns fragen, warum wir so lange nichts bemerkt haben.“ Verzeihung: Wer hat nichts bemerkt? Na gut, vielleicht bedarf es dazu der gesteigerten Sensibilität, über die ausschließlich Musikkritiker verfügen, aber: Ich habe das schon bemerkt. Und ich meine sogar, schon mal etwas über das Thema gelesen zu haben, vermutlich an so entlegenen Orten wie den großen deutschen Wochenzeitschriften.

Zweierlei ist an der morgen beginnenden MaerzMusik wirklich beklemmend: Erstens dass da wirklich von Intellektuellen behauptet wird, man müsse endlich auch einmal über die Chancen und Probleme der Digitalisierung reden. Zweitens dass man diese Diskussion im Rahmen eines Neue-Musik-Festivals gut aufgehoben wähnt.

Vielleicht ist das nur der neueste Gag im Negations-Überbietungskampf, denn in der neuen Musik wird Negation gern mit Innovation gleichgesetzt, nach dem Motto des Musikphilosophen Heinz-Klaus Metzger: Ein Komponist wird bedeutend durch das, was er abschafft. Erst negierte die Neue Musik die Strukturen der vorigen, dann wurde im Gefolge von John Cage tönende Struktur überhaupt negiert, schließlich negiert Polzer, dass überhaupt Musik gespielt werden muss.

Man verstehe das nicht falsch: Dass sich die MaerzMusik unter Polzers Leitung nun „Festival für Zeitfragen“ nennt, könnte eine launige Doppeldeutigkeit sein, die nicht nur „Fragen der Gegenwart“ meint, sondern auch Musik. Eine beliebte Minimal-Definition lautet: Musik ist gestaltete Zeit. Und wenn die Digitalisierung unser Verhältnis zur Zeit ändert, dann hat das Konsequenzen für das Hören – kann sein, dass die kontemplative Form: einer sitzt und konzentriert sich auf etwas, im Aussterben begriffen ist. Das herrschende Hören ist die permanente, tendenziell zerstreute Klangwahrnehmung via Kopfhörer mit irgendwelchen Songs, deren Rezeption ohne Schaden für das Verständnis nahezu jederzeit abgebrochen werden kann.

Polzer schlägt außerdem in den Musikprogrammen, die es neben dem auf 46 Stunden veranschlagten Diskursformat auch gibt, folgende Hörweisen vor: Sich einmischend in „Time To Gather“, einem Vierstunden-Konzert mit dem Pianisten Marino Formenti, bei dem man sich Stücke wünschen und Formenti auch am Instrument ablösen kann; schlafend bei Max Richters achtstündiger Komposition „SLEEP“; übernächtigt in „The Long Now“, einer schon im letzten Jahr ausprobierten 30-Stunden-Form im Kraftwerk Mitte. Das sind durchweg Formen, deren Bezug zur Digitalisierung fragwürdig ist, Diskurs und Musik stehen weitgehend beziehungslos nebeneinander. Lediglich an einem Tag geht es um Musik, die von Computern komponiert wurde.

Eine Frage des Codes

Aber ist das interessant? Dass Computer anhörbare Musik erstellen können, ist nicht verwunderlich, sondern eine Frage des Codes. Und dass der spanische „Iamus“-Rechner das mittels künstlicher Intelligenz heute auf höherem prozeduralen Niveau tut als der von Lejaren Hiller in den Fünfzigern gefütterte Rechner in Illinois, dessen „Illiac Suite“ reichlich kindisch klang, glauben wir gern. Aber was erfindet der Rechner? Herkömmlichste Tonsatzmusik, die Menschen aufführen und anhören – Musiker und Hörer tragen dabei eine künstlerische Absicht in ein Gebilde, das sich keiner solchen Absicht bewusst ist.

Das hätten wir geklärt. Aufregender als das ist das aufgeblasene Deutsch der Publikationen: „Die globale Echtzeit digitaler Technologien lässt räumliche Distanzen kollabieren“ – dazu hätten Firmen wie Hermes oder DHL sicher eine abweichende Meinung. „Eine Reihe von Projekten schafft Raum für die Eigenzeit der Musik“ – das ist falsch: Die „Eigenzeit“ von Musik war im Konzert gut aufgehoben, während sie in den 30 Stunden von „The Long Now“ von ganz anderen Erfahrungen verdrängt wird, die Polzer selbst so zusammenfasst: „Totaler Verlust des Zeitgefühls, intensivierte Körperlichkeit, Einschwingen in Umgebung und Musik.“ Um die Erfahrung von Klang, Harmonie, Form macht das einen Riesenbogen.

Die MaerzMusik vollbringt mit aufmüpfig-flotter Geste, was Rundfunkintendanten durch die Fusionierung von Orchestern unter öffentlichem Protest vornehmen: Sie verringert die Erfahrungsmöglichkeiten von Kunst. Vielleicht ist da ja wirklich nichts mehr zu holen, vielleicht ist das alles zu analog, zu europäisch, zu voraussetzungsreich. Aber hat es den Menschen nicht einmal zu viel bedeutet, um es mit einem großen, Zeitgeist-opportunistischen Schwung von der Bühne zu fegen?