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Jahresendkonzert: Weihnachtsbratensattheit bei den Berliner Philharmonikern

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter beim ersten Jahresendkonzert.

Die Geigerin Anne-Sophie Mutter beim ersten Jahresendkonzert.

Foto:

holger kettner

Was für eine farbliche Abstimmung! Karottenorange leuchten die Lichtbänder auf den Simsen um das Podium der Philharmonie. Karottenorange leuchtet das Kleid von Anne-Sophie Mutter, als sie mit kleinen Schritten vor die Berliner Philharmoniker tritt. Das Kleid ist eng. Und auf Höhe der Kniekehle wächst ein Gaze-Puschel daraus hervor wie der Schweif eines Ponys. Die Stufen hinauf zum Podium muss die Geigerin deshalb sehr vorsichtig und sehr konzentriert gehen. Hängt es vielleicht mit dieser bergsteigerischen Herausforderung zusammen, dass sie schließlich ernst und auch ein bisschen genervt wirkt, als sie vor dem Orchester steht? Etwas seltsam Angestrengtes liegt über Mutters Auftritt am Dienstagabend, dem ersten der drei Jahresendkonzerte der Philharmoniker.

Vielleicht ist es auch so: Für die große Geigerin werden die hochvirtuosen Blinkerstücke, die sie an diesem Abend präsentiert oder zu präsentieren hat nicht passender. Auch nicht einfacher. Irgendwie ist man in ihrem Alter – Anne-Sophie Mutter ist 50 – dann doch ein bisschen alt und tatsächlich zu reif für Ravels „Tzigan“ und Saint-Saëns’ „Introduction et Rondo capriccioso“, Stücke, mit denen gewöhnlich frischgebackene Wettbewerbssieger von Saal zu Saal tingeln. Die Geigerin jedenfalls arbeitet sich ernst und grimmig hindurch, lässt die tiefe G-Saite bellen, wenn Platz für Tragisches ist, trägt süßen Jammerton auf, wenn es besonders zigeunerisch klingen soll und rackert sich angespannten Gesichts durch die hundsschweren Technik-Passagen. Üppig klingt das, ein wenig hart, und in den Farben so gesättigt, dass es einem fast künstlich vorkommen kann. Eine Agfa-Color-Aufnahme aus den 80er Jahren. Und wenn noch jenes gleißend weiße Licht hinzukommt, das Karajan in der Philharmonie so gerne auf sein Haupt herunterstrahlen ließ und das nun die ewig junge Geigerin streichelt aus Anlass der Jahresendkonzert-Illumination – dann hat das etwas Retrohaftes, wie es schon wieder cool sein könnte.

Die Philharmoniker unter Simon Rattle stehen der Geigerin übrigens kaum nach. Weil die Musiker wohl noch die Weihnachtsbratensattheit spüren, verlegen sie sich eher aufs schwere Kloppen. Rattle paukt ins Orchester, das Orchester paukt zurück. Dazwischen die gestrenge Anne-Sophie Mutter, die sämtliche Panzerung aufträgt, um einigermaßen unbeschädigt durchs Getümmel zu kommen. Bei dieser Betätigung lassen sich die Philharmoniker nicht einmal von der Tatsache abhalten, dass nur französische Komponisten gespielt werden. Französische Spaniensehnsucht ist das Thema des Abends, den Umweg übers Nachbarland spart man sich indes und wählt in der Umsetzung lieber die Direttissima: Preußen-Spanien.

Dem Verdienst, dass mit Emmanuel Chabriers Musik aus der Opéra bouffe „L’Étoile“ und mit Jules Massenets Suite zur Oper „Le Cid“, zwei entzückende Werke auf dem Programm stehen, die die Philharmoniker zuvor noch nie gespielt haben, steht eine oft sporenklirrende, pickelhaubensteife, bratenbauchwuchtige Wiedergabe gegenüber. Maurice Ravels „La Valse“ schließlich hatten die Philharmoniker vor wenigen Wochen wunderbar leicht und glimmernd unter Francois-Xavier Roth dargeboten, unter Simon Rattle präsentiert man das Stück in froher Handwerklichkeit: honigsüß im Ton, dick verputzt, dass auch kein Spältchen frei bleibe, durch das sich in die abenteuerliche Innenwelt des Werkes blicken ließe. Wie schön, dass auch noch Francis Poulencs Ballett-Suite „Les Biches“ gespielt wird. Orchester und Chef sind da urplötzlich vom offenbar als alptraumhaft empfundenen Druck befreit, für gute Laune sorgen zu müssen, Poulencs klassizistische Musik klingt leicht und fein, der Braten war verdaut, da schaute man gerne in Richtung 2016.

Sendetermine in Radio und TV: am Donnerstag, dem 31. 12., 17.30 Uhr im Kulturradio (RBB) und 18.45 Uhr auf Arte.