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Konzert in der Berliner Columbiahalle: Die Libertines verdrängen die Dämonen der Vergangenheit

Zu alter musikalischer Stärke wiedervereint: Pete Doherty und Carl Barât.

Zu alter musikalischer Stärke wiedervereint: Pete Doherty und Carl Barât.

Foto:

imago/Martin Müller

Das Piano ist in rotes Scheinwerferlicht getaucht. Carl Barât schlägt mit der rechten Hand die hohen Töne an. „You`re my Waterloo“. Der grandios-melodische Höhepunkt des im Herbst erschienenen Reunion-Albums der Libertines „Anthems For The Doomed Youth“. Der Blick wandert Richtung Bühnenmitte. Einsatz Pete Doherty. Doch der Lichtkegel, der das Mikrofon umkreist, bleibt leer. Das Publikum in der ausverkauften Columbiahalle übernimmt: „You'll never fumigate the demons, no matter how much you smoke“.

Die Dämonen, in Form von Alkohol, Drogen und Streit, sie hatten die avantgardistischste britische Band des frühen 21. Jahrhunderts vor zehn Jahren ausgebremst. Nach zwei nicht nur großartigen, sondern auch erfolgreichen Alben trennten sich die Libertines 2004, nie offiziell, jedoch faktisch. Barât widmete sich fortan den Dirty Pretty Things und anderen Soloprojekten. Doherty musizierte mit den Babyshambels. Große Musik entstand in dieser Zeit. Doch die Sehnsucht der Fans nach einer Wiedervereinigung des kreativen Duos blieb groß. Vor zwei Jahren wurde sie erfüllt. Nun stehen die Libertines sogar wieder mit neuem Material auf der Bühne und das auch noch pünktlich.

Krawalliges Set

Der verpasste Einsatz bei „Waterloo“ ist kleinen technischen Problemen mit der Akustikgitarre geschuldet. Doherty schlendert, die Kippe lässig im Mundwinkel hängend, hinüber zu seinem kongenialen Bandkollegen. Gemeinsam warten sie, bis das selig singende Auditorium die erste Strophe beendet. Dann darf der Autor selbst seine einzige Liebhaberin besingen, die mit einem Messer geschlafen hat.

Es ist der ruhige Mittelpart eines ansonsten musikalisch auf Krawall gebürsteten Sets. Die Libertines rocken sich durch neue und alte Songs. Im Parkett schiebt sich die tanzende Masse nach vorn, hinten, links und rechts. Die Akteure auf der Bühne haben mindestens genauso viel Spaß. Das Kumpelimage, das Barât und Doherty in ihrer Erfolgsphase anheftete, es scheint an diesem Abend berechtigt. Die beiden Bandköpfe tragen das gleiche Libertines T-Shirt. Immer wieder grinsen sie sich an, umarmen sich, legen gemeinsame Tänzchen hin.

Doch die Londoner Gruppe besteht entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nicht nur aus dem Duo. Bassist John Hassall und Drummer Gary Powell sind weit mehr als Staffage. Vor allem der Schlagzeuger berserkt sich durch das Set. Der blanke Oberkörper glänzt schon nach wenigen Minuten schweißüberzogen im Scheinwerferlicht. Am Ende des Hauptteils gönnt er sich eine Minute Soloapplaus vom Publikum und beweist komödiantisches Talent, als er sich ein zugeworfenes T-Shirt verschreckt vor die entblößte Brust presst.

Versprechen auf mehr

Ansprechende Unterhaltung bietet jedoch auch die musikalische Darbietung. Die Libertines lassen kaum Wünsche offen. Egal, ob „Heart of the Matter“ und „Barbarians” aus der Neuzeit oder alte Hits wie „What Katie did” und „You can`t stand me now“ – das Set sitzt, soweit man das bei der immer zum Anarchismus neigenden Musik der Band sagen kann. Songanfänge rumpeln, Gitarren scheinen sich teils wild zu jagen, nur um dann doch in gemeinsame Melodien zu finden. Bisweilen unterliegt Dohertys von Haus aus dünne Stimme, der kraftvollen Interpretation des Liedguts. Aber egal.  Als sich Doherty und Barât am Ende der Zugabe per Fußtritt ihrer Mikrofonständer entledigt haben, tanzt die Halle in Ekstase zu Powells Trommelschlusssport. Barât holt eine rot-weiße Fahne auf die Bühne. „Libertine til I die“ steht darauf. So eng umschlungen, wie sich die Band darunter zur Abschiedsverbeugung vereint, ist es ein Versprechen auf mehr. Die Dämonen der Vergangenheit, sie mögen vielleicht nicht endgültig ausgeräuchert sein, aber, das zeigte der Abend, sie lassen sich verdrängen – zum Nutzen aller.



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