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Berliner Zeitung | Sänger Tricky: „Diese Metropole hat ein ganz besonderes Flair“
26. February 2016
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Sänger Tricky: „Diese Metropole hat ein ganz besonderes Flair“

Adrian Nicholas Matthews Thaws, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Tricky.

Tricky auf der Bühne. Am 29. Februar ist er in Kreuzberg zu sehen und zu hören.

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dpa/EPA/ABEL ALONSO

Den Vater lernte er nie kennen, die Mutter brachte sich um – Adrian Nicholas Matthews Thaws, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Tricky, Biografie ist keine einfache. Doch der britische Musiker, der das Genre Trip-Hop gemeinsam mit der englischen Band Massive Attack maßgeblich geprägt hat und der mittlerweile in Berlin lebt, arbeitet seine Kindheitstraumata in seinen Songs ab. Auch auf seinem Album „Skilled Mechanics“, für das sich der 48-Jährige mit verschiedenen Musikern und Sängern zu einem Künstlerkollektiv zusammengetan hat, machen manche Stücke eine Reise in seelische Abgründe.

Tricky, warum sind Sie 2015 eigentlich nach Berlin gezogen?

Früher habe ich meistens nur Kurztrips nach Berlin gemacht, um Konzerte zu geben. Als ich dann während einer Interviewreise zum ersten Mal mehrere Tage in der Stadt war, bin ich durch die Gegend gelaufen und habe mir einiges angeguckt. Ich spürte plötzlich, dass diese Metropole ein ganz besonderes Flair hat. Viele Leute haben sich ihre Punkattitüde bewahrt, sie sind wesentlich individueller als diese Fashion Victims, denen man in London überall begegnet. Berlin ist eben nicht so hyper-trendy wie die britische Hauptstadt. Einfach weil sich die Kommerzialisierung und die Gentrifizierung bislang nicht auf das Londoner Niveau eingependelt haben.

Und deswegen haben Sie sich ein Loft in Neukölln gesucht?

Mir ist es völlig egal, in welcher Gegend ich lebe. Ich braue einfach eine Wohnung, in der ich mich rundherum wohlfühle. Und die habe ich halt in Neukölln gefunden.

Wie viel Einfluss hatte denn die Stadt Berlin auf Ihre CD „Skilled Mechanics“?

Sie hat mich nicht im Geringsten beeinflusst. Meine Musik ist nicht ortsabhängig. Ich nehme überall Songs auf, wo ich mich mindestens ein paar Wochen aufhalte.

Aufarbeitung der Kindheit

Mit Ihrem Stück „Boy“ schlagen Sie einen Bogen zu Ihrer Kindheit.

Genau. Meine Mutter hat sich umgebracht, als ich vier war. Sie lag in einem offenen Sarg im Haus meiner Großmutter – das war meine erste bewusste Begegnung mit ihr. Es macht mich heute noch traurig, dass ich sie nie wirklich kennengelernt habe. Auch das Wiedersehen mit meinem Vater war nicht besonders erfreulich. Mit zwölf entdeckte ich seinen Namen zufällig im Telefonbuch und besuchte ihn. Er konnte sich nicht mal mehr daran erinnern, wie ich heiße.

Ihre Jugend scheint die Hölle auf Erden gewesen zu sein.

Auf Außenstehende mag das so wirken. Doch mir ist es gelungen, aus all den negativen Dingen, mit denen ich konfrontiert war, durchaus etwas Positives zu ziehen. Sie liefern mir den Stoff für meine Lieder. Ich denke, meine Fans können sich mit meinen Titeln identifizieren, weil sie authentisch sind. Sie helfen den Menschen, die schwierigen Phasen ihres Lebens zu überwinden. Denn egal, wie reich jemand ist: Irgendwann wird er garantiert mit Schmerz und Leid konfrontiert.

Aber nicht jeder wächst ohne seine Eltern auf.

Ich stand ja nicht komplett alleine da, sondern hatte meine Großmutter und meine Tante, die mich abgöttisch geliebt haben. Meine Großmutter war ziemlich verrückt. Wenn es geregnet hat, sagte sie zu mir: „Draußen ist es kalt. Du hast bestimmt keine Lust, zur Schule zu gehen.“ Dann haben wir zu Hause zusammen Horrorfilme geguckt.

Offenbar war Ihre Großmutter viel zu nachgiebig.

Sie war eigentlich eine extrem starke Frau. Genau wie meine Tante. Die beiden nahmen jeweils zwei Jobs an, um uns durchzubringen. Sie wollten, dass wir Kinder immer genug zu essen und saubere Kleidung hatten. Von ihnen habe ich einiges gelernt.

Zum Beispiel?

Wer in Wahrheit das starke Geschlecht ist: die Frauen, nicht die Männer. Mein Onkel war ein gewalttätiger Kerl, manchmal saß er im Gefängnis. Da er sich einen Bad-Boy-Ruf erarbeitet hatte, kannte ihn jeder. Anfangs hielt ich ihn für einen tollen Typen. Bis ich begriffen habe, wie viel mehr die Frauen in unserer Familie geleistet haben. Ohne sie wären wir Kinder verloren gewesen. Daraus habe ich die Erkenntnis gezogen: Wenn Frauen diesen Planeten regieren würden, würden wir in einer besseren Welt leben. Sie sind nämlich nicht so gierig wie Männer, bei denen sich alles bloß um Geld und Macht dreht.

Interview : Dagmar Leischow

Tricky, Konzert am Montag, 29. Februar, 21 Uhr, Club Gretchen,

Obentrautstraße, Kreuzberg, Karten ab 32,50 Euro. Trickys aktuelles Album „Skilled Mechanics“ ist im vergangenen Monat erschienen.

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