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Massive Attack in Berlin: Tanzbares Sinngemetzel

Massive Attack im Tempodrom

Massive Attack im Tempodrom.

Flüchtlinge, Flaggen, Statistiken, Markennamen, Billigflüge, Merkel. Schäuble, Facebook-Floskeln, Infotainmentchips. Schlagzeilen, die auch von der Website der Berliner Zeitung gesampelt sind. Grelle visuelle Datenmassen flimmern in rasendem Tempo über riesige LED-Bildschirme, als ob der Programmierer auf Speed gewesen wäre. Fotos von Flüchtlingselend, Nationalsymbole, arabische Kalligrafien, Piktogramme von Fäusten und Logos von Multis sind zu einem nihilistischem Bedeutungssalat verhäckselt, die Pixel sortieren sich zu aufblitzenden Sternbildern. Auf einer Flughafen-Leuchttafel tickern im Sekundentakt sich ändernde Anzeigen von „Go to Gate“, „Boarding“, „Last Call“ bis nur noch das Signal „Border Closed“ die Bühne in opakes Alarmrot taucht.

Dort stehen, in sich versunken, die Musiker von Massive Attack. Im fast schon gemütlich altmodischen Nebel der Rauchmaschine sind ihre Gesichter nicht zu sehen. Wie entkörperlichte Silhouetten verharren sie im Schatten der Scheinwerferspots, die sich pfeilscharf von hinten ins Dunkel über dem Publikum bohren. Dass ich die Bandgründer (Robert „3D“ Del Naja und Grant „Daddy G.“ Marshall) nicht erkenne, ist nicht nur meinem mangelnden Insiderwissen geschuldet, es gehört zum Konzept. Und das ist nicht nur deutlich sichtbar in der knalligen Ästhetik der Computermontagen, die mit aller Macht aus dem Hintergrund drängen. Auch ohne Anonymus-Masken wird deutlich hör- und bis tief in den Bauch spürbar, dass hier eine laut vernehmliche Masse grollt.

Und die will tanzen! Naja, wiegen, wippen, nicken, sogar küssen. Eigentlich wäre ja das, im Zuge der allgemeingütigen Coolness leider aus der Mode gekommene Headbangen angebracht. Auch wenn allerhand wohlfeile Aufklärungsbotschaften und bombastischer Überwältigungskitsch in brillantem Superdesign auf uns herunterballern, sind wir vor allem und für knapp zwei Stunden mal ausschließlich auf einem Popkonzert. Und das ist so politisch und radikal gegenwärtig und laut und unterhaltsam, so populär eben, wie eines nur sein kann.

Finstere Groove

Massive Attack, in den späten 1980ern in Bristol aus dem Künstlerkollektiv The Wild Bunch hervorgegangen, ist so alt wie die Zeit nach der Wende, wie der Zerfall der dualistischen West-Ost-Ordnung, wie der Krieg um neue geopolitische Machtsysteme. Gleich ihre erste LP „Daydream“ von 1990 traf, ja, schuf den finsteren Groove der Pessimisten, die nicht an den Sieg von Gerechtigkeit und Menschlichkeit glaubten. Im ersten Golfkrieg 1991 strichen sie kurzzeitig das „Attack“ aus ihrem Namen. Längst ist es wieder da, Attacken darf man ja nicht mehr den Großmächten überlassen.

Aber so abgründig der langsame Grundsound grummelt, so ausweglos die Monotonie donnert, so wummernd die Bässe durch Hirnwindungen und Gedärme hämmern, so engelsgleich eisig schweben die melancholischen Balladen darüber. Mit rauchig bluesigem Timbre singt eine Frau mit schwarzer Gesichtsbemalung (Martina Topley-Bird) die grandiose Hymne „Unfinished Sympathy“, die inbrünstige Soulstimme zum Lied „Teardrop“ einer Frau, die nicht vor einem goldenen Kopftuch zurückschreckt (Elisabeth Frazer), macht einem Gänsehaut. Und beim Auftritt des Reggae-Zausels Horace Andy wird einem ganz warm ums Herz. Die depressive Grundstimmung groovt sich geschmeidig in den rollenden und grollenden Rhythmus. Es ist höllisch laut, aber es tut nicht weh. Die Schmerzgrenze wird von den bebenden Magenwänden abgefedert. Das visuelle Sinngemetzel prallt an melodiös jaulende Gitarrenriffs und verschäumt sich am Wellenbrecher einer standhaft pulsierenden Klangmauer.

"Wir können es schaffen"

Aus den anfänglichen Bildschirmparolen, wie „Du kannst Erfolg haben, ist ein „Wir können es schaffen“ geworden. Die Disco-community tanzt ihre Ohnmacht beiseite. Wir fühlen uns gestärkt und gut. Als am Ende das Logo der UNHCR (UN-Hochkommisariats für Flüchtlinge), eingeblendet wird, tobt der Beifall. Für politische Aktionen braucht man gute Laune.


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