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Wandlungsfähige Musiklegende: Die vielen Ichs des David Bowie

David Bowie (Archivbild 1980).

David Bowie (Archivbild 1980).

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AP

Ziggy Stardust ist tot, Dave Jay, Major Tom, Aladdin Sane und The Thin White Duke ebenfalls. David Bowie ist von uns gegangen und mit ihm die Figuren, die er zum Leben erweckt hat – in der Musik, auf der Bühne, in Fotoserien; dank einer Fantasie, die wie bei einem FBI-Profiler aus einem spöttisch-schmalen Mund, aus einer Kajal-Träne auf weißem Make-up auf eine Persönlichkeit schließen lassen konnte.

Das Schlagwort von Bowie als Chamäleon der Popgeschichte hat sich verselbstständigt über die Jahrzehnte – doch geht es dem Chamäleon bei seinen Oberflächen-Modifikationen um mehr als die optimale Anpassung an herrschende Temperaturen. Sondern um die Kommunikation mit seinen Artgenossen, die sich bei der Bereitschaft zur Balz in flamboyanten Farben und wilden Mustern äußert. Menschen brauchen dafür Stoff, um sich, wie dieser eine hier, vom albernen Strampelanzug in den elegant-ennuyierten Gentleman-Look zu bewegen, um sich mal als Weißclown im Silberflitter zu drehen und mal die englische Flagge als in der Schlacht zerfetzten Gehrock zu tragen.

Das Rätsel David Bowie

Wer David Bowie wirklich war? Eingetaucht in dieses Rätsel ist jeder, der ihm einmal tiefer in die Augen gesehen hat; in dem Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976) ist das beispielsweise leicht möglich. Er spielt darin einen humanoid-reptiloiden Außerirdischen, der überaus ansehnlich als Mensch getarnt ist und sein Fremdsein doch schon im Blick trägt: ein Auge hell grün-grau-blau (je nach Beleuchtung), ein Auge scheinbar von dunklerem Braun. Für den doppeldeutigen Effekt ist eine dauerhaft geweitete Pupille links verantwortlich, die Folge einer Schlägerei mit einem Schulfreund.

David Bowies Karriere begann mit einem Namenswechsel, dem diverse weitere folgen sollten. Viele davon stehen zugleich für eine musikalische Epoche und einen stilistischen Immer-wieder-neu-Entwurf, der Sound und Vision erst zur Einheit werden lässt. Im schwarzen Rollkragenpullover wäre er nicht das geworden, was er gewesen ist: einer der wichtigsten Künstler der letzten vierzig Jahre, einflussreich auch darin, sich über Geschlechterrollen und gesellschaftliche Klischees hinwegzusetzen – und damit jedermanns Fantasie zu sein, aus welchem Grund auch immer.

Ja, das machen die Stars heute immer noch gern, siehe Miley Cyrus, Lady Gaga und Madonna, aber da fällt es eher ins Fach Verkleiden, mit dem Ziel, den Preis für das verwegenste Kostüm des Abends mit nach Hause zu nehmen. Mit bojenförmigen Pailletten-Anzügen und blau-roten Riesenblitzen im rosa geschminkten Gesicht wäre David Bowie da zwar stets ganz weit vorne dabei gewesen. Doch vor allem durch seine Individualität habe er unsere Kultur beeinflusst, befindet Martin Roth, der Direktor des Londoner Victoria & Albert Museums, anno 2013 im Katalog zu einer Ausstellung, die Bowies Stil in den Mittelpunkt stellt: „Er ist dafür eingetreten, dass wir so sein können, wie wir sein wollen, und so aussehen, wie wir aussehen wollen“, schreibt Roth. „Seine wichtigste Botschaft lautet: Bewegt selbst etwas, anstatt anderen zu folgen oder von ihrer Meinung abhängig zu sein.“

Mit Blitz und Pailletten-Boje

Anders ausgedrückt: Der lange Zeit ungerührt bisexuelle Bowie ließ seine Anwälte zwar in späteren Jahren gegen Gerüchte vorgehen, er habe ein Verhältnis mit Mick Jagger gehabt. Ansonsten jedoch war es ihm stets eher egal, was andere von ihm dachten. „Ich habe mein Image so oft neu erfunden“, hat er selbst einmal gesagt, „dass ich mittlerweile leugnen muss, in Wahrheit eine übergewichtige Koreanerin zu sein.“

Identitätswechsel lagen ihm schon früh. David Robert Jones, geboren am 8. Januar 1947 in Brixton, London, wurde mit 15 Jahren kurzfristig zu Dave Jay, damals sang und spielte er Saxofon in der Gruppe The Kon-Rads. Er verfiel dem Mod-Dasein, das schmale italienische Anzüge und Mop-Frisuren für den Herrn favorisierte (vergleiche die frühen Rolling Stones) und sich in heute ulkig anmutender Aufmüpfigkeit übte. Um nicht mit Davy Jones, einem Mitglied von The Monkees, verwechselt zu werden, gab er sich den Künstlernamen David Bowie, nach Jim Bowie, einem tapferen Soldaten im US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, nach dem wiederum das für Jagd, Arbeit und Kampf geeignete Bowie-Messer benannt ist.

Die nächsten Jahre und die ersten Alben über widmete sich Bowie nicht nur musikalischen Extravaganzen zwischen Folk, Musical und Glam Rock, er orientierte sich ästhetisch auch mal an seiner damaligen Gattin Angela, mal an Marlene Dietrich, mit fließenden Locken und seidigen Gewändern. Das Cover seines Albums „The Man Who Sold The World“ (1971) zeigt ihn als eine Art Kameliendame, hingegossen auf einer Chaiselongue. Nur ein Jahr danach ließ er sein vielleicht berühmtestes Alter Ego los, Ziggy Stardust, den androgynen Rockstar mit der leuchtend roten Vokuhila-Frisur – ein Mann aus dem Weltraum, wie auch der verlorene Astronaut Major Tom aus „Space Oddity“ (1969) und „Ashes To Ashes“ (1980).

Milch und Kokain

Der Übergang von Rolle zu Rolle war gnadenlos, nichts aus dem vorherigen Leben sollte sich finden im neuen Entwurf der Bühnen-Persönlichkeit, deshalb folgte auf Ziggy Stardust und die Weiterentwicklung Aladdin Sane Mitte der Siebziger die Figur des Thin White Duke, eine Erscheinung wie aus der Verfilmung von „Cabaret“, Zwanzigerjahre-Dekadenz, zerbrechlich dünn, als Ausdruck einer Zeit, in der sich Bowie nach eigener Aussage vorwiegend von „roter Paprika, Milch und Kokain“ ernährte.

Und so lassen sich noch andere Figuren finden, der New Romantic der frühen Achtziger, der Klischee-Rocker mit der Band Tin Machine, der Kunst-Connaisseur, als der er sich mit seinem vorletzten Album „The Next Day“ (2013) stilisiert, etwa in dem mit dem Multimedia-Artist Tony Oursler ersonnenen Video zu „Where Are We Now?“, das ihn noch einmal in jenes Berlin zurückführt, in dem er von 1976 bis 1978 gelebt hat. Auch die Londoner Ausstellung ist 2014 hierhergekommen, in den Gropius-Bau, in eine Stadt, der David Bowie viele Freiheiten verdankt, um der zu werden, der er war.

Die Kuratoren der Schau, Victoria Broackes und Geoffrey Marsh, sagen, es habe zwar in den Nachkriegsjahrzehnten viele Künstler mit einem lebendigen, zukunftsgerichteten Geist gegeben. „Bowie überführte die Avantgarde jedoch in den Mainstream, ohne dabei ihre subversive, befreiende Kraft zu kompromittieren“ – indem er eine Verbindung schaffe zwischen Andy Warhol und Bertolt Brecht, Marlene Dietrich und Kate Moss, Berlin, New York und Mondlandung.
Bowie hat sich frühzeitig um seine eigene Archivierung gekümmert, anders als bei ähnlich exzessiv gelebt habenden Zeitgenossen gibt es seit jeher ein gut geordnetes Archiv. Mit allen Kostümen und dem Schlüssel zu seiner früheren Berliner Wohnung.



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