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Heimathafen Neukölln: Berliner Straßenchor feiert mit „Straßen-Carmina“ Premiere

Der Straßenchor bei einer der letzten Proben vor der Premiere

Der Straßenchor bei einer der letzten Proben vor der Premiere

Foto:

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Sven Richters Augen schweifen sonstwohin, wenn man mit ihm spricht. Es ist immer nur ganz kurz, dass er einen ansieht. Lieber guckt er zu den Frauen, die am Tisch sitzen und Rosenkohl schälen. Hinter seinem Ohr klemmt eine Zigarette. Wie er zum Chor gekommen ist? Er habe früher am Alex rumgehangen mit seinen Kumpels aus der Gothic Szene. Er hat getrunken.

Der Chor hatte dann einen Auftritt dort. Seitdem, seit 2010, ist er dabei. Ach, und letztes Jahr hat er einen Abschluss als Sozialassistent gemacht. „War’s das jetzt?“, fragt er. Er hat genug von den Fragen. Man empfindet das aber nicht als unhöflich. Eher als Ausdruck von Schüchternheit.

Später, wenn er vorn steht und singt, ist Sven Richter wie verwandelt. Er geht aus sich heraus, lächelt, macht Späße mit den anderen. Er schmettert seinen Text, und ergriffen vom eigenen Pathos legt er einmal sogar die Hand auf die Brust. Eine ziemlich eindrucksvolle Demonstration der Macht der Musik ist das. Man kann sich kaum sattsehen daran.

Chorprobe in Schöneberg

Chorprobe im Gemeindesaal der Zwölf-Apostel-Kirche in Schöneberg. Es ist Donnerstag. In einer Woche hat „Die Straßen-Carmina“ Premiere. Die Lieder, die sie singen werden, kommen aus dem Mittelalter. Es sind Gesänge der Fahrenden Leute, der Vaganten, die von Schicksalsschlägen, von der Macht des Geldes, von Korruption handeln, aber auch von der Lust am Saufen und von der Liebe.

Ein großer Mann, braungebrannt, dunkles lockiges Haar steht vor den Sängern. Er geht in die Knie, klatscht den Rhythmus. Stefan Schmidt ist das, der Leiter des Chors. Er ist Konzertpianist, das erzählt er später. Er tritt international auf und unterrichtet Hochbegabte. Wie kommt so jemand dazu, einen Chor zu gründen für Wohnungslose, Langzeitarbeitslose, Menschen mit Behinderung oder psychischer Beeinträchtigung, mit Drogen- oder Prostitutionsproblematik, wie es in der Selbstbeschreibung des Straßenchors heißt?

Stefan Schmidt erzählt von einem Film, „Die Kinder des Monsieur Mathieu“, über einen Lehrer, der in einem Internat für Schwererziehbare einen Chor gründet. „Der hat mich sehr beeindruckt.“ Dann hatte das ZDF Interesse, der Chor entstand sowie ein Mehrteiler. Der Sender war dann schnell wieder weg. Hätte Schmidt nicht Jeanette Pella und Frank Fels getroffen, die einen Verein gründeten und sich nach Spendengeldern umsehen, es hätte auch schnell wieder vorbei sein können mit dem Projekt.

Der Gemeindesaal ist von Neonröhren erleuchtet, ein Halbkreis von Stühlen steht an der Stirnseite des Raums. Hinter Sven Richter sitzt Gotthold Chudziak. Ärmellose Wolljacke, buntes Batikhemd, graue Bartstoppeln. Ein kleiner Mann. Er löst seinen Blick kaum vom Notenblatt. Sie singen auf Lateinisch, und wie soll man sich einen Text merken, den man nicht versteht. Gotthold Chudziak ist 68.

„Straßen-Carmina“

Vor der Probe hat er erzählt, dass er dreieinhalb Jahre in Bautzen gesessen hat. „Meine Stasivergangenheit“, nennt er das. Er hatte den Wehrdienst verweigert. Später wurde er freigekauft, kam nach Westberlin, arbeitete dort als Kellner und landete irgendwann am Alex. Er habe dort mit den Obdachlosen zusammen sein Bier getrunken. Am Alex sei er aufgegabelt worden, 2009 war das, kurz nach der Gründung des Chors. „Ich betrachte das hier als meine Familie“, sagt er. „Ich hab ja sonst niemanden.“

Die Idee, von sich selbst erzählen zu wollen in diesem Stück, sei irgendwann einfach da gewesen, sagt Stefan Schmidt. Er hat dann einen Freund um Hilfe gebeten, Daniel Ris, Schauspieler, Regisseur. Der ließ die Leute aus dem Chor Texte schreiben, die Themen kommen von ihnen: Es geht um Depression, Mobbing, Ausgrenzung, Gewalt, aber auch ihre starke Gemeinschaft, den Chor. Ris hat die Texte bearbeitet, er hat bei der „Straßen-Carmina“ Regie geführt.

Hannelore Paul ist die Frau mit den kurzen Haaren, die bei der Probe im Rhythmus der Musik wippt wie verrückt. Auch so eine Verwandlung. Vorhin hat sie erzählt, dass sie oft Depressionen hatte in ihrem Leben. Bei der Postbank hat sie gearbeitet, bis es nicht mehr ging. Sie ist 48 und berufsunfähig. Lange Tage hat ihr Leben jetzt. Der Chor gibt ihr ein Ziel, sie hat sogar wieder Kraft für andere. Einmal in der Woche hilft sie einer aidskranken Frau dabei, die Wohnung zu putzen.

Gemeinsames Essen nach der Probe

In der Küche steht Ariane Schütz, die Küsterin, und trocknet Salatblätter. Auf dem Herd steht Kartoffelsuppe. Die Zutaten sind gespendet. Nach der Probe werden Tische zu einer langen Tafel zusammengeschoben. Jeder holt sich Suppe, Knacker. „Das ist gar keine Mayonnaise, das ist was Süßes“, ruft Stefan Schmidt. Es ist Vanillejoghurt. Das gemeinsame Essen gehört zum Wesen dieses Chors. Man guckt sich um und denkt, dass es für manche wohl das einzige Mal in der Woche ist, dass sie beim Essen nicht allein sind.

Straßen-Carmina, Heimathafen Neukölln, Karl-Marx-Straße 141: 25., 26. 2. und 5. 3. um 20 Uhr, Karten unter Tel.: 61 10 13 13