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Jedes Lied auf dieser verdammten Welt ist traurig

Isolation Berlin

Isolation Berlin sind (v.l.): Tobias Bamborschke (Gitarre, Gesang), David Specht (Bass), Simeon Cöster (Schlagzeug) und Max Bauer (Gitarre).

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dpa

Berlin -

Es ist erst Februar, aber für viele sind Isolation Berlin mit ihrem forschen Gitarrenrock jetzt schon eine Band des Jahres. Ihr Sänger und Texter Tobias Bamborschke wohnt im nördlichen Prenzlauer Berg in einem weitgehend unsanierten Altbau. Der Flur ist vollgestellt mit Bierflaschen. Wir sitzen zusammen am Küchentisch. Die Stimmung ist gelöst und gleichzeitig sehr konzentriert, obwohl sich nicht jeder die ganze Zeit am Gespräch beteiligt.

Ich hatte nicht erwartet, die ganze Band hier in Ihrer WG anzutreffen!

Tobias Bamborschke (TB): Schlimm?

Nein, überhaupt nicht. Proben sie nachher noch zusammen?

TB: Nein, wir sind hier zum Trinken verabredet. Möchten Sie auch ein Bier?

Gern. Oh, hier liegen Klaviernoten!

TB: Schuberts „Winterreise: Der Leiermann“ und die Vertonung von Brechts „Erinnerung an die Marie A.“, habe ich mal auf dem Klavier gespielt.

Sie veröffentlichen gerade Ihr erstes Album und müssen zum ersten Mal in Ihrem Leben Interviews geben. Gibt es Fragen, die Sie verwundern?

TB: Ich wundere mich, dass jeder auf dieser vermeintlichen Traurigkeit in den Texten herumpocht. Jedes Lied auf dieser verdammten Welt ist doch traurig oder verhandelt Konflikte – jedes Gedicht, jeder Roman genauso! Ich werde doch tatsächlich andauernd gefragt, ob ich traurig sei. Nein, bin ich nicht!

Können Sie Ihr erstes Album selber noch hören?

TB: Ich höre mir einzelne Stücke immer wieder an, ja doch. Allein schon, um mich zu vergewissern, dass sie tatsächlich so genial sind wie ich sie in Erinnerung hatte. Je größer der Abstand desto genialer finde ich unser Album.

Wurden Sie schon mal im Radio von ihren Songs überrascht?

Max Bauer (MB): Ja, bei McDonald’s! Da lief unser Stück „Aquarium“ mit dazugehörigem Video im betriebseigenen Musikfernsehen.

Ihnen steht eine gnadenlose Tour bevor. Viele Konzerte, ohne einen Tag Pause. Macht Ihnen das Angst? Wie wirkt sich das auf die Musik aus?

TB: Angst haben wir keine. Die Musik wird sich mit jedem Auftritt verändern. Man ist eingespielter, entwickelt neue Idee und Varianten. Das jeweilige Programm für den Abend stellen wir spontan und eigentlich immer neu zusammen, je nachdem wie die Menschen im Publikum aussehen. Manchmal stellen wir noch auf der Bühne die Setlist um, wenn wir merken, dass etwas nicht rund läuft.

DAVID SPECHT (DS): Einmal haben wir die Programmfolge auch aus dem Hut ziehen lassen. Das hat natürlich sehr lange gedauert, da nach jedem Stück der Hut eben neu herumgehen musste.

Wie entsteht ein Song bei Ihnen?

TB: Ich schreibe einen Text …

DS: … und Akkorde bringt Tobi auch mit…

Simeon Cöster (SC): … oder schon die ganze Musik, und wir gucken dann, was am besten dazu passt, was dem Text hilft.

MB: Bei den Aufnahmen zu unserem Album sind viele Stücke tatsächlich erst im Studio entstanden.

Und das macht einen nicht nervös?

SC: Nee, das macht Spaß!

Aber sitzt einem nicht die Plattenfirma im Nacken, die die Zeit im Studio teuer bezahlen muss?

TB: Wir haben das Album selber produziert, das nahm schon mal viel Druck, und außerdem haben wir die Aufnahme haben wir selber bezahlt! Wir hatten eine Förderung.

Wer hat sie gefördert?

TB: Das Musicboard Berlin.

Sie lassen sich also vom Staat fördern. Ist das nicht uncool, in Musiker-Kreisen?

TB: Wir verkehren in keinen Kreisen in denen das als uncool angesehen wird. Wir verkehren in Kreisen, in denen einem das Hartz-4-Geld gestrichen wird oder man aus der Wohnung geschmissen wird. Das ist uncool! Die Hälfte der Leute die wir kennen, wird vom Staat unterstützt.

Sind Sie als arbeitslos gemeldet?

TB: Gerade nicht mehr! Jetzt bin ja Popstar. Es gibt für uns alle keine Alternative. Wir wollen und können nur Musiker sein.

Sie lesen gern Gedichte. Hilft das beim Verfassen eigener Songtexte?

TB: Natürlich. Gedichte sind kurz, sie fangen einen bestimmten Moment ein, ich kann sie in meinem Kopf mit mir herumtragen, sie raus holen, wenn mir danach ist – wie Songs! Der einzige Unterschied zwischen Gedichten und Songs ist, dass Gedichte meistens die besseren Texte haben …

Welche Gedichte können Sie unseren jungen Lesern denn empfehlen?

TB: Kommt drauf an! Ich habe von jedem Dichter Lieblingsgedichte, das unterscheidet sich kaum von dem Verhältnis, das man zu unterschiedlichen Bands hat. Es gibt einige Reclam-Bände, die mehrere Dichter in sich versammeln, damit würde ich anfangen. Ich selber begann mit Hesse und von Eichendorff. Die beiden haben mich sehr geprägt. Else Lasker-Schüler, ganz wichtig. Mascha Kaléko – das ist überhaupt der beste Einstieg, weil ihre Sprache nicht anstrengend, sondern leicht verständlich ist. Sehr gut ist auch Erich Kästner: „Das ist das Verhängnis zwischen Empfängnis und Leichenbegängnis/nichts als Bedrängnis“. Einfach in den Kopf kneten und schon kann man das immer mit sich führen – wie die Lieder der Gruppe Isolation Berlin!