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Er war ein Mann mit schier unendlicher Energie und Neugier

Harnoncourt 2009

Nikolaus Harnoncourt nach einer Premiere in Wien (2009).

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imago/SKATA

Hört man hinein in eine der frühen Aufnahmen von Nikolaus Harnoncourt und seinem Orchester Concentus musicus, wird man zutiefst gerührt von den technischen Unzulänglichkeiten einerseits und der Reinheit des künstlerischen Impulses andererseits. Man horcht in eine Frühzeit, bekommt Einblick in ein Labor des Klanges und Musikmachens, in den Versuch einer Neudefinition dessen, worauf es bei Musik eigentlich ankommt. Mitten hinein in die Hochzeit und die weltweite Verbreitung des polierten Karajan-Klangs platzen diese Aufnahmen eines Haufens österreichischer Musiker unter der Leitung eines Mannes, der von Hause aus Cellist war und als Dirigent ein Autodidakt.

Als erstes sagten diese Aufnahmen: Virtuosität ist eine Facette der Musik, und keineswegs die wichtigste. Dann: Was man unter einem „schönen Klang“ versteht, ist relativ. Außerdem: Die große Form ist das eine, die Sprache etwas anderes. Musik ist die Sprache, die überall verstanden wird? Harnoncourt hätte gesagt: Nein, Musik ist eine Sprache, die niemand versteht, wenn er sich nicht damit befasst, und gerade diejenigen, die solche Sätze in ihren Sonntagsreden immer wieder loslassen, wissen noch nicht einmal, was sie alles nicht verstehen.

Die Sprache zum Hören bringen

Man hat den Namen Nikolaus Harnoncourt immer wieder mit der historischen, oder wie man heute sagt: historisch informierten Aufführungspraxis in Verbindung gebracht. Das ist nicht falsch: Er hat unendliche Studien getrieben über historische Instrumente, die er sammelte, historische Spielweisen, die er ausprobierte, historische Formen des Bedeutens von Musik, die er von der Renaissance bis Bruckner entziffern lernte. Und doch ist das alles nur das Fundament gewesen, auf dem Harnoncourt ein anderes ästhetisches Ziel verfolgte: die Zurückgewinnung des Sprachcharakters und damit des genauen Ausdrucks von Musik.

Aber das Ganze wäre in seiner Wirkung begrenzt gewesen, hätte sich Harnoncourt lediglich als Spezialist fürs Alte betätigt, wie zuvor etwa Gustav Leonhardt, der als Cembalist, Organist und Dirigent nicht über 1750 hinaus ging. Aber Harnoncourt konnte und wollte seine künstlerische und menschliche Prägung durch die klassisch-romantische Musik nicht abstreifen. Das heißt nun in scheinbarem Widerspruch zum objektivierenden Geist der historisch informierten Aufführungspraxis, dass Harnoncourt am Ende seiner subjektiven Überzeugung und Intuition gefolgt ist. Er wusste, was er in den alten Schriften finden wollte: Nämlich dass diese Musik nicht so langweilig sein konnte, wie sie damals gespielt wurde. Die Studien der alten Lehrwerke und die haptische Erfahrung der alten Instrumente sollten nicht in ein Regelwerk münden, das zu einer Aufführung wie damals führte, sondern diente der Erziehung, der Bildung – um danach auf höherem Niveau der Musik frei zu begegnen.

Der Musikphilosoph Gustav Falke hat Harnoncourts Interpretationsästhetik als „Pantragismus“ umrissen. Bei Harnoncourt ist die Wahrheit eines Werkes sein schlimmstmögliches Ende, auch wenn es sich um eine Mozart-Symphonie oder einen Strauß-Walzer handelt. Das ist nun ganz gewiss nicht historisch, sondern die Perspektive eines Mannes mit Diktatur-, Kriegs- und Nachkriegserfahrungen. Johannes Nicolaus Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt wurde am 6. Dezember 1929 in Berlin geboren, siedelte aber bald mit seiner Familie nach Graz um. Mit dem Anschluss Österreichs wurde Harnoncourt Mitglied der Hitlerjugend und versteht nicht, warum er nun die von ihm verschlungenen Bücher Egon Friedells nicht mehr lesen darf. Er erlebt die Bombenangriffe auf seine Heimatstadt. Nebenher baut und schnitzt er ein eigenes Marionettentheater und übt Cello. Nach dem Krieg hat er Unterricht bei Paul Grümmer, studiert dann in Wien, wo er seine spätere Frau Alice kennenlernt – mit der Geigerin arbeitet er ein Leben lang im Concentus zusammen, ihr Einfluss auf seine Arbeit ist nicht zu unterschätzen.

Um die Arbeit mit den alten Instrumenten zu finanzieren, spielt er bei den Wiener Symphonikern vor, die damals von Herbert von Karajan geleitet werden. Der ist vom Selbstbewusstsein des Cellisten beeindruckt, zugleich versteht er nicht, warum dieser Mann immer an den hinteren Pulten bleiben will. Später wird Karajan Harnoncourt seine Berliner Philharmoniker nicht dirigeren lassen – allzu dubios scheint ihm, was der mit den Klassikern und den Instrumenten anstellt.

Das Dirigieren hat er lange vermieden

Die Arbeit mit der alten Musik begann im kleinen Kreis. Ein erster Auftritt 1954 bringt Monteverdis „L’Orfeo“ – unter Leitung von Paul Hindemith. Harnoncourt hat das Dirigieren lange vermieden, den wachsenden Kreis lange vom Cello aus geleitet. Erst 1972 steht er vor einem Orchester, ausgerechnet in der Mailänder Scala, und dirigiert Monteverdis „Ritorno d’Ulisse in patria“ – kurz zuvor war eine Aufnahme des Werkes mit dem Concentus erschienen. In Zürich wird Harnoncourt an der Oper später einen ganzen Monteverdi-Zyklus leiten. So, im langen Marsch durch die Institutionen, wird Harnoncourts Musikbegriff nach und nach in den heiligsten Hallen der sogenannten Tradition und jenseits von Plattenreihen wie „Das Alte Werk“ bekannt: 1975 dirigiert er das Concertgebouw Orkest und nimmt mit ihm Mozart auf, 1984 tritt er mit dem Concentus im Wiener Musikverein auf und dirigiert erstmals die Wiener Philharmoniker, 1991, zwei Jahre nach Karajans Tod, steht er das erste Mal bei den Berliner Philharmonikern am Pult.

Dieser Ernst, diese Leidenschaft

Zugleich arbeitet er sich weiter durch die Musikgeschichte: Beethoven, Schubert, Bruckner erhalten alle eine charakteristische Färbung, wobei Harnoncourt gerade bei Schubert, Bruckner und Johann Strauß einen spezifisch österreichischen Ton findet, auf den er stolz ist. Er engagiert sich für die seiner Ansicht nach verkannten Opern von Schubert und Schumann – während er um Wagner und Mahler einen Bogen macht. In den letzten 20 Jahren erarbeitet sich Harnoncourt sogar Musik des 20. Jahrhunderts, Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Bergs Violinkonzert, Gershwins „Porgy and Bess“. Er nimmt ausgerechnet mit dem Hochglanzpianisten Lang Lang eine überflüssige Mozart-Platte auf. Und dirigiert bei den Berliner Philharmonikern Beethovens Fünfte, die allen, die sie hörten, unvergesslich bleiben wird. Im Dezember letzten Jahres hat er wegen nachlassender Kräfte seinen Abschied bekanntgegeben, am Sonnabend ist er nach schwerer Krankheit friedlich im Kreis seiner Familie gestorben.

Ein zorniges Kind, ein besessener Individualist, ein Mann mit schier unendlicher Energie und Neugier, einer der bedeutendsten Musiker der letzten fünfzig Jahre. Gibt es seinesgleichen noch, wirft noch jemand diesen Ernst und diese Leidenschaft in die Waagschale? Mit seinem Widerspruchsgeist hat Harnoncourt die Welt neu hören gelehrt und ihr nahezubringen versucht, dass es die Kunst ist, die den Menschen ausmacht. Wehe ihr, wenn sie das einst ganz vergessen haben wird.