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Wahldebakel um Nachfolge von Sir Simon Rattle: Die Berliner Disharmoniker

Fotomontage / dpa(4) / Imago(3)

Wer wird der Nachfolger von Sir Simon Rattle (zweiter von rechts)? Immer wieder genannt wurden zuletzt (von links): Riccardo Chailly, Christian Thielemann, Gustavo Dudamel, Daniel Barenboim, Kirill Petrenko und Andris Nelsons.

Der Versuch der Berliner Philharmoniker, sich einen neuen Chefdirigenten zu wählen, ist gescheitert. Am Montag um 10 Uhr trafen sich 123 Musiker des Orchesters im Gemeindehaus der Jesus- Christus-Kirche in Dahlem, um 14 Uhr wollten sie den Namen des Nachfolgers von Simon Rattle bekanntgeben. Dieser Zeitpunkt verschob sich stündlich; um 21.30 Uhr gab der Orchestervorstand Peter Riegelbauer bekannt, dass trotz konstruktiver Diskussionen kein Dirigent gefunden werden konnte. Binnen eines Jahres wollen die Philharmoniker zu einer neuerlichen Wahl zusammenfinden.

Simon Rattle geht im Sommer 2018

Was da geschehen ist, wird nie herauskommen. In welcher Konstellation der basisdemokratische Wahlprozess hängenblieb, welche beiden Dirigenten am Ende je die Hälfte des Orchesters für und die andere Hälfte gegen sich hatten, das wissen nur ein Orchestervorstand und der Notar. Unklar ist auch, was sich die Philharmoniker von einer weiteren Wahl – wohl im Herbst – versprechen. Bis dahin wird kein Wunschkandidat neu aufgetaucht sein, werden die jetzigen Kandidaten sich nicht entscheidend gewandelt haben.

Seit Simon Rattle vor zwei Jahren bekannt gab, dass er die Leitung des Orchesters im Sommer 2018 abgeben wird, überbietet sich die Öffentlichkeit mit Spekulationen. Die Namen, die gehandelt wurden, sind begründete, aber niemals bestätigte Spekulation. Musikjournalisten gaben Empfehlungen: Ein junger Dirigent müsse es sein – nein, an Christian Thielemann führe kein Weg vorbei – Unsinn, ein Interims-Chef, etwa Riccardo Chailly, solle her, bis die Jungen erfahren genug sind.

In der Zwischenzeit verlängerten viele Dirigenten ihre aktuellen Stellen und nahmen sich damit aus dem Rennen: Gustavo Dudamel bleibt bis 2021 in Los Angeles, Riccardo Chailly übernimmt zusätzlich zum Leipziger Gewandhaus die Mailänder Scala, Mariss Jansons hat beim BR-Symphonieorchester bis 2021 unterschrieben. Diese Dirigenten haben klug gehandelt. Jetzt stehen von den mutmaßlichen Kandidaten nur noch Christian Thielemann und Andris Nelsons zur Verfügung. Sie sind jenseits ihres überragenden Metiers und Karrierebewusstseins noch nicht durch Klugheit aufgefallen.

Kein Dirigent mit Visionen in Sicht

Denn eins muss jeder Dirigent wissen: Es reicht bei den Berliner Philharmonikern nicht, viele schöne Konzerte zu dirigieren und den Klang zu pflegen. Davon abgesehen, dass das in einem Haifischbecken mit 128 extrem virtuosen, extrem selbstbewussten, extrem empfindlichen und extrem eigenwilligen Musikern wahrlich kein Zuckerschlecken ist und selbst der diplomatische Sir Simon den einen und anderen Stoßseufzer darüber fallen ließ: Seit Herbert von Karajans Zeiten (1954–1989) werden vom Chef der Berliner Philharmoniker organisatorische Leistungen erwartet, die Signalfunktion für das Musikleben weltweit haben.

Wenn die Philharmoniker unter Karajan den Markt mit Aufnahmen schwemmen, machen andere Orchester das nach; wenn sie unter Claudio Abbado ihre Saison unter ein Motto stellen, passiert ähnliches in allen Musikzentren der Welt; wenn die Philharmoniker unter Rattle Education treiben und urbane Verantwortung demonstrieren, dann legen alle Institutionen ähnliche Programme auf.

Ein Dirigent mit derartigen Visionen ist jedoch nicht in Sicht. Dass Thielemann oder Nelsons Ideen entwickeln, die über ihren vielfach bekundeten auto-erotisch aufgeladenen Musikgenuss hinausgingen, ist nicht zu erwarten; selbst die Pflege der Education-Programme durch diese beiden ist unwahrscheinlich. Von der Bildungsschiene jedoch können die Philharmoniker kaum abspringen, ohne damit einzugestehen, dass sie es vor allem als PR-Maßnahme verstanden haben; auch der Hauptsponsor Deutsche Bank hat ein Interesse daran, seine Unterstützung in die Aufhellung seines unterirdischen Images zu investieren, und musizierende Kinder geben da ein schönes Bild ab.

21.000 Digital-Abonnenten

Den Philharmonikern Arroganz vorzuwerfen – keiner ist gut genug –, geht somit an der Sache vorbei. Gewiss hat das Selbstbewusstsein des Orchesters ein kritisches Maß erreicht: Nachdem es schon das Intendantenamt fast abgeschafft hat, will es sich nun auch nicht mehr von einem Dirigenten auf Linie bringen lassen; wer auch immer einst gewählt werden wird. Seine demokratische Legitimierung wird schwach sein.

Aber die offenbare Zerrissenheit der Philharmoniker über den zukünftigen Chef ist nur Spiegelbild der Richtungslosigkeit des klassischen Musiklebens und insbesondere der Orchestermusik. Das Repertoire stagniert seit 100 Jahren weitgehend. Es gibt keinen Absatzmarkt mehr für kostspielige neue Einspielungen der Sinfonien von Haydn bis Mahler, und entsprechend sehen die Plattenlabel keinen Sinn darin, Dirigenten zu Stars aufzubauen; da verdient man mit Sängern, Pianisten oder Geigerinnen mehr. Dabei ist der Zusammenbruch des Verdienstmodells „Aufnahme“ durch die digitalen Medien noch gar nicht berücksichtigt. Die technisch enorm aufwändige Digital Concert Hall etwa, die Videos der Konzerte weltweit verfügbar macht, ist sechs Jahre nach Start immer noch lediglich 21 000 Menschen 149 Euro im Jahr wert.

Das ist also auch keine Antwort auf die Frage, wie man mit Orchestermusik noch Geld verdienen kann. Wenn aber nicht einmal die instinktsicheren Berliner Philharmoniker einen Ausweg aus dieser Krise wissen, dann gibt es vermutlich auch keinen – und auch niemanden, der sie führen könnte.

Berliner Philharmoniker

Chefdirigent:Simon Rattle

Finanzierung: 43 Millionen Euro Umsatz (2012). Jährlich 14 Millionen Euro Zuschüsse vom Land Berlin. 26 Millionen Euro werden durch die Philharmoniker erwirtschaftet, Hauptsponsor mit vier Millionen Euro ist die Deutsche Bank.

Charakteristik: „Jeder Musiker dieses Orchesters könnte Solist sein“, sagte Simon Rattle einmal. Die Berliner Philharmoniker sind das vermutlich selbstbewussteste Orchester der Welt und wohl auch das Beste. In jedem Fall ist der Klang der Streicher nirgends so wuchtig wie hier. Und nirgends gibt es so gute Bläser.

Geschichte:Das Orchester wurde schon bald nach der Gründung 1882 zum Anziehungspunkt für große Namen: Hans von Bülow, Arthur Nikisch und Wilhelm Furtwängler prägten das Orchester zu Beginn. Mit Herbert von Karajan wurde es zur wirtschaftlich äußerst erfolgreichen Marke.

Royal Concertgebouw Orchestra

Chefdirigent (designiert): Daniele Gatti, vom Jahr 2016 an

Finanzierung:Budget zwischen 28 und 30 Millionen Euro pro Jahr, einschließlich 12 Millionen Euro Subventionen vom Land und der Stadt. Defizit 863 000 Euro (2013). Finanzierung ab 2016 gefährdet

Charakteristik:Unter den europäischen Orchestern vielleicht das amerikanischste: so präzise und virtuos im Zusammenspiel, so schnittig im Klang.
Stärker noch als das beeindruckt jedoch der heitere Geist dieses Ensembles: Auch das Schwerste sieht noch sympathisch leicht aus.

Geschichte:Das Orchester wurde 1888 gegründet als Hausensemble des damals gerade fertig gestellten Konzerthauses „Concertgebouw“ in Amsterdam. Neben Willem Mengelberg prägte vor allem
Bernhard Haitink das Ensemble. Er war 30 Jahre lang Chef: von 1957 bis 1988.

BR-Symphonieorchester

Chefdirigent: Mariss Jansons

Finanzierung: 21,6 Millionen Euro stellte der Bayerische Rundfunk (BR) nach Auskunft der Pressestelle 2013 dem Symphonieorchester für die künstlerischen und personellen Ausgaben zur Verfügung; im Gegenzug kann der BR mit den Mitschnitten der Konzerte und Proben sein Rundfunk- und Fernsehprogramm gestalten.

Charakteristik: Vielleicht das einzige Orchester, das nahezu alles sehr gut kann – vom klassischen Repertoire bis zu zeitgenössischer Musik. Hat darüber hinaus einen Dirigenten, der ebenfalls nahezu alles kann, den viele Orchester gerne hätten, der aber gerade seinen Vertrag in München verlängert hat: der Lette Jansons.

Geschichte: Das jüngste unter den Spitzenorchester: gegründet 1949. Eine besondere Beziehung hatte das Orchester zu Leonard Bernstein, der das Ensemble häufig dirigierte.

Boston Symphony Orchestra

Chefdirigent: Andris Nelsons

Finanzierung: 81 Millionen US-Dollar Einnahmen, darunter 32 Millionen Jahresbeiträge, Spenden und Stiftungszuschüsse, Defizit 2,2 Millionen. Die Stiftung verfügt über 421 Millionen Kapital (2013).

Charakteristik: Steht nicht nur für die berühmte, maschinenhafte Präzision amerikanischer Ensembles, sondern auch für ein breites Repertoire. Das Ensemble war Auftraggeber zahlreicher Kompositionen. Seit dem Sommer ist Andris Nelsons Chef, einer der vielversprechendsten jüngeren Dirigenten. Er ist einer der heißesten Kandidaten für die Rattle-Nachfolge.

Geschichte:Gegründet 1881, nach dem New York Philharmonic (1842) das zweitälteste der großen amerikanischen Orchester. Prägender Dirigent war von den 50er-Jahren an der Franzose Charles Münch. Kein Chef blieb jedoch so lange wie Seji Ozawa: von 1973 bis 2001.

Wiener Philharmoniker

Chefdirigent: wollte das Ensemble nie

Finanzierung: Mitglied kann nur werden, wer bereits Mitglied des – subventionierten – Staatsopernorchesters ist und damit bereits ein Einkommen hat.

Charakteristik: Berühmt ist das Orchester für seinen geschmeidigen, wienerisch charmanten Streicherklang. Viele halten ihn für den schönsten der Welt. Die besondere Sensibilität im Spiel (wenige Orchester können so gut Solisten begleiten) übt das Ensemble beim nahezu täglichen Dienst in der Wiener Staatsoper. Allerdings sind auch wenige Orchester so launisch wie die Wiener: großartige Abende wechseln sich mit lustlosen Auftritten ab.

Geschichte:1842 gegründet. Lang ist die Liste der großen Namen: die Komponisten Johannes Brahms, Richard Wagner, Richard Strauss; die Dirigenten Wilhelm Furtwängler, Karl Böhm, Leonard Bernstein, Carlos Kleiber.

Sächsische Staatskapelle

Chefdirigent:Christian Thielemann

Finanzierung: keine Angaben

Charakteristik:Während sich die großen Orchester mittlerweile im Klang stark angeglichen haben, ist die Staatskapelle mit ihrem samtigen Ton unverwechselbar geblieben. Wie die Wiener Philharmoniker trainiert das Ensemble seine musikalische Beweglichkeit im fast täglichen Dienst im Orchestergraben der Dresdener Semperoper. Das Repertoire beschränkt sich jedoch eher auf die Musik der deutschen Romantik – was sich mit den Vorlieben des Chefdirigenten trifft.

Geschichte: Das Älteste der Spitzenorchester: gegründet 1548 als Hofkapelle des Kurfürsten. Die jüngere Tradition bezieht sich vor allem auf Richard Strauss. Viele seiner Opern wurden in Dresden uraufgeführt. 1992 wurde Giuseppe Sinopoli Chefdirigent, nach seinem Tod 2001 folgten Bernhard Haitink und Fabio Luisi.