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Nachruf auf Ulrich Beck: Katastrophale Metamorphosen

Ulrich Beck

Der Münchner Professor und Soziologe Ulrich Beck (Archivfoto aus dem Jahr 1998). Beck ist im Alter von 70 Jahren gestorben.

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dpa

Ulrich Beck im Handgemenge. So sehe ich ihn vor mir: ein Musketier, den die Gegner scharenweise anfallen, der sie aber lachend besiegt. Und man weiß nicht, ob er es mit Waffen tut oder ob nicht dieses Lachen seine effizienteste Waffe ist. Denn obwohl sonst keiner mehr aufrecht steht, ist doch niemand verletzt. Und der Musketier Beck lädt sie alle ein: etwa zum großen Bankett seines „Sonderforschungsbereichs 536 Reflexive Modernisierung“. In Wahrheit kämpft Ulrich Beck nicht gegen Gegner, sondern mit der Wirklichkeit, zu der für einen Wissenschaftler nicht nur alles gehört, was der Fall ist, sondern auch alles, was über den Fall gesagt wird.

Der erfahrene Haudegen Beck weiß natürlich, dass es die Wirklichkeit nicht gibt. Es gibt sich fortwährend multiplizierende Wirklichkeiten, denen mit Allgemeinbegriffen nicht beizukommen ist. Jedes ihrer Gifte braucht ein ganz persönliches Gegengift. Und jede ihrer niedergestreckten Gestalten kann auferstehen, sich in Windeseile verändern und wieder in den Kampf ziehen. Beck nimmt das nicht krumm. Er sitzt nicht in den Ecke und nennt die Wirklichkeiten gemein. Es macht ihm Spaß, sich ihnen zu stellen.

Schon schwingt er ein im Theorielabor frisch geschmiedetes Schwert gegen den neuen, alten Feind. Er spaltet ihn. Jetzt sind es zwei. Die Analyse allein wird den Gegner nicht zur Strecke bringen. Beck muss ihn auch synthetisieren. Sonst wird er seiner nicht habhaft. Er muss ihn in allen seinen Formen mit diesen genau angepassten Mitteln schlagen. Aber besiegen wird er ihn nur, wenn er ihn erkennt. Das heißt, er darf auf die Verkleidungen nicht hereinfallen.

Die Wirklichkeit ist Becks Heldin

Wer findet, mein Vokabular wird hier erotisch, der täuscht sich nicht. Der Kampf des Musketier ist auch ein Balztanz, und Ulrich Becks Verhältnis zu den multiplen Wirklichkeiten ist auch ein Verhältnis. Die Wirklichkeit ist seine Heldin, und er liebt ihre tausend Gestalten. Man sieht das schon daran, dass die allgemeinen Begriffe, mit denen er ihr zu Leibe rückt, alle so klingen, als wollten sie sie ändern, dass er aber ihren Reiz gerade darin sieht, sie als Beschreibungen von etwas Tatsächlichem zu nehmen.

Kosmopolitismus zum Beispiel ist für Ulrich Beck keine – gegen den uns gewissermaßen eingefleischten Nationalismus – zu erkämpfende Tugend, sondern all das, was in unserem Alltag schon kosmopolitisch ist: von den Jaffa-Orangen, dem Blumenverkäufer aus Sri Lanka bis zu den Ferien in den australischen Outbacks. Beck schafft es, mitten im Kampf, Spuren zu lesen. Er ruft uns zu, was er sieht. Wir hören nur „reflexive Modernisierung“, wenden uns ab.

Beck aber will, dass wir mitkämpfen. Nicht, weil er das Gefühl hätte, es allein nicht zu schaffen. Nein, es macht einfach mehr Spaß, mit anderen zusammen zu raufen. Also lacht er uns und spricht vom ganz normalen Chaos der Liebe. Das auch dadurch entsteht, dass wir nicht nur tun und darüber denken, sondern auch noch darüber denken, wie wir denken über das, was wir tun. Das aber immer mitten drin im Handgemenge. Rufend und lachend, anfeuernd und fragend.

Globalisierte Welt definiert Rolle des Nationalstaates

Das hier ist alles falsch. Schon das Tempus: Ulrich Beck ist tot, Vergangenheit. Am 1. Januar starb er, 70-jährig, an den Folgen eines Herzinfarkts. Was ich beschrieben habe, ist meine Beck-Fantasie. Gut kannte ich ihn nicht. Aber ich erinnere mich: Als wir vor Jahren einmal in einem Seminarraum des soziologischen Instituts in München an einem Resopaltisch saßen und ich mich lustig machte darüber, dass wir von einer so ärmlich-begrenzten Stelle aus über die Ordnung der Welt herzogen, lachte er schallend und sagte: Was sonst soll ich tun? Er hatte natürlich recht. Was sonst soll ein Mensch, ein Soziologe nun gar, anderes tun, als sich klar werden über den Zustand der Welt?

Dass es der Zustand der Welt sein musste, war allerdings schon eine Beck’sche Erkenntnis. Der Nationalstaat, bisher weitgehend der Orientierungsrahmen der Soziologie, hatte zwar nicht ausgedient. Aber zunehmend definierte nicht mehr das Zusammenspiel der Nationalstaaten die Welt, sondern umgekehrt wies die globalisierte Welt den Nationalstaaten ihre Rollen zu. Das war eine der Verwandlungen der Wirklichkeit, die Ulrich Beck veranlassten, das überkommene Begriffsarsenal der Soziologie Stück für Stück zu ersetzen oder umzuschleifen.

Individualisierung

Eine andere, damit einhergehende und ihr auf den ersten Blick widersprechende war die Individualisierung. Die aus ihren nationalen Containern entlassenen Individuen wurden nicht eingeschmolzen in eine neue Weltbürgerlichkeit, sondern suchten sich auf dem globalisierten Markt nicht nur ihre Kleider, Taschen und Filme aus, sondern auch ihre Überzeugungen, ja ihre sexuellen Identitäten. Oder sie weigerten sich, das zu tun. Immer weniger Menschen wuchsen in sich für selbstverständlich haltenden Umgebungen auf. Das war den einen Verheißung, aber andere hassten die neue Freiheit. Sie wollten wieder rein in die alten Container, oder sie schufen sich neue.

Alles falsch. Wieder das Tempus. Das war ja nicht so. Das ist so. Ulrich Beck hat unsere Gegenwart beschrieben. Er hat sie erkannt. Er liebte sie als ein Multiple. Wäre sie einfach gewesen, er hätte sich nicht abgegeben mit ihr. Er liebte sie auch, weil er das Gefühl hatte, Teil einer epochalen Veränderung zu sein. Sicher gab es Augenblicke, da er das Gefühl hatte, die Zeit denke sich durch ihn. Wie ein Judoka dem Bewegungsfluss des Gegners folgt und im entscheidenden Moment einen Fuß, einen Handgriff anders setzt und den anderen so aushebelt, so mochte Ulrich Beck den Metamorphosen der Gegenwart folgen, um sie in entscheidenden Momenten zu stellen und uns, seinen Lesern und Zuhörern, vorzuführen.

Beck lehrt, in Metamorphosen zu leben

Für einen Augenblick sehen wir, dass die Familien zerbrechen. Aber wir sehen auch, dass es falsch wäre, nur die Zerstörung zu sehen. Man kann beobachten wie aus der Kaulquappe ein Frosch wird. Der Zoologe nennt das eine katastrophale Metamorphose. Ulrich Beck hat uns beigebracht, mitten in solchen Metamorphosen zu leben. Uns selbst verändernd. Beeindruckt und heiter. Er hat uns geholfen, uns nicht aus lauter Furcht vor der Freiheit in alte oder neue Schneckenhäuser zu verkriechen. Die zweite Moderne, in der wir leben, ist voller Verheißung. Und Schrecken. Das Leben macht uns zugleich Angst und Freude – das hat er uns gezeigt.