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Puhdys-Konzert in der Mercedes-Benz-Arena: Verpatzter Abschied der Puhdys

Puhdys mit Sänger Dieter Birr (M), Bassgitarrist Peter Rasym (r) und Gitarrist Dieter Hertrampf (l).

Puhdys mit Sänger Dieter Birr (M), Bassgitarrist Peter Rasym (r) und Gitarrist Dieter Hertrampf (l).

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dpa

Ganz zum Schluss, als drei Stunden Abschiedskonzert vorüber sind, setzen sich die Puhdys noch einmal mit ihrem akustischen Instrumentarium vorn an den Bühnenrand. Sie würden jetzt ein paar Songs bringen, die sie normalerweise gar nicht mehr spielen, sagt Dieter Birr, Gitarrist, Sänger und Conferencier der Band. Das ist eine Ankündigung, wie sie eines letzten großen Auftrittes nach 46 Jahren nur angemessen ist. Und dann erklingt „Perlenfischer“, der Titelsong ihrer vielleicht besten Lp aus dem Jahre 1977, gefolgt von „Erinnerung“, einem schönen Liebeslied, gesungen von Dieter Hertrampf, der bei den Puhdys für die eher lyrischen Töne zuständig ist. So könnte es weitergehen. „Manchmal im Schlaf“, „Hören und Sehen“, „Kein Paradies“, „Mann im Mond“, vieles wäre zu wünschen, vieles möglich, vieles eines letzten Liedes würdig. Das Repertoire der Band ist mit circa 350 Titeln ziemlich unerschöpflich.

Doch womit beschließen die Puhdys am Sonnabend dieses nicht nur für sie besondere Konzert? Die finale Nummer des finalen Auftritts bei ihrer angeblich finalen Tour heißt „Königin“ und geht wie folgt: „Den allerersten Trabi, zehn Jahre nach’m Abi, geschloss’nes Vaterland, des Volkes Unterpfand“. Dazu wird geschrammelt wie im Musikantenstadl – für die Polonaise im Kopf. In der Arena am Ostbahnhof ist es dafür zu eng, die 11 500 Besucher in der auch am zweiten Abend hintereinander ausverkauften Halle sitzen dicht gedrängt.

Der Abschluss dieses Konzertes ist symptomatisch für die ganze Veranstaltung. Es ist eine Feier der verschenkten Möglichkeiten. Dem Schwanengesang der Puhdys fehlt eine Idee, eine Erzählung, eine Dramaturgie. Sieht man mal davon ab, dass der Song „Was bleibt“ zweimal vorkommt, am Anfang und dann noch einmal vor den Zugaben und somit eine Art Klammer bildet. Was also bleibt? „Was bleibt was uns bleibt, sind Freunde im Leben.“ So einfach kann es sein. Und so einfach ist es manchmal eben auch. Als gleich zu Beginn ein paar Tausend Menschen den Refrain im Chor singen, ist das schon der berührendste Moment dieses Abends. Denn es wird klar, dass die Puhdys für viele hier eben nicht nur eine Band sind, sondern tatsächlich Freunde in ihrem Leben, Begleiter durch Zeiten, die nun irgendwie zu Ende gehen sollen, jedenfalls vorläufig.

Für den 28. Mai ist schon das nächste Konzert der Puhdys in Berlin angekündigt, dann unter dem Label Ostrock-Legende. Und wenn in drei Jahren der fünfzigste Bandgeburtstag ansteht, dürfte mit einer erneuten Reunion zu rechnen sein. Es wird also vermutlich noch öfter die Chance geben, den etwas verpatzten Abschied nachzubessern. Indem man zum Beispiel wirklich essenzielle Titel der frühen Jahre aufbereitet oder auch ehemalige Band-Kollegen wie Harry Jeske und Gunther Wosylus einlädt, die nicht einmal erwähnt wurden.

An vierter Stelle und damit viel zu früh spielen sie beim Abschied „Geh zu ihr“, nicht nur einer ihrer größten Hits, sondern tatsächlich ein Lied für Generationen. Der Song aus dem Defa-Film „Die Legende von Paul und Paula“ ist ein Klassiker, das muss man keinem mehr erzählen. Nun ist es niemals eine gute Idee, einen Klassiker aufzumöbeln. Den Puhdys gefällt es offenbar, dieses eigentümliche Musikstück neuerdings als Klatschmarsch vorzutragen. So wie die meisten ihrer aktuelleren und leider auch älteren Songs.

Rhythmisch geht da vieles in Richtung Discofox, mit jener ursprünglichen Form von Gitarrenrock, für die die Puhdys einst standen, hat das oft nur noch wenig zutun. Im Grunde war die Rockzeit schon zu Beginn der Achtzigerjahre vorbei. Seitdem machen sie Volksmusik, im guten wie im weniger guten Sinne.

Als nach einer Stunde Kimberly Hertrampf auftritt, die 17-jährige Tochter des Gitarristen, um mit ihrem Papa ein Lied zu singen, beginnt der familiäre Part dieses Konzertes, der dann gar nicht mehr endet. Denn nach ihr erscheint Dieter Birrs Enkeltochter auf der Bühne, ehe der Sohn des Drummers Klaus Scharfschwerdt mitmacht und schließlich auch noch die Popgruppe „Bell, Book & Candle“ auftaucht, die sich wesentlich aus dem Genpool der Puhdys speist. Insgesamt gesehen war das ein bisschen viel Familie auf einmal, schön für die Väter und Großväter, dass sie solchen Spaß mit ihren Sprösslingen haben, aber sollte es hier nicht um die letzte große Show der Alten gehen?

So pendelt es hin und her, gute Songs wie „Bis ans Ende der Welt“ oder „Boote der Jugend“ wechseln sich mit mittelprächtigen Beiträgen ab, die vom Publikum jedoch dankbar weggeschunkelt werden. Als Fan ist man nicht wählerisch. Erst am Ende wird noch einmal klar, wer und was die Puhdys einmal gewesen sind: „Wenn ein Mensch lebt“, Lebenszeit“ , „Alt wie ein Baum“. Diese Lieder zählen zum nationalen Kulturgut. Zum Glück spielen sie die Songs zum vorläufig letzten Mal so, wie sie einmal waren und wie sie immer sein werden. Das bleibt.


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