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Nachfolger für Simon Rattle: Wie die Berliner Philharmonie ihren neuen Dirigenten kürt

Künstlerisch autonom – auch in ihrer Dirigentenwahl: die Berliner Philharmoniker.

Künstlerisch autonom – auch in ihrer Dirigentenwahl: die Berliner Philharmoniker.

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Philharmoniker

Berlin -

Am Montag, den 11. Mai, werden 124 Berliner Philharmoniker an einen bis dahin geheim gehaltenen Ort gefahren. Sie müssen ihre Handys abgeben und zusichern, dass sie vor der Zeit kein Sterbenswörtchen über das fallen lassen, was sich in dem Raum ereignet. Sie entscheiden über ihre Zukunft. Hier wählt das Orchester einen neuen Chefdirigenten. Im Sommer 2018 soll er antreten und möglichst lange bleiben. Er soll das Orchester prägen, er soll so viel Strahlkraft haben, dass Musikfreunde weltweit seine Aufnahmen kaufen, obwohl sie die Werke längst im Schrank stehen haben, oder zumindest die kostenpflichtige Digital Concert Hall im Netz besuchen.

„Wählbar ist jeder lebende Dirigent“, betont Peter Riegelbauer aus dem Orchestervorstand, um allen Spekulationen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nach einem ersten Wahldurchgang wird eine Shortlist gebildet, nach dem zweiten Durchgang eine noch kürzere Liste – so lange, bis eine eindeutige Mehrheit für einen Dirigenten ermittelt ist. Ob der Gewählte überhaupt gewillt ist, dieses Orchester künstlerisch zu leiten, ist erstmal nicht die Frage: In ihrem berechtigten Selbstbewusstsein, eines der besten, wenn nicht das beste Orchester der Welt zu sein, setzen die Philharmoniker das voraus. Immerhin hat der neue Chef nach der Wahl drei Jahre Zeit, seine anderweitigen Tätigkeiten zu ordnen.

Das Schmollen der Verschmähten

Die Wahl des neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker ist eine der größten Geheimniskrämereien des Kunstbetriebs. Und wie alle solche Geheimniskrämereien – man denke an den Rummel um die letzten „Harry Potter“-Bände – auch ein wenig lächerlich. Das Musikgeschäft ist indes ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Dirigenten, die nicht gewählt werden, können so gekränkt reagieren wie Lorin Maazel, der die Philharmoniker jahrelang geschnitten hat, weil sie 1989 Claudio Abbado ihm vorzogen. Insofern ist die Mission „neuer Chefdirigent“ heikel und informationspolitisch delikat. Aber in diesem Jahr schaukeln sich die penetranten Spekulationen der Medien und die im Gegenzug immer hartnäckigere philharmonische Schweigsamkeit zu einer bis dahin unbekannten öffentlichen Erregung hoch. „Als gäbe es keine wichtigere Frage in der Welt“, kommentierte Elisabeth Hilsdorf, die Pressesprecherin der Philharmoniker, das ewige Nachbohren der Journalisten.

Auskunftsfreudig ist hier niemand. Will man ehemalige Orchestermusiker befragen in der naiven Ansicht, die könnten sich frei äußern, wird einem abgeraten. Der Ausschluss der Öffentlichkeit von jeder Diskussion mag im Widerspruch stehen zum philharmonischen Selbstbild einer basisdemokratisch verfassten Institution – aber er schützt natürlich vor allem die Meinungsbildung der Musiker.

Das Wahlverfahren bezeichnet Peter Riegelbauer als „wohl weltweit einmalig“. Zwei andere Berliner Orchester, das Deutsche Symphonie-Orchester und das Rundfunksinfonie-Orchester, sind ab 2016 ohne Dirigenten: Dort brüten Findungskommissionen über den richtigen künstlerischen Leiter, bestehend auch aus Musikern, aber vor allem aus Orchesterdirektoren und -managern, den Geldgebern und anderen Bürokraten. Im Gegensatz dazu sind die Berliner Philharmoniker zurecht stolz auf ihre künstlerische Autonomie, in die ihnen weder der scheidende Chefdirigent Simon Rattle noch der Intendant, weder die Stadt Berlin noch gar der Hauptsponsor Deutsche Bank hineinreden darf.

Diese Autonomie stand am Anfang der Orchestergründung, musste immer wieder gegen andere Interessen verteidigt werden und hat mit der Ära Simon Rattle ihren Höhepunkt erreicht. Vor der Autonomie indes kam die Emanzipation, und die begann mit einem „Nein“.

Im nächsten Abschnitt erfahren Sie, wie die demokratisch-autonome Einstellung in der Philharmonie gewachsen ist.

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