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Sodagreen aus Taiwan: Puffig weicher Pop in der Nalepastraße

Indierocker aus Taiwan: Sodagreen.

Indierocker aus Taiwan: Sodagreen.

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Sodagreen

Zu einem überaus interessanten popkulturellen Ereignis ist es am Montagabend im Funkhaus Nalepastraße gekommen: Im großen Musiksaal nahmen Sodagreen ihr neues Album auf! Dabei handelt es sich um eine taiwanesische Indierockgruppe, die sich auf dem Gipfel ihrer Karriere 2009 ein besonderes Projekt ausgedacht hatte. In vier verschiedenen Städten der Erde wollte die Band um den charismatischen Sänger Wu Tsing-Fong vier Platten aufnehmen, die sich jeweils einer Jahreszeit widmen, weswegen das Projekt auch „Vivaldi“ heißt.

In Taipei haben Sodagreen schon ein Album zum Frühling, in London eins zum Sommer und in Beijing eines zum Herbst eingespielt; in Berlin wurde die Tetralogie nun mit dem Thema Winter beschlossen. Und weil Berlin nach Ansicht der Gruppe „die Welthauptstadt der klassischen Musik“ ist, sollten die zwölf Songs, die am Montag live vor Publikum aufgenommen wurden, denn auch besonders klassisch klingen. Deswegen hatten sich Sodagreen das renommierte German Pops Orchestra unter Leitung von Bernd Ruf hinzugebeten.

Puffig weich aufgeplustert

In ihrer Heimat sind Sodagreen ausgesprochen berühmt, im letzten Jahr haben sie an drei Abenden im Hongkong Coliseum vor insgesamt 100000 Zuschauern gespielt. In Berlin kamen etwa einhundert Hörer, darunter einige leitende Angestellte der Vertretungen des Universal-Music-Konzerns in Taiwan und im asiatisch-pazifischen Raum, einige örtliche Label-Vertreter, zirka achtzig Chinesen und zwei Journalisten, einer davon war ich.

Anderthalb Stunden lang spielten Sodagreen mit Unterstützung des etwa 50-köpfigen Orchesters einen puffig weich aufgeplusterten Symphonic Pop, der gut in den Eurovision Song Contest passen könnte und zu dem Wu Tsing-Fong hervorragend falsettierte und noch viel besser aussah: Mit seinen dünnen Beinen und groben Stiefeln, einer androgynen Topffrisur sowie einem todschicken, in verschiedenen Graustufen geometrisch gemusterten Gehrock wirkte er so fesch wie ein Commes-des-Garçons-Model.

Da Wu meist auf Mandarin sang, erläuterte der Dirigent des Orchesters, Bernd Ruf, in seinen Zwischenmoderationen den lyrischen Gehalt der scheinbar so leicht wirkenden Lieder. Unter anderem ging es um Überlebende der Tschernobyl-Katastrophe, die ihre verstrahlte Heimat nicht aufgeben wollen, sowie um zwei Insassen eines Konzentrationslagers und ihr letztes Gespräch vor dem Gang in die Gaskammer. Auch über die Berliner Mauer haben Sodagreen ein Lied geschrieben, in dem sie zur Überwindung der Mauern in unseren Herzen mahnen. Ein toller Abend, der glücklicherweise gefilmt wurde und in Taiwan schon bald auf DVD zu erwerben ist.