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Tokio Hotel-Konzert in Berlin: Als habe er Angst, aus dem Licht zu fallen

Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz beim Konzert seiner Gruppe am Montagabend in Berlin.

Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz beim Konzert seiner Gruppe am Montagabend in Berlin.

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Roland Owsnitzki

Berlin -

Von außen wirkt der Andrang zum Konzert enorm. Fünf Jahre immerhin waren Tokio Hotel verschwunden, die einzige deutschsprachige Boygroup von Format, deren drei Emo-Poprock-Alben von 2005 bis 2009 sich millionenfach und sogar international verkauften und deren Sänger Bill Kaulitz als androgynes Mangamännchen Kinder aller Altersklassen zu Kreischstürmen verführte.

Den Teenstatus haben sie mittlerweile verloren, die jugendlich-alarmierten Fans sind augenscheinlich geblieben. Allerdings handelt es sich bei den Hallen, die sie gerade ausverkaufen, nicht um die großen Mehrzweckhallen der Republik oder Europas. Vielmehr geben sie ihr Comeback in 800er-Venues wie dem Heimathafen, wo sie am Montag zur Neuköllner Station ihrer „Feel It All“-World-Tour einluden. Entsprechend pünktlich war der Einlass erledigt.

Peroxidiert und streng zurückgegelt

Diese Bescheidenheit wurde im Vorfeld gelegentlich und ein wenig hämisch mit den eher schleppenden Verkäufen ihres Rückkehrer-Albums „Kings of Suburbia“ in Verbindung gebracht.

Die Band wiederum begründete ihre Entscheidung mit der Sehnsucht nach Nähe. Es gab also sozusagen Tokio Hotel zum Anfassen, wobei sich zumindest zu Beginn ein feiner, transparenter Vorhang zwischen dem Publikum und den Künstlern spannte. Darauf sah man zum wuchtigen EDM-Bollern des ausgedehnten Intros ihrer Single „We Found Us“ wie von Hand gezeichnete geometrische Figuren, aus denen sich zunächst kraklige Gebirge formten und schließlich eine urbane Wolkenkratzerlandschaft, was vermutlich die Reise Tokio Hotels nach Los Angeles stilisierte. Dorthin nämlich, in die Anonymität des kalifornischen Molochs, hatten sich Bill und sein Zwillingsbruder Tom 2010 geflüchtet, weil ihnen der Ruhm in der Heimat zusetzte, die Fans, die sie samt Familienmitgliedern und Freunden belagerten und sogar ins Magdeburger Heim einbrachen, um sich an Bills Wäsche zu vergehen.

Selbigen sah man, als sich der Vorhang hob – selbstironisch als König der Vorstadt? –, mit Krone und Sonnenbrille, in ein ausladendes Cape gehüllt, unter dem er bald einen hautengen Fantasy-Helden-Anzug mit gewaltigen Schulterpolstern enthüllte, der aus einer schwarzen Korsettage, golden schimmernden Arm- und Beinkleidern und Plateaustiefeletten bestand. Die einst geschwärzt stehenden Haare peroxidiert und streng zurückgegelt, die Stimme jedoch hoch und dünn wie einst, soundtechnisch gelayert, aber öfter auch auch vom überwiegend weiblichen Publikum hell unterstützt.

Wobei die meisten Fans zugleich unermüdlich mit Filmen und vor allem Kreischen beschäftigt waren – nicht zuletzt wegen seiner Garderobenwechsel, in einen blauen Anzug mit giftgrünen Applikationen, eine romantische, weiße Pluderbluse für den Balladenteil und eine puschelige, scharlachfarbene Felljacke fürs Finale.

Masturbationssymbolik als Beweis fürs Erwachsensein

Die meisten Stücke des Abends stammten vom aktuellen Album, dessen überwiegend lauter, fast monothematisch mollharmonischer, mitunter modischer Elektrorock mit schwerer Bassdrum und deutlichem Achtziger-Einschlag auch die älteren Nummern zu infizieren schienen. Mit Ausnahme des ersten Hits „Durch den Monsun“ hörte man wiederum alle Songs in ihren englischen Versionen.

Bill und Tom sind in Los Angeles ja auch erwachsen geworden. Deshalb sieht man in jüngeren Videos masturbierende Plüschtiere oder blau vernebelte Clubszenen, in denen Bill diverse Damen mit seinen Nippelpiercings spielen lässt, aber auch einen glatzköpfigen Türsteher zum Blow-Job auf die Knie drückt. Während Bill dergestalt den ambivalenten Bisexuellen gibt, posiert Bruder Tom ergänzend als entschlossener Hetero; auch im Konzert gab er sich mit dichtem Vollbart und Poncho sowie von ihm hart gerockten Gitarren sehr männlich. Sex als solcher spielte während des Konzerts allerdings keine erkennbare Rolle, wobei es mit den unscheinbar jungshaften Gustav Schäfer an den Drums und Georg Listing am Bass ein durchaus breites Angebot gab.

Die Bühneninszenierung allerdigs wirkte – nicht nur angesichts der Plexiglaswand, hinter die man Schäfer gesetzt hatte –, als habe sich die Band noch nicht ganz an die geringe Größe ihrer derzeitigen Auftrittsorte gewöhnt, die Lichtorgel im Hintergrund wirkte partykellerhaft, die Bühnenausstattung mit allerlei Keyboards und Trommeln beengt, Bill bewegte sich kaum, als habe er Angst, aus dem Licht zu fallen.

Dem Publikum war das natürlich grade recht, weil es ihn auf diese Weise umso ungestörter betrachten, filmen und anschreien konnte. Ob sich in Zukunft auch die Band damit anfreundet, muss sich zeigen.


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