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Nachruf auf Rolf Szymanski: Ein Klumpen Metall, der Leben aufwiegt

Der Berliner Bildhauer Rolf Szymanski (1928-2013).

Der Berliner Bildhauer Rolf Szymanski (1928-2013).

Foto:

ADK/Inge Zimmermann, Katalog Akademiefenster

Freunde, Kollegen, Sammler, Ausstellungsmacher nannten das Berliner Bildhauer-Urgestein Rolf Szymanski, der allerdings gebürtiger Leipziger gewesen ist, nicht nur liebevoll „Titus“, sondern auch gern „das barocke Temperament“. Dies wegen seiner „gebündelten“ Metall-Massen. Seine einzige Utopie, sagte er einmal sei, „mit einem Klumpen Material jenes Stück zu finden, das Leben aufwiegt“. Leben, das bedeutete ihm Kraft, Schönheit, Wille, aber auch Zerbrechlichkeit, Ausgeliefertsein an die Zeit und ihre rauen und oft tumben Mächte.

Gestern kam aus der Akademie der Künste Berlin die Nachricht, dass ihr langjähriger Mitstreiter und Vizepräsident, unlängst erst 85 geworden, am 2. Dezember nach schwerer Krankheit verstorben ist. Und es war wohl eine Vorahnung der Akademie-Sektion Bildende Kunst, für die er so lange Jahre aktiv war, diesen Protagonisten der Berliner Bildhauerkunst des späten 20. Jahrhunderts bis November mit einer Schau im Düttmann-Bau am Hanseatenweg zu ehren.

Da waren sie noch einmal alle versammelt, Szymanskis eigenwillige Gestaltzeichen vom Menschen, mit schorfiger (Bronze-)Haut, in amorpher Form. Die Gestalten wirkten, als hätten sie ihre Identität verloren. Kopf, Rumpf, Beine, Arme, alles nur angedeutet. Dieser Bildhauer verwies in seinen knotigen Figuren auf die Autonomie des Gestaltens, somit auf etwas Unzerstörbares in der freien Kunst. Sein Tun beschrieb er als „die Arbeit des Bauens, des Zerstörens, der Bündelung, der Verspannung, der Umwege, bis zu dem Punkt, an dem das angestrebte Bild, die vorgestellte Masse räumlich funktioniert und Leben abgibt“.

Dem "Sozialistischen Realismus" entflohen

Das lässt keinen Zweifel an Wahlverwandtschaften. Es erinnert an das gebändigte Pathos eines Kubisten wie Jaques Lipschitz, an die erotische Kraft und Anmut eines Henri Laurens, schließlich an Giacomettis ausgezehrte, extrem verlängte Figuren. Szymanski, nach dem Krieg zunächst an der Leipziger Kunstgewerbeschule ausgebildet, ging 1950 in den Westen, entfloh dem „Sozialistischen Realismus“ und studierte bis 1955 an der HdK bei Bernhard Heiliger, Richard Scheibe und Paul Dierkes. Später lehrte er daselbst und leitete ab 1970 die Abteilung Bildende Kunst der Akademie der Künste Berlin-West.

Vor allem Bernhard Heiliger ermutigte Szymanski zu seinen formalen Experimenten, Masse und geschlossenes Volumen aufzubrechen und in eine offene, von Spannung statt Statik gehaltene Skulptur zu verwandeln. Zu sehen ist das bei den Bronzen im Berliner Raum: Die „Flucht aus der Zeit“, eine Schenkung der Kunststiftung Piepenbrock an die Berlinische Galerie 2004, steht vor dem Haus zur Alten Jakobstraße hin. Oder die große Figurengruppe der „Anabase“ und der „Dresdner Frauen, Figur II“ vor dem Max-Delbrück-Zentrum im Klinikum Buch. Oder die witzige „Fette Henne“ im Britzer Garten. Und die Nationalgalerie besitzt die entrückte „Warschauer Nixe“ von 1960.

Szymanskis Thema zieht sich durchs ganze große Werk. Es war die menschliche, aber nie personalisierte Gestalt. Schorfiges, Unfertiges ist typisch. Brockig geknetet, aus scharfkantigen und buckligen Einzelteilen zusammengepresst, stehen die Figuren fürs Kreatürliche. Leibhaftiges, gegossen in Metall. Die räumliche Wirkung entfaltet sich durch die lebhafte Modulation, Drehungen, Wendungen der Körper, der Wölbungen, Vertiefungen, Glätten und Aufbrüche der metallenen oder gipsernen Oberfläche.

Beredt auch die kleinen Bronzen und Gipse: Sie versinnbildlichen Zerbrechlichkeit, Ausgeliefertsein an die Zeit, öfter versehen mit Fundstücken, als Zeugnisse uralter Geschichte. Ein Hufnagel etwa. Mit solchen archaischen Relikten beschwörte Szymanski Gedanken an ein vorgeschichtliches Erdzeitalter, als eruptive Kräfte zerstörerisch und schöpferisch zugleich waren.