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Pianist Grigorij Sokolow: Mozart wirft die Stelzen weg

Er ist der womöglich beste Pianist der Welt: Grigorij Sokolow.

Er ist der womöglich beste Pianist der Welt: Grigorij Sokolow.

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mary slepkova/DG

Reckt die Nase in den Wind und pfeift sich eins, der Bursche! Ganz so, als ob ihn das alles nichts anginge, dieses Flattern und Wirbeln um ihn herum. Rauf und runter propellern die Sechzehntel der linken Hand, fröhlich wie Schwärme von Flügelsamen des Bergahorns in der Oktoberböe. Das rechte Pedal des Flügels bleibt ungetreten. Es soll ja nichts verwischen. Und die rechte Hand? Gibt den gut gelaunten Guck-in-die Luft. Zwitschert himmelwärts und wiegt sich in Unschuld – gerad’ wie die Pilze niesenden Kobolde in Alexander Rous Märchenfilm „Der Hirsch mit dem goldenen Geweih“: „Die Hauptsache ist was? Die Hauptsache ist, dass – wir beide nichts, aber auch gar nichts damit zu tun haben“.

Grigorij Sokolow spielt das Prélude G-Dur op. 28 Nr. 3 von Frédéric Chopin, als hätten seine beiden Hände nichts, aber auch gar nichts miteinander zu tun. Diese Unabhängigkeit ist mit der Zeit immer abenteuerlicher und vergnügter geworden. Ermessen kann man das erst jetzt. Denn der russische Pianist hatte Chopins 24 Préludes in allen Tonarten schon einmal auf CD herausgebracht: im Jahr 2001, als Mitschnitt eines Konzerts vom 17. Juni 1990 in Paris, beim Label naïve. Nun erscheint eine neue Doppel-CD bei der Deutschen Grammophon, etikettiert als Mitschnitt eines Abends vom 30. Juli 2008 bei den Salzburger Festspielen.

Eine neue CD von Grigorij Sokolow! Die erste seit 13 Jahren. Die Aufregung ist so groß wie vor einem halben Jahrhundert, als man den neuen Platten von Glenn Gould oder dem nächsten Comeback von Vladimir Horowitz entgegenfieberte.

Sokolow geht nicht mehr in Aufnahmestudios. Er macht nur noch Musik, die sich im Moment des Erklingens erfüllt: im unwiederbringlichen Konzert. Dieser Moment ist das Ziel seiner Arbeit und das Ziel seiner Hörer, die ihm 13 Jahre lang in die Säle folgten, um zu hören, was nicht auf den zwei Handvoll CDs zu greifen ist, die naïve und das ehemals sowjetische Label Melodija in ihren Katalogen bereithalten. Natürlich sind bei Youtube jede Menge Beutestücke mobiler Raubzüge ins Netz gegangen; und es gibt Tauschbörsen inoffizieller Aufnahmen unter Kennern. Sokolows italienischer Manager Franco Panozzo lässt fast jeden Klavierabend mitschneiden in der Hoffnung, der Pianist würde irgendwann einmal das Material zur Veröffentlichung freigeben.

Todtrauriges Wiegenlied

Doch der interessierte sich bislang für die Konservierung seiner Kunst desto weniger, je berühmter er wurde. Kein Konzern, keine Marketing-Kampagne, keine Flut von Interviews, Porträts oder Echo-Klassik-Galas, sondern nur ein kundiges Publikum und eine aufmerksame Musikkritik haben dazu geführt, dass Sokolow heute weltweit als „der größte lebende Pianist“ angesehen wird. Und er braucht den Vergleich mit den Größten der Vergangenheit auch nicht zu scheuen. Zum Beispiel mit Swjatoslaw Richter, der vielen als das Nonplusultra des Metiers gilt. Da finden sich nämlich auf der ersten der beiden neuen CDs Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonaten in F-Dur KV 280 und 332. Vergleicht man Sokolows Aufnahme der Sonate KV 280 mit jener von Richter, so wirkt dessen Spiel im Jahre 1966 (einst bei Decca erschienen) steif und staksig – ein Mozart, der auf Stelzen läuft. Sokolow hingegen überführt, was bei Richter als hölzerne Form stehenblieb, gänzlich in Empfindung und Geste. Alles so innig und logisch, dass man sich fragt, wie es je anders gespielt werden konnte.

So schreibt Mozart im Kopfsatz der Sonate eine Folge von sechs Takten über einer Basslinie, die in Halbtönen ansteigt: e-f-fis-g-gis-a. Von Takt zu Takt ist es erst laut, dann leise. Dieser Wechsel zeichnet Spannung und Entspannung, Dissonanz und Konsonanz nach. Aber statt alles nur akademisch abzuhaken, verwandelt Sokolow diesen Wechsel in jenen von Sehnsucht und Scheu, Vorstoß und Rückzug, Nähe und Abstand. Musikalische Ordnung wird zum Verhalten einer lebendigen Figur. Und diese Lebendigkeit zeigt sich auch in der Freiheit der Verzierung. Denn kaum einmal spielt Sokolow zweimal das Gleiche, auch wenn es so in den Noten steht.

Ganz wie zu Mozarts Zeiten üblich, bringt er eigenhändige Schnörkel oder Füllnoten an. So wird die Musik – mit dem Ornament als Feier der Unwiederbringlichkeit – bei jeder Wiederholung neu, besonders im zweiten Satz, einem todtraurigen Wiegenlied in f-Moll. Jedem Einsatz des Hauptmotivs schenkt Sokolow zudem den Charakter eines eigenen Instruments: erst Oboe, dann Klarinette, dann Fagott. Ihre Linien schieben sich räumlich untereinander. Aus der Flächigkeit tritt der Klavierklang ein in die Dreidimensionalität.

Dieses Spiel mit Raum und Fläche beherrscht Sokolow auf erstaunliche Weise. Das Prélude in c-Moll aus Chopins Zyklus op. 28 explodiert am Anfang in einem Fortissimo, das dem Ohr nicht erlaubt, die Choralmelodie zu orten. Man hört sie, irgendwo in einer Wolke von schwirrendem Schutt, weiß aber nicht, ob oben oder unten. Und dann, mit dem Kippen ins Leise, sind die Raumkoordinaten plötzlich wieder klar: Wie ein greifbares Ding ragt die Oberstimme aus dem sinkenden Staub heraus.

Sechs Zugaben verzeichnet die zweite CD: zwei Mazurken von Chopin, die beiden Poèmes op. 69 von Alexander Skrjabin, „Les Sauvages“ von Jean-Philippe Rameau und Johann Sebastian Bachs „Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ“ aus dem Orgelbüchlein. Da schimmert der Klang bei Skrjabin wie Öl auf einer Wasserlache, da sirrt er silbern wie ein Clavecin bei Rameau, und samten summt er, in Dunkel versunken, bei Bach wie zu den hohen Zeiten russischer Klaviermystik. Doch nie zerreißt die Einheit des Empfindens in historisierende Klänge und Stile, die uns die Musik fernrücken würden. Sokolow bringt sie uns nah, mit allem Leben, das in ihr steckt, und das mit jeder Wiederholung neu entsteht.

Sokolov: The Salzburg Recital. 2 CDs Deutsche Grammophon, ab 16. Januar 2015.