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Komponist und Dirigent Pierre Boulez gestorben: Musik als Äußerung des freien Geistes

Pierre Boulez (1925–2016) im November 2008 im Pariser Louvre

Pierre Boulez (1925–2016) im November 2008 im Pariser Louvre

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AFP/FRANCOIS GUILLOT

Mit Pierre Boulez stirbt der letzte Vertreter dessen, was man einmal „heroische Avantgarde“ nannte. Damit meinte man jene Komponisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg jung waren und im verwüsteten Zentraleuropa mit staunenswerter Energie und tatkräftiger medialer Schützenhilfe eine Musik durchsetzten, die an die Moderne Arnold Schönbergs und mehr noch Anton Weberns anschloss. Ihre bedeutendsten Vertreter neben Boulez waren Luigi Nono (gestorben 1990) und Karlheinz Stockhausen (gestorben 2007), ein europäisches Kultur-Triumvirat, das mit enormer Intelligenz und einem weit in den Bereich der Arroganz reichenden Selbstbewusstsein bestimmte, was Musik ist und was nicht. Als Schönberg 1951 im kalifornischen Exil starb, höhnte ihm Boulez in einem der grausamsten je geschrieben Nachrufe hinterher, wie vollkommen nutzlos und überlebt seine Musik sei.

Organisator statt Interpret

Die Retourkutsche drängt sich auf, aber sie wäre billig. Boulez wurde 1925 in dem kleinen Ort Montbrison im Département Loire geboren, er ist also 90 Jahre alt geworden, und wenn ein Künstler ein solches Alter erreicht, wird er zwangsläufig sein eigenes Veralten erleben. Boulez hat wohl dessen eingedenk seine schöpferische Karriere in den Achtzigerjahren allmählich auslaufen lassen. Als ihm sein Freund Daniel Barenboim in den Neunzigern als Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden carte blanche für eine Oper erteilte, konnte niemand mehr ernsthaft glauben, dass Boulez eine derart umfangreiche Arbeit noch zustande brächte; Gespräche mit Heiner Müller über einen Text fanden statt, aber nach dessen Tod 1995 lag das Projekt vollends auf Eis. Lieber befasste sich Boulez mit der Revision seiner früheren Werke – und arbeitete ansonsten hauptsächlich als Dirigent.

Boulez galt als unbestechlich genau in der Arbeit, er begriff sich eher als Organisator einer Partitur denn als Interpret, der nach Bedeutungen gräbt – man nannte das auch „analytische Interpretation“. In neuer Musik wurde Boulez’ trocken-ausdrucksloses Dirigieren zum Maßstab, in älterer Musik geriet es in mal großartigen, mal provozierenden Kontrast zum Ausdruck des Werks. So mochte man sich in Bayreuth 1976 lange nicht mit seiner Auffassung des „Ring des Nibelungen“ befreunden – aber sein zweiter Bayreuther „Parsifal“ von 2004 erzählte durch den intensiven Fluss mehr über Wagners Umgang mit der musikalischen Zeit als die langsam-weihevolle Aufführungstradition.

Boulez dirigierte bis ins hohe Alter hinein

Bis in seine letzten Jahre stand Boulez vor Orchestern und dirigierte das Repertoire von der klassischen Moderne bis in die Gegenwart; außerdem gab er sein Wissen an junge Dirigenten weiter. Mit dem Ensemble Intercontemporain gründete er das erste Spezialensemble für neue Musik – und damit die Grundlage für den seitdem von Komponisten eifrig gepflegten Besetzungstyp „Ensemble“ und das Vorbild für zahllose Neugründungen in aller Welt. Außerdem gelang es ihm in Paris, im Centre Pompidou das IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique) zu gründen, ein staatlich getragenes Forschungsinstitut für elektronische Musik – seit einem Vierteljahrhundert ist es für Komponisten selbstverständlich, dort Kurse zu belegen.

Die Institutionen leben ohne Boulez weiter, der Dirigent hat seine epochal-verdienstvolle Arbeit getan. Es bleibt der Komponist Pierre Boulez. Anders als Nono, der auf eine Revolution der Gesellschaft durch die Revolution des Hörens hoffte, anders als Stockhausen, dessen Werk Dokument und Aufforderung zur Bewusstseinserweiterung sein soll, hat Boulez Musik strikt als Kunst begriffen. Man kann das l’art pour l’art nennen, muss sich aber bewusst sein, dass Boulez an eine Tradition anschloss, in der Kunst als Äußerung des freien Geistes verstanden wird, frei eben auch von gesellschaftlichem Nutzen und Auftrag, frei von der Pflicht zur Kommunikation eines Inhalts. Folglich stehen kompositionstechnische Fragen im Mittelpunkt seiner Musik. In seinen frühen Werken suchte Boulez nach einer stilistisch reinen Musik der verabsolutierten Struktur, die „Structures“ vermeiden schon in der Besetzung für zwei Klaviere jede Farbe, alles, was von den Tonverbindungen ablenken könnte – kein Komponist hat die Abstraktion von Ausdruck, Geste und Figur weiter getrieben.

Widerständige Musik

Dabei konnte es nicht bleiben. Auch wenn Pierre Boulez sich weiterhin von hermetischen Autoren wie Stéphane Mallarmé, James Joyce, e. e. cummings oder René Char angezogen fühlte, wurde seine Musik reicher an Anklängen. „Le Marteau sans maître“ für Alt und Ensemble nach Char denkt Schönbergs „Pierrot lunaire“ aus dem Geiste Debussys weiter, „Pli selon pli“ für Sopran und Orchester nach Mallarmé verbindet die harmonische und klangliche Härte Igor Strawinskys mit einer an Bach und Webern geschulten Polyphonie. Beide Werke gehören zum Bedeutendsten, was im 20. Jahrhundert geschrieben wurde: Originell konzipierte und stilistisch auf den Punkt gebrachte, aber dabei widerständige, herausfordernde Musik, gegen die Stockhausens Kosmologie und Nonos Sozialkritik kaum mehr sind als ideologischer Kitsch.

Es ist eine grausame Pointe, dass dieser hochintelligente, souverän einzelgängerische Mann, der schon lange in Baden-Baden wohnte, seine letzten Monate dort pflegebedürftig in einem Heim verbrachte. Dort ist Pierre Boulez am Dienstag gestorben.


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