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Konzert im Berghain: Biertrinken am Strand mit den Junior Boys

Jeremy Greenspan auf der Suche nach der ultimativen Entspannung.

Jeremy Greenspan auf der Suche nach der ultimativen Entspannung.

Foto:

Votos/Roland Owsnitzki

Das viele Biertrinken ist schlimm! Aber auch so schön. Ein Segen also, dass das Biertrinken in dieser Stadt ein so zentraler Teil des Lebens ist wie in nur wenigen anderen westlichen Metropolen. Auch wenn man sich als rasend auf die Midlife-Crisis Zurennender manchmal schon albern vorkommt, weiterhin allabendlich mit Bierflasche irgendwo herumzustehen, als befände man sich noch in seiner Jugend im letzten Jahrhundert.

Passend dazu präsentierte das kanadische Techno-Pop-Duo Junior Boys am Donnerstagabend im Berghain eine Auswahl seiner bislang erschienenen Musikerzeugnisse, die allesamt klingen, als seien auch sie aus dem sehr späten 20. Jahrhundert. Oder vielleicht aus den frühen Nullerjahren, jedenfalls aus einer Zeit, in der wir sehr viel jünger waren, das Dial-Up-Modem noch piepste und vielleicht sogar die Twin Towers noch standen.

Wo ist hier der Liegestuhl?

Das war eine Zeit, in der nerdig bebrillte weisse Männer wie etwa der Kanadier Dan Snaith alias Caribou – ehemals Manitoba – oder die Londoner Gruppe Hot Chip begannen, zu cleveren, aber äußerst harmlosen Heimbastler-Beats melancholisch soulige Melodien zu singen – quasi der Beginn eines Crossovers zwischen R n B und studentischer Indie-Musik, das im Pop- und HipHop-Mainstream mittlerweile prägende Weiterentwicklungen erlebt hat.

Wie bereits angedeutet haben sich indes die Junior Boys kaum weiterentwickelt, auch ihr soeben erschienenes neues Album „Big Black Coat“ enthält hübsch harmlose Techno-Pop- sowie RnB-Beats mit melancholischem Gesang. Diese Mischung funktionierte auch beim Anfangslied des Abends, einer Coverversion des Stückes „Some people are crazy“ des Singer-Songwriters John Martyn, noch ganz gut. Beim zweiten Lied „So this is Goodbye“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 2006 sagte ein anwesender Kollege aber bereits, ihm fehlten Pool und Liegestuhl. Tatsächlich konnte man sich die Junior Boys angesichts der von ihnen im Berghain erzeugten Klänge gut als Beach-Band für den Urlaubsnachmittags-Hintergrund vorstellen. So entschuldigte sich Sänger Jeremy Greenspan gegen Ende des Abends auch für sein beinah komplett durchschwitztes Hemd. Bei einem leichten Lüftchen unter Palmenwedeln wäre das nicht passiert!

Aber man befand sich eben im ausverkauften Berghain und trank also Bier – obwohl man das am Strand ja auch prima machen kann – denn nur ein seelenloser Irrer würde einer Darbietung wie derjenigen der Junior Boys beiwohnen, ohne gleichzeitig Seele und Leib mit diesem guten Gift zu erbauen, weil nämlich einerseits, wir erwähnten es bereits, sonst ein Liegestuhl vonnöten wäre und es in den allermeisten Konzertsälen keine Liegestühle gibt, andererseits aber die in Liedern wie „Love is a fire“ schön wabernde Melancholie wattiger Keyboard-Flächen und hallig-sanfter Gitarren- und Gesangsmelodien im leicht angedumpften Rezipientenkopf einen angemessenen Auffangbehälter finden.

Ein nüchterner Kopf hingegen würde rasch ungeduldig werden und die Rezipientenfüße zum Scharren und schließlich vorzeitigen Nachhausegehen bewegen, denn, um es mit anderen Worten zu sagen: Das Konzert war recht hübsch, aber auch etwas langweilig. Oft wünschte man sich, dass es nun doch mal richtig losgehen möge, viele der an sich geschmackvoll konstruierten Glucker-Arpeggios und Pop-Akkordfolgen muteten eher wie Intros zu Liedern an.

Nur zum Schluss, im Stück „Under the Sun“, liess Greenspan seine Gitarre mal ein wenig lauter schengeln, und in der Zugabe „Banana Ripple“ erinnerten die Akkorde an New Orders „Bizarre Love Triangle“ und der vom Tour-Drummer druckvoll gespielter Disko-Funk regte unsere Füße zum Tanzen und nicht zum Scharren an.

Schade also, dass die Junior Boys nicht früher ein wenig mehr auf die Tube drückten. Aber wie die meisten von uns – und im begeisterten Publikum – sind sie eben nicht mehr so jung wie ihr Bandname suggeriert. Vielleicht ist es doch mal Zeit, erwachsen zu werden und kräuterteetrinkend zuhause zu bleiben.