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Zum Tod von David Bowie: Der Alien war David Bowies allerbeste Rolle

Bowie war stets seine eigene Projektsfläche.

Bowie war stets seine eigene Projektsfläche.

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Brian Duffy_Duffy Archive & The

Die Popwelt ist geschockt, seit sie vom Tod David Bowies erfuhr. Am Wochenende hatte er, zum 69. Geburtstag, sein neues Album „Blackstar“ veröffentlicht, ein kraftvolles, dunkles, mutiges Album, dessen Willen zur Neuerung man ihm nicht mehr zugetraut hatte. Im Vorfeld hatte sein Produzent Tony Visconti stets Gerüchte von der angeschlagenen Gesundheit des Künstlers dementiert – Visconti, Bowies Freund und Mitarbeiter seit den frühen Siebzigerjahren, hatte die Pressearbeit für das Album übernommen. Dass sich Bowie nicht äußerte, daran hatte man sich gewöhnt. Er hatte sich nach einem Herzinfarkt während eines Konzerts 2004 weitgehend zurückgezogen und seit 2006 weder Interviews noch Konzertauftritte gegeben.

Jetzt sitzt man da mit diesem düsteren letzten Album, das er schon mit dem Krebs im Körper eingespielt hat und liest jede seiner gewohnt geheimnisvollen Einlassungen als Abschiedsworte. Er sei kein Popstar, kein Gangster, kein Pornostar, heißt es im Titelsong, den er im Video dazu mit bandagiertem Kopf singt. „Ich bin ein schwarzer Stern“.

Die zweite Single „Lazarus“ ist eine Art Fortsetzung des Films „Der Mann, der vom Himmel fiel“, in dem Bowie 1976 einen Marsmenschen spielte. Das mit dem Album erschienene Video zu „Lazarus“ – zugleich der Titel seines Off-Broadway-Musicals, das am 7. Dezember in New York Premiere feierte – zeigt Bowie in einem Krankenhausbett. „Look up here, I’m in heaven“, schau hoch, ich bin im Himmel, beginnt er den Song, und am Ende des Videos schleicht er zitternd durch eine Schranktür ins Nichts.

Das funkelnde Reptil

Der Alien war seine Paraderolle, auch wenn ihm zeitlebens die Idee anhing, ein Rockchamäleon zu sein. Tatsächlich bestand Bowies innovatives Genie immer darin, musikalische Trends zu spüren und vielverprechende Ansätze zu erkennen und zu verstehen – und dann mainstreamfähig zuzuspitzen und umzusetzen. Anders als beim farbwechselnden Reptil hatte das aber nichts mit Anpassung und mit Tarnen und Täuschen nur auf höchst offensive Art und Weise zu tun. Bowie erfand im Gegenteil stets neue, vorläufige Identitäten. Ziggy Stardust, sein futuristischer Rockstar, der 1972 den Durchbruch bedeutete, war davon nur der schillerndste.
Bowie wurde am 8. Januar 1947 als David Robert Jones im Süden Londons geboren. Er wuchs in soliden, kleinbürgerlichen Verhältnissen auf, zeigte früh künstlerisches Interesse und kreatives Talent, lernte Saxofon und Gitarre.

1962 sang er in einer ersten Band, die im Jahr darauf sogar eine Single veröffentlichen konnte. Wie es der Zeit entsprach, beschäftigte er sich mit Blues und R&B und nahm Schauspiel- und Pantomimeunterricht beim Tänzer Lindsay Kemp, was, so sagte er später, seine Leidenschaft für die Selbstdarstellung und die visuelle Präsentation begründete, die kaum weniger entscheidenden Einfluss auf sein Werk nahm als die musikalischen Wurzeln.

Sein Solo-Debüt von 1967, etwas unentschieden und eigenartig zwischen Music Hall-Tradition und folkiger britischer Psychedelia angelegt, ging jedoch beiläufig unter. Dem zweiten, ein wenig unentschiedenen Album ging es 1969 zunächst nicht viel besser – aber die Single „Space Oddity“, die er clever zum Start von Apollo 11 veröffentlichte, wurde sein erster Chart-Erfolg in Großbritannien. Ihr durchs All driftender Major Tom tauchte auch später immer wieder auf, an durchaus signifikanten Stellen, so als kaputter Junkie in „Ashes to Ashes“, einem Song, mit dem Bowie sich nach einer kommerziellen Durststrecke 1980 zurückmeldete. Als nun im Dezember 2015 überraschend der zehnminütige Titelsong von „Blackstar“ erschien, sah man im Video dazu einen leblosen Astronauten in einer Mondhöhle liegen.

Auf dem vierten Album fand Bowie zu sich selbst

Der Produzent Tony Visconti hatte etliche Bowie-Alben begleitet, nicht darunter war allerdings Bowies – nach „The Man Who Sold the World“ – viertes Album „Hunky Dory“, auf dem der Sänger gleichsam künstlerisch zu sich selbst fand. Im eröffnenden Titel „Changes“ feiert er die ständige Veränderung und meint: „Aufgepasst, ihr Rock’n’Roller, bald seid ihr alt.“
Hier ist auch schon die Band versammelt, die als „Spiders From Mars“ im Jahr darauf das Spektakel um Ziggy Stardust als erstes ausformuliertes Beispiel des Konzepts umsetzt. Bowie trat in einer exzessiven Revue wild geschminkt, grell und drogenschwer in die Rolle des (möglicherweise außerirdischen) Rockstars Ziggy Stardust. Ziggy machte ihn zum Superstar in den USA, und dies, schrill, überkandidelt, sexuell aggressiv und androgyn, als lautes und deutliches Manifest der Queerness.

1973 war Ziggy auch die erste Persona, von der er sich publikumswirksam und dramatisch auf der Bühne löste – spielte Coverversionen, ließ sich für „Diamond Dogs“ von George Orwell inspirieren, gab auf „Young Americans“ den dekadenten weißen Funkateer und wurde für die kalte Dreißigerjahre-Vision von „Station to Station“ zum „Thin White Duke“ – fand Rockstars faschistisch und fabulierte umgekehrt von Hitler als erstem Rockstar. Weiß war nämlich auch das Pulver, mit dem er sich in Los Angeles gesundheitlich und auch finanziell ruiniert hatte.
Ende 1976 flüchtete er nach Berlin, wo er drei Jahre lebte, in denen seine berühmte Berlin-Trilogie entstand – wobei nur das mittlere Album „Heroes“ tatsächlich in den Hansa Studios aufgenommen wurde, wie allerdings auch die von Bowie mit Songs bestückten und produzierten Alben „The Idiot“ und „Lust For Life“ des gleichfalls rekonvaleszenten Iggy Pop, mit dem er in einer Art therapeutischer WG in Schöneberg lebte.

Die Berliner Zeit

Die Berliner Zeit erwies sich jedoch nicht nur gesundheitlich, sondern auch künstlerisch als Erfolg. Bowie experimentierte, unterstützt vom Ambient-Pionier und Avantrocker Brian Eno, auf den lärmigen, instrumental verrauschten und unzugänglichen Alben mit Krautrock und Elektronik. Bowie gelang es dabei nicht nur, sich selbst als modernen Musiker neu zu erfinden. Er beeinflusste damit auch die junge Generation von Wavern und Post-Punks – deren Treiben er andererseits 1980 mit „Scary Monsters“ und Stücken wie „Ashes to Ashes“ und dem Titelsong auf interessante Weise zurückspiegelte.

Aber zugleich verabschiedete er sich mit diesem Album gleichsam aus dem Diskurs – musikalisch folgte mit „Let’s Dance“, seinem größten Erfolg überhaupt, noch ein feines Album. Aber inspirativ war der massive, von Chics Nile Rodgers besorgte Discosound nicht mehr wirklich.

Bowie flanierte seit 1992 mit seiner Frau Iman, einem ehemaligen Supermodel, durch die Kunst-Gesellschaft New Yorks, mit zuletzt 140 Millionen verkauften Alben einer der reichsten Popper der Welt, eine Ikone, die nur noch auf die Musealisierung wartete, die ihn 2013 im Londoner Victoria & Albert Museum – und dann in der ganzen Welt – auch erreichte.

Man hatte ihn, anders gesagt, eher freundlich abgeschrieben, als er sich nach zehnjähriger Pause 2013 mit „The Next Day“ zurückmeldete. Bezeichnenderweise war der schönste Titel des Albums eine Reminiszenz an seine Berliner Zeit: „Were Are We Now?“ fragte er wehmütig und ließ die Kamera an der Mauer entlangfilmen.
Und kurz vor seinem Tod kam dann „Blackstar“. Auch wenn das Album schwermütig wirkt – es zeigt doch, ein letztes Mal, Bowies Lust aufs Neue. Darin nämlich besteht so etwas wie sein Vermächtnis: vom Gefühl der Fremdheit und der Unsicherheit im Sozialen, der Erotik und der Musik nicht nur zu schmachten, sondern sie sexy und geheimnisvoll zu inszenieren. „Die Hosen mögen sich verändert haben“, sagte er in einem Interview, „ aber meine Themen haben sich immer um Isolation, Verlassenheit, Angst gedreht – die Höhepunkte von jedermanns Leben.“


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