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Festival „Nordlichter“: Wenn Tierlaute und Gebete sich ganz nahekommen

Kurz, aber voll waren die drei Tage beim Festival „Nordlichter“ an diesem Wochenende: Nicht nur die verzweifelte Zärtlichkeit, die von Angst und Sehnsucht erfüllte Intimität des Klavierquintetts „Rosenbad − Papillons“ des Dänen Bent Sørensen konnte man bei der „Nordischen Nacht“ im Radialsystem erleben, sondern auch das überragende norwegische Ensemble Nordic Voices. Die sechs Sänger beherrschen umwerfende Stimmtechniken und imitieren durch gleichzeitiges Singen und Pfeifen den Klang von Maultrommel und Schwanenknochenflöte. So entstand im „Sonnengebet“ des norwegischen Zeitgenossen Lasse Thoresen eine musische Kontinuität von den Anfängen menschlicher Besiedlung Nordeuropas bis in unsere Gegenwart.

Dieses ungebrochene Fortschreiben von Herkunftserzählungen bei gleichzeitiger Offenheit für neue Techniken und experimentelle Verfahren ist der größte Unterschied zu Mitteleuropa, das durch politische Katastrophen und ideologisch aufgeladene Ästhetiken bis auf den heutigen Tag seine eigene seelische Zerrüttung ventiliert.

Beim Konzert des Ensembles Resonanz und des Rias-Kammerchores unter der charismatischen, handwerklich zugleich überragenden Leitung des Esten Tõnu Kaljuste konnte man am Sonnabend im Kammermusiksaal zeitgenössische Musik aus Estland und Lettland hören, die der polemischen Moderne unserer geografischen Region einen geradezu pazifistischen Begriff von Zeitgenossenschaft entgegenstellte, worin Aktualität nicht als Bruch mit der Überlieferung, sondern als deren Verlebendigung verstanden wird.

Die zwei Stücke aus „Kreeks Notebook“ von Tõnu Kõrvits sind liebevolle, handwerklich sehr versierte Arrangements alter protestantischer Kirchenlieder, die der estnische Komponist Cyrillus Kreek in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesammelt und vor dem Vergessen bewahrt hatte. Diesem Vergessen, auf das es auch die Politik zur Sowjetzeit absah, entgegenzuwirken, ist ein großer Antrieb für die Kunst im Baltikum heute.

Im „Concerto per voci e strumenti“ des vor vierzehn Jahren verstorbenen Lepo Sumera konnte man − durch die wirbelnde Burleske aus Pflanzennamen, Ortsbezeichnungen, Tierlauten und religiösen Beschwörungen − deutlich die Deklamationsrhythmen alter finno-ugrischer Rezitationen erkennen. Das „Gebet“ des Letten Peteris Vasks, das der Rias-Kammerchor mit in Auftrag gegeben und nun leidenschaftlich leuchtend zur deutschen Erstaufführung gebracht hat, folgt einem Text von Mutter Teresa und hat in seiner klaren Moll-Tonalität konsequent dem Schlachtfeld der Innovation den Rücken gekehrt.

Es ist Musik, die dem Gefühl entspringt, dass wir uns irgendwie verlaufen haben und umkehren sollten. Sie bringt uns zwar nicht weiter, schenkt uns aber eine Atempause. Das gilt auch für „Adams Klage“ von Arvo Pärt, der die menschliche Sünde als Trennung von Gottes Liebe mit Anklängen an die russisch-orthodoxe Liturgie beweint. Tõnu Kaljuste hat es dabei verstanden, all dieser Musik in ihrer Einfachheit eine große Strenge zu verleihen und damit einen tiefen Ernst.