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Nachruf Katja Paryla: Decket euch mit Mondlicht zu

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Schauspielerein Katja Paryla (1940 - 2013)
Schauspielerein Katja Paryla (1940 - 2013)
Foto: dpa
Berlin/Wölsickendorf –  

Katja Paryla stand im Zentrum des DDR-Theaters, sie spielte am Deutschen Theater in Inszenierungen ihres damaligen Lebensgefährten Alexander Lang und wurde berühmt für ihren Einsatz als Hexe in der Kinderfernsehserie "Spuk unterm Hochhaus". Am Sonntag starb sie mit 73 Jahren nach schwerer Krankheit.

Es war ein Land mit hohen Burgen aus Stein und Glas. Regiert wurde es von König Pittiplatsch I. Seine Vorrats- und Schatzkammern standen dem Volke offen. Drei ganz normale Geister − ein Zwerg, ein Riese und eine schöne Hexe − hat es in dieses seltsame Land verschlagen, dessen Einwohner sie nun verfolgen, weil diese ihrerseits die drei Fremden so seltsam finden. Wir schreiben das Jahr 1979, bei den Burgen handelt es sich um die Häuser des Lehrers, des Reisens und der Elektroindustrie sowie um das „Hotel Stadt Berlin“ am Alexanderplatz; die Schatzkammer nannte man „Centrum Warenhaus“. Die drei Verfolgten trennen sich, um sich für die Flucht mit Gold und Würsten zu bevorraten und ein geeignetes Vehikel zu besorgen. „Hab ich den rechten Besen, geb ich ein Zeichen und werd’ fleuchen in die Höh!“, sagt die schöne Hexe, gespielt von Katja Paryla. Die Schauspielerin ist am Sonntag, zu Hause im brandenburgischen Wölsickendorf nach langer, schwerer Krankheit gestorben.

Die Suche nach einem geeigneten Flugbesen gestaltet sich in der großartigen Kinderserie des DDR-Fernsehens „Spuk unterm Riesenrad“ von Claus Ulrich Wiesner (Buch) und Günter Meyer (Regie) schwierig, ist aber erfolgreich: Die Hexe klaut, nach ausführlicher Beratung durch eine vergleichsweise freundliche Verkäuferin, einen Omega HSS 09 − einen Handstaubsauger aus dem VEB Elektrowärme Altenburg. Zu Pink-Floyd-haften Synthie-Klängen (Musik: Thomas Natschinski) sieht man die drei lebendig gewordenen Märchenfiguren durch Berlin fliegen − vom blanken Alex, über das unsanierte Prenzlauerberg, Richtung Harz, Hexentanzplatz. Als es Nacht wird und der Mond leuchtet, landen die drei im Wald, und Katja Paryla spricht mit magischer, irritierend erregender Stimme einen Gutenachtgruß: „Flugs ihr Geister, geht zur Ruh, decket euch mit Mondlicht zu.“

Viele, ganz verschiedene Rollen

Katja Paryla wurde 1940 in eine Theaterfamilie geboren. Ihre Mutter Sybille Paryla, ihr Vater Emil Stöhr (eigentlich: Paryla) und dessen Bruder Karl Paryla spielten damals − wie viele, aus Hitlerdeutschland exilierte Theaterleute − im Zürcher Schauspielhaus. 1955 ging Katja Paryla mit ihrem Vater nach Berlin, studierte erst Modegestaltung in Weißensee, dann Schauspiel in Schöneweide. Prompt folgten Hauptstadt-Engagements an der Volksbühne (1963-67), am Maxim-Gorki-Theater (1967-77) und am Deutschen Theater (1977-89), wo sie vor allem in Inszenierungen ihres Lebensgefährten Alexander Lang spielte − unter anderem die Titania im „Sommernachtstraum“ (1980) und Titelrollen wie Iphigenie (1984) und Medea (1986). Diese Jahre nannte Paryla ihre künstlerisch wichtigsten. Sie konnte sich in vielen, ganz verschiedenen Rollen − als Brecht-Schauspielerin, als Tragödin, als Komödiantin − beweisen. Nach dem Weggang von Lang in den Westen 1986, gab es für Paryla am DT weniger zu tun. 1990 debütierte sie als Regisseurin am DT, passend zur Wende mit Ionescu-Farcen, und spielte dann am Schillertheater − bis zu dessen Schließung 1993 (Oberspielleiter: Alexander Lang). Danach mied sie als Schauspielerin die Bühne, ging als Oberspielleiterin nach Weimar und inszenierte, anfangs vor allem in der stilisierten Weise Alexander Langs. Von 2004 bis 2008 übernahm sie die Leitung des Schauspiels Chemnitz. Sie war Mitglied der Akademie der Künste − und malen konnte sie auch.

Mittlerin von Aufbruchsfantasien

Auf der Bühne und im Fernsehen war sie immer seltener zu sehen. Aber es gibt ja die Spuk-Serie auf DVD: Gespenster in der DDR! Ein Riese, der in einem lebenden Karpfen aus der Spree den Kopf abbeißt! Volkspolizisten, die sich zum Gespött machen! Fastnackte auf dem Alex! Und dieses fliegende Fluchtfahrzeug! Wenn die aus Versehen in die falsche Richtung geflogen und gegen die Gedächtniskirche gedonnert wären! Oder mit Absicht! Und das alles bei uns im Ostfernsehen! Das Herz des hier schreibenden, damals achtjährigen, (eher west-)fernsehsüchtigen DDR-Bürgers, erfüllte sich mit Heimatstolz und Freude.

Für solche geistigen Hoffnungsschübe und Aufbruchsfantasien war im realexistierenden DDR-Alltag vor allem das Theater zuständig, das aber den Augenblick kaum überlebt − und schon gar kein zusammengebrochenes System. Katja Paryla spielte und wirkte im Zentrum dieses untergegangenen Theaters, das in jenem seltsamen Land sehr wichtig war.

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