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Westbam wird 50 Jahre: Jetzt rede ich

Einst sehr gefragt als Macher flotter elektronischer Tanzmusik: Westbam.

Einst sehr gefragt als Macher flotter elektronischer Tanzmusik: Westbam.

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ADAM KLIK

Berlin -

Seinen ersten Job als DJ hat Maximilian Lenz, wie Westbam mit bürgerlichem Namen hieß, als Achtzehnjähriger in seiner Heimatstadt Münster. Odeon heißt der Laden. Sie geben ihm die Freitage. Zwei Plattenspieler stehen in der DJ-Kabine. „Kurz bevor eine Platte zu Ende ist, startest du den zweiten Plattenspieler. So. Keine Pause zwischen den Liedern. Einfach den einen Fader hoch, den anderen runter“, erklärt ihm der Haustechniker. So war das damals Mitte der 80er Jahre.

Die Geburt des DJs stand noch bevor. Mixen war eine obskure Kulturtechnik. „Es war ungefähr so futuristisch und absurd wie sich die Haare am Sack zu rasieren“, schreibt er. Aber er übt schon mal. 1985 wird Maximilian Lenz den Text „Record Art“ schreiben, indem er den DJ als Musiker beschreibt, der mit den Platten von anderen neue Stücke komponiert.

Verschafft hat ihm diesen ersten Gig William Röttger, ein Freund der Familie Lenz, Entdecker, viele Jahre Manager von Westbam. Röttger, der in der Nacht zu Sonntag mit 66 Jahren starb, fördert von Anfang an den jungen Lenz, der sich als DJ bald Westfalia Bambaataa nennt, kurz Westbam, nach dem von ihm bewunderten Hip Hop DJ Africa Bambaataa aus den USA. Westbam ist einer der bekanntesten deutschen DJs, Gründer des Plattenlabels Low Spirit, Mitbegründer der Love Parade, Erfinder der Mayday. Zusammen mit Jürgen Laarmann, damals Herausgeber des Magazins Frontpage, rief er die „Raving Society“ ins Leben, die ein neues Gesellschaftsmodell sein sollte.

Nicht auf Berlin fixiert

Westbam ist international nicht so erfolgreich wie etwa Sven Väth oder Paul van Dyk, die es gar zu einer Residency in Ibiza geschafft haben. Dafür haben die keine Bücher geschrieben. Westbam aber, der an diesem Mittwoch 50 Jahre alt wird, legt nach „Mix, Cuts &Scratches“, das er 1997 zusammen mit Reinald Goetz verfasst, bereits sein zweites Buch vor. Es sind seine Memoiren. „Die Macht der Nacht“ lautet ihr Titel, nach einer Partyreihe, die 1987 in Berlin losging, dann nach München und Nürnberg zog.

Vom Aufstieg und Niedergang der Berliner Techno-Szene erzählte schon 2012 das Buch „Der Klang der Familie“, eine Montage aus 150 Interviews, auch mit Westbam. Nun spricht er allein. Das scheint manchmal etwas eintönig, vor dieser Folie der polyphonen Oral History des Techno. Es ist aber immer wieder schön, von der ersten Love Parade zu lesen oder davon, wie er mit Tim Renner – heute Kulturstaatssekretär in Berlin, damals bei der Plattenfirma Universal –, seinen ersten Major-Plattendeal aushandelt: „Er sah aus wie ein netter Junge, der einem alles glaubt und alles toll findet.“

Das Buch ist nicht auf Berlin fixiert. Es führt auch in die USA, in die deutsche Provinz, nach England. Westbam erzählt so locker daher, als habe er seine Erinnerungen in ein Aufnahmegerät diktiert und später abgeschrieben. Die Euphorie aber, die einem „Der Klang der Familie“ vermittelt, stellt sich in Westbams Buch nur ganz am Anfang ein, als er seinen ersten Besuch im Club Metropol am Nollendorfplatz in Berlin beschreibt.

Dort hört er Musik, aber es sind keine Lieder, die einen Anfang und ein Ende haben. Er ist schockiert und fasziniert. „Das ganze wirkte wie ein Strudel, der Geräusche von sich gab, während er einen in sich hineinsog.“ Die Tänzer sind ekstatisch. Man hört Schreie, Trillerpfeifen. Es ist von Anfang an der Hedonismus, der Westbam anzieht. Drogen gehören auch dazu, und wie. Wenig später, er ist 19, legt er selbst im Metropol auf.

Besonderer Sound in einer besonderen historischen Situation

Es gibt ein paar schöne Beschreibungen, des DJ-Wesens, das vor allem in dieser Zeit darin besteht, den richtigen Soundtrack für ein bestimmtes Publikum, einen bestimmten Moment zu finden. Die Hierarchie zwischen dem am Mischpult und denen auf der Tanzfläche ist aufgehoben. Im Idealfall verschmelzen sie miteinander. Nur funktioniert das nicht immer. Im Spätsommmer 1989 lud die FDJ Westbam zum Dance Special in die Walter-Seelenbinder-Halle nach Ost-Berlin ein. Westbam legte Hip House auf und musste feststellen, dass dies nicht der Soundtrack zum Untergang der DDR war.

Dann – etwa in der Mitte des Buchs – fällt die Mauer und Techno passt so gut wie nirgendwo anders in die verlassenen Lagerhallen, die maroden Keller und die Industriebauten, in denen die Ostler sich mit den Westlern verbrüdern. Techno war keine deutsche Erfindung, daran erinnert Westbam gern. Aber dass der Sound in dieser besonderen historischen Situation eine metaphysische Energie entwickelte, das spürt er auch.

Als er im Sommer 1990 in den USA auf Tour ist, entwickelt er die verstiegene These, dass die Operation „Desert Storm“ der US-Armee im Golfkrieg nach dem Mauerfall der zweite Faktor war, der den Aufstieg von Techno begünstigte. Erklärt wird das nicht. Aber Westbam kauft sich eine US-Uniform. Wer ihn damit einmal im Tresor gesehen haben sollte, weiß jetzt, was es damit auf sich hat.

Die letzten Jahre nehmen nicht viel Platz ein. Das was man erlebt hat, als man jung war, kommt einem immer bedeutsamer vor. Und in Westbams Fall war es ja tatsächlich so. Die Berliner Clubszene von heute, das Berghain etwa, erwähnt er mit keinem Wort. Dabei lebt Westbam immer noch in Berlin. Aber in diesem Buch geht es weniger um die Geschichte der Techno-Kultur, sondern um den Teil davon, den Westbam geprägt hat.