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Pharmakon und Swans im Berghain: Oh Scheiße, oh Blut, für immer Liebe

Michael Gira von den Swans beim Konzert in Berlin.

Michael Gira von den Swans beim Konzert in Berlin.

Foto:

Roland Owsnitzki

Berlin -

Mittwoch. Düster. Nass. Herbst. Angespannte Laune allüberall. Schrecklicher Tag. Aber dann: Abends im Berghain gewesen. Düster. Voll. Herbstfarben gewandete Mengen von Menschen. Angespannte Laune allüberall. Viertelnachneun tritt eine schwarzgekleidete blonde Frau auf die Bühne und beginnt auf einem selbst zusammengelöteten Brett mit vielen Tonabnehmern und wenigen Saiten schmerzhafte Sounds aller Art zu erzeugen: quiekhohes Tinnitusfiepen, das sich direkt in die Hirnlappen fräst, und knapp neben dem Herzschlag pulsierende Bässe; mittelfrequentes subjektloses Brüllen, das den Metabolismus kompetent aus dem Gleichgewicht bringt; aber auch spitz zugefeilte Rückkopplungssplitter, die sich direkt in den Kiefer und die Weichteile bohren.

Toll! Viele Menschen bekommen schlagartig sehr gute Laune, doch ist das noch lange nicht alles gewesen. Die blonde schwarzgekleidete Frau ist nämlich nicht bloß sehr laut, sondern auch äußerst zornig. Bald beginnt sie so herzhaft und schrill und schmerzhaft verzerrt in die Menge zu schreien, als habe sie eine Tarantel gestochen oder der wilde Watz oder als schwinge sie sich gerade dazu empor, einen untreu gewordenen Geliebten mittels bloßen Gebrülls in die Hölle zu schicken. Die Frauen im Publikum beginnen sich umstandslos zu identifizieren.

Unerbittlich emporschaukelnder Krach

Die heterosexuellen Männer im Publikum, die sich beim Geschlechtsverkehr gerne einmal von einer Frau dominieren lassen – und das sind an diesem Abend, soweit ich sehen kann, viele –, beginnen zu schwitzen und bekommen rote Gesichter. Die schwulen Männer im Saal scheint die schreiende Frau eher ratlos zu hinterlassen.

Knapp eine halbe Stunde dauert der Spuk, am Ende klettert die Künstlerin – sie heißt übrigens Pharmakon, kommt aus New York und ist süße 23 Jahre alt – von der Bühne herunter und drängt sich durchs Publikum, weil sie ihren Hörern hier drunten noch besser ins Gesicht brüllen kann; wofür selbige so dankbar sind, dass sie ihr in zuvorkommender Weise das sich von der Bühne abwickelnde Mikrofonkabel halten, damit es sich nicht verheddert und die schreiende Frau in der Ausübung ihrer Tätigkeit behindert werden könnte. Selten sieht man Aggression und Höflichkeit in so inniger Verschwisterung wie bei einem Pharmakon-Konzert.

Der Abend wird nach einer kurzen Besinnungspause dann dergestalt fortgesetzt, dass ein sehr kräftiger älterer Mann mit sehr langen Haaren und einem noch längeren buschigen Bart auf einem Gong Gonggeräusche erzeugt; der Mann heißt natürlich Thor. Ein zweiter Mann spielt dazu auf einem Schlagzeug repetitive Muster; manchmal wird auch mit Glöckchen geklötert oder auf lange Röhren geschlagen. Schließlich, es ist jetzt kurz vor elf, kommen vier weitere ältere Männer hinzu und beginnen mit Gitarren, Bass und Lap-Steel-Gitarre die repetitiven Muster auszuschmücken und zu überhöhen; ein sich langsam, aber unerbittlich emporschaukelnder Krach, in den der musikalische Leiter des Abends, der längst schon schön ergraute Swans-Sänger Michael Gira, sinistre Mantren murmelt und schreit, vom Licht des Universums, einem rosa Lamm auf Granit und einem kleinen Gott, den er in der Hand hält: „Oh Scheiße, oh Blut, für immer Liebe!“

Sechs Stücke in zweieinhalb Stunden

Seit über 30 Jahren betreibt Gira die Swans, zu Beginn spielten sie einen unfassbar lauten, langsamen Lärm. In ihrem zweiten Frühling sind sie zu einer Art Supergroup der musikalischen Komplettüberwältigung gereift. Sie sind immer noch sehr laut und manchmal auch langsam. Vor allem aber dehnen sie die Dramaturgie ihrer Songs, bis die Spannung unerträglich zu werden scheint, um dann ins Kontemplative, sonderbar Unterspannte zu kippen; die Erwartung der Hörer reizen sie so lange, bis ihre Erwartung ermüdet – um dann umso unvorbereiteter von den kathartischen Ausbrüchen der Band überrascht zu werden.

Anschließend steigern sie wieder über sehr lange Zeit ihr Tempo so unerbittlich bis über jede erwartbare Klimax hinaus, dass der Herzschlag der Hörer aus dem Rhythmus gerät und das Blut in den Kopf steigt und in den Ohren brüllt. Insgesamt zweieinhalb Stunden spielen die Swans im Berghain, immerhin sechs Stücke schaffen sie in dieser Zeit.

Sie quälen die Ohren und die daran angebrachten Köpfe und Körper so lang, bis die Körper und Köpfe ganz schwer werden und zugleich ganz leicht, bis der Geist die leiblichen Hüllen verlässt und das Publikum vor der Bühne nur noch aus leeren, im Klangorkan taumelnden Leibern besteht. Manche fallen nach einer Weile auch kurzerhand ohnmächtig um. Ach! Wer hätte gedacht, dass so ein schrecklicher Mittwoch im Herbst noch so viel Erleuchtung zu bieten hat.