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Nachruf Klaus Schmidt: Das Rätsel von Göbekli Tepe

In der Archäologie gibt es kaum Gewissheiten. Aber dass erst Kulturen, die Ackerbau betreiben, Dörfer, Städte und hierarchische Gesellschaftsstrukturen entwickeln, in der Lage sind, monumentale Tempel zu errichten, darüber war man sich lange einig. Bis vor fast genau 20 Jahren der Berliner Archäologe Klaus Schmidt in Göbekli Tepe mit Grabungen begann.

Die karge Felsenplatte nahe der Stadt Sanliurfa markiert den Nordrand des „Fruchtbaren Halbmonds“ um die syrischen Wüsten. Er gilt als Ursprung der heutigen Agrargesellschaften. Unter Schmidts Leitung wurden hier die Reste von etwa 12 000 Jahre alten Bauanlagen freigelegt, darunter schlanke, abstrakt menschliche Stelen in T-Form mit zarten, ästhetisch wie technisch exquisiten Reliefs. Der Tempel eines Bergkultes, meinte Schmidt. International berühmt wurde Göbekli Tepe dann mit der Ausstellung in der Karlsruher Kunsthalle 2007. Schmidts Buch„Sie bauten die ersten Tempel. Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger.“ (Beck-Verlag München, 2007) war eine Sensation, schnell auch in der dritten Auflage vergriffen, nur die türkische Ausgabe ist noch zu erhalten.

Bisher fanden sich keine Reste in Göbekli Tepe, die auf eine Dauerbesiedlung mit Bauernhöfen oder gar einer Stadt hindeuten. Geschaffen wurden die Bauten, so Schmidt, also wohl von Jägern, deren Stammesverbände zwischen Sibirien, Palästina und Westeuropa wanderten, sich an zentralen Orten wie Göbekli Tepe trafen und dort ihre Tempel bauten. Wobei die Arbeit selbst der Kult war: Nach Schmidts Erkenntnissen wurden diese Riesenbauten regelrecht beerdigt, konnten nie besucht werden; deswegen sind sie auch so gut erhalten.

Unermüdlich bemühte er sich um den Perspektivenwechsel auf unsere Vergangenheit. Nicht der traditionell die Wissenschaft beherrschende Gegensatz von angeblich „primitiven“ Jägern und „entwickelten“ Bauern sollte ihn beherrschen, meinte Schmidt, sondern der Blick auf die reichen Wechselbeziehungen und die Möglichkeiten, die nomadische Kulturen haben.

Und doch waren ausgerechnet die Grabungen Schmidts, der sich unermüdlich um gute deutsch-türkische Beziehungen bemühte, 2011 mit Anlass zu einem kulturpolitischen Erdbeben: Nach dem Raub einer erst halb freigelegten Stele vom Gelände der Grabung zahlte das Deutsche Archäologische Institut zwar 70 000 Euro Entschädigung; der Raub ist bis heute nicht aufgeklärt. In der Zeitung Hürriyet begann eine übel nationalistische, vom türkischen Kultusministerium schnell übernommene Hetze gegen „ausländische“ Archäologen, die das Land angeblich „ausplünderten“. Die mehr als 100-jährige Zusammenarbeit der Ausgräber in Kleinasien wurde schwer belastet.

Aber als bekanntwurde, dass Klaus Schmidt am Montag im Alter von nur 61 Jahren beim Badeurlaub an der Ostsee verstarb, rühmte auch Hürriyet seine große Leistung, die Entdeckung einer zum Monumentalen fähigen Jägerkultur. Dieser Verlust ist nicht nur für die Familie, sondern auch für die Kulturwissenschaften unermesslich groß.